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Es nützt nichts, jetzt die Augen zu schließen

Ferdinand von Schirachs neuer Band »Strafe« beleuchtet kuriose Kriminalfälle

  • Von Michael Hametner
  • Lesedauer: 3 Min.

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Nicht einmal zehn Jahre hat er gebraucht, um zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands zu werden. Seine Bücher erscheinen in Millionenauflage in insgesamt 40 Ländern. Offensichtlich sind es gerade die menschlichen Abgründe, von denen die Menschen gerne lesen. Vielleicht wollen sie ergründen, ob sie das auch könnten: Morden, und zwar am besten so, dass sie dafür nicht bestraft werden. Dank eines guten Anwalts wie Ferdinand von Schirach. Eines Anwalts und Schriftstellers.

Da ist die Geschichte von der Frau, die beschuldigt wird, ihr Kind getötet zu haben. Sie wird zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Schirach erzählt die Vorgeschichte in einem kühlen Berichtsstil: »Sechs Monate später wird sie entlassen. Zu Hause sitzt ihr Mann auf der Couch. Er hat sie nicht abgeholt, obwohl sie ihm geschrieben hat. Ihr Brief liegt auf dem Küchentisch, das Papier ist schmutzig und hat Ringe von den Bierflaschen.«

Der Mann hatte von seiner Frau verlangt, dass sie die Schuld an dem Tod ihres gemeinsamen Kindes auf sich nehmen solle. Er sei vorbestraft, während sie nur eine kleine Strafe bekommen würde. Als die Frau sieht, dass er derselbe Trinker und Schläger geblieben ist, rächt sie sich. Während er die neue Antenne montiert, versetzt sie ihm einen Stoß, und er stürzt vom Balkon. Weil es wie ein Unglück aussieht, wird sie dafür nun nicht bestraft.

In einer anderen Kurzgeschichte erzählt Schirach auf nur sieben Seiten von einer Fotografin, die eine Perlenkette im Ehebett findet. Sie legt die Kette auf die Treppe, um ihrem Mann zu zeigen, dass sie von seinem Betrug weiß. Er bekommt seine Strafe, denn er rutscht auf der Kette aus. Fortan ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Am Ende der letzten Geschichte in diesem Band, die von einem Jugendfreund handelt, der sich nach einer gescheiterten Ehe das Leben nimmt, tritt Schirach als Autor selbst auf: »Ich dachte, ein neues Leben wäre leichter, aber es wurde nie leichter. Es ist ganz gleich, ob wir Apotheker oder Tischler oder Schriftsteller sind. Die Regeln sind immer ein wenig anders.«

Ferdinand von Schirach, der den Vorteil einer großen Kenntnis von tragischen, berührenden und kuriosen Justizfällen besitzt, weiß das alles in seinem sehr reduzierten Erzählstil zur Wirkung zu bringen. Wenn er seine Geschichten literarisiert und das Verbrechen in seinem neuen Band »Strafe« vor allem mit Einsamkeit zusammenbringt, erwecken die Texte bisweilen den Eindruck blühender Fantasie. Etwa in der Geschichte mit der Sexpuppe, die ihr Besitzer zu einem Phantom macht, das er mit einem Baseballschläger verteidigt. Oder wenn er von dem Mann erzählt, der es nicht ertragen kann, dass neben seinem Haus am See andere Ferienhäuser entstanden sind, und der schließlich die Nachbarin erschießt.

Drei der zwölf Geschichten scheinen eigens erzählt zu sein, um uns juristische Sonderfälle anschaulich zu vermitteln. Da im deutschen Recht niemand für eine begangene Tat zweimal verurteilt werden darf, konnte ein Mann für den Besitz von fünf Kilogramm Drogen nicht verurteilt werden, weil er im selben Zusammenhang wegen eines läppischen Verkehrsdelikts schon seine Strafe bekommen hatte.

»Strafe« garantiert zwölfmal Einblicke in menschliche Abgründe und damit dem Leser gute Unterhaltung. Sätze wie der letzte des Buches, in dem Schirach ein neues Leben nicht für eine wirkliche Chance hält, weil die Fremdheit bleibt und die Einsamkeit und alles andere auch, sollen nach Literatur klingen, sind aber für ihre Größe ziemlich leer. Nullsätze. Es ist so, als würde ich sagen: Es nützt nichts, jetzt die Augen zu schließen, irgendwann muss ich sie wieder öffnen.

Ferdinand von Schirach: Strafe. Stories. Luchterhand, 192 S., geb., 18 €.

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