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Titten rein, es ist Sommer!

Caren Miesenberger über nackte Männeroberkörper und was sie mit der Herrschaft des Patriarchats zu tun haben

  • Von Caren Miesenberger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hitze und Sexismus: Titten rein, es ist Sommer!

Die Temperaturen klettern auf jenseits der 30 Grad, Ventilatoren sind ausverkauft, deutschlandweit ächzt und keucht es in Büros, Bussen und auf den Straßen: Eine Hitzewelle überrollt das ganze Land. Was tun? Am Liebsten würde man gleich ohne Shirt das Haus verlassen. Zu dieser Tat schreiten einige - und sie ist nicht nur ein Weg, sich Abhilfe von der Hitze zu verschaffen, sondern auch eine Machtdemonstration im öffentlichen Raum: Sommerzeit ist Mackerzeit.

Während Frauen ihre Brustwarzen nicht zeigen dürfen, weil dies als Ordnungswidrigkeit geahndet werden kann, ist jeder Mann ohne T-Shirt im öffentlichen Raum eine politische Performance des Patriarchats. Mackertum erlebt in den heißen Monaten des Jahres Hochkonjunktur. Der Sommer zeigt, dass der öffentliche Raum männlich dominiert ist - und zwar cis-männlich dominiert, also von denjenigen Männern, die bereits nach der Geburt ihr Geschlecht als männlich zugewiesen bekommen haben und sich bis heute entsprechend identifizieren. In Rudeln stehen sie vor den Kiosken deutscher Großstädte, saufen Bier, grölen Frauen hinterher. Und das oft ohne T-Shirt. Ist der Sommer für alle da? Nein, er ist es nicht. Die Hitzewelle macht deutsche Städte noch mehr zu Mackerterrain, als sie es ohnehin schon sind. Diskursiv werden alle, die keine Cis-Männer sind, in ihre normativen Schubladen gepresst und aus dem öffentlichen Raum verbannt. »Na, du Geile!«, ruft mir ein schicker Tennisspieler im Hamburger Nobelviertel Blankenese hinterher, als ich mit kurzem Rock auf dem Fahrrad an ihm entlangfahre. Ein Mann in kurzen Shorts, egal, wie aufreizend sie sind, hätte diesen Spruch wohl kaum zu hören bekommen. Wirklich genießen können den Sommer nur Männer.

Caren Miesenberger, Journalistin, schreibt zu Gender-Themen in Deutschland und Brasilien.
Caren Miesenberger, Journalistin, schreibt zu Gender-Themen in Deutschland und Brasilien.

Das weiß auch Magda Albrecht, Fat-Aktivistin und Autorin, die sich dafür einsetzt, dass alle Körper unabhängig von ihrer Größe akzeptiert werden. »Laufe ich armfrei oder in einem kurzen Rock auf der Straße, kann ich mit Blicken oder respektlosen Sprüchen rechnen. Ziehe ich mir eine lange Jacke rüber, wird kommentiert, dass ich mich doch nicht so haben soll und ›einfach selbstbewusst‹ zu meinem Körper stehen soll. Mir persönlich wird im Sommer immer ganz besonders bewusst, wie stark die öffentliche Normierung und Sanktionierung von Körpern, die von der Norm abweichen, ist«, sagt sie. »Zum einen werden wir also mit gut gemeinten, aber oberflächlichen ›Lieb dich selbst und trag einfach, was du willst‹-Botschaften bombardiert, zum anderen ist die alltägliche Abwertung und Diskriminierung besonders stark im öffentlichen Raum«, so Albrecht weiter.

Man könnte nun einwenden: Wie prüde, sollen doch alle ihre Shirts ausziehen! Ist das spießig, ein Ausziehverbot zu fordern! Welch’ Borniertheit, das Adamskostüm zu gängeln! Gewiss: Nicht alle Männer können oben ohne rumlaufen. Trans-Männer zum Beispiel, wenn sie ihr Geschlecht operativ angeglichen haben und Narben im Brustbereich sichtbar sind. Oder dicke Männer, die wegen ihrer Körperform beleidigt werden. Männer of Color, die dann sofort als verwahrlost angesehen werden. Ihre Bewegungsfreiheit und ihr Wohlbefinden werden durch respektlose Sprüche eingeschränkt. Aber: Ganz sicher können Frauen und Queere nicht oben ohne rumlaufen, geschweige denn in kurzer Kleidung - unabhängig von ihrer Körperform. Dafür sorgen Macker, indem sie mit Sprüchen die gesellschaftliche Norm herstellen. Muss ja alles seine Ordnung haben!

Aber was ist eigentlich so schwer daran, sein Shirt anzulassen und auf die Performance von Hypermaskulinität zu verzichten? Weshalb nicht einen Augenblick innehalten und die eigene Dominanz im Raum reflektieren - oder aber, wie man dazu beiträgt? Es ist ein Privileg, sanktionsfrei viel Haut zeigen zu können. Nicht nur gesetzlich, auch in der Popkultur: So löscht das soziale Netzwerk Instagram Fotos von weiblichen Brustwarzen ganz rigide, während Cis-Männer ihre Titten zeigen können, wie sie Lust haben. Aber es ist halb so schlimm, denn das lässt sich ja ganz einfach ändern: Wer ein Typ ist, kann sein Shirt einfach anlassen und Menschen jeden Körpers unkommentiert ihr Ding machen lassen, egal, welche Kleidung sie tragen. Männer, nehmt euch im öffentlichen Raum zurück! Zieht eure Kumpels zur Verantwortung, wenn sie Frauen hinterherrufen! Lasst uns alle zusammen einen schönen, gemeinsamen Sommer haben! Hitzefrei für Hypermaskulinität! Damit der Sommer wirklich für alle schön ist.

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