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Ohne Besserwisserei

Wie Egon Krenz auf China blickt

  • Von Wolfram Adolphi
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ohne Besserwisserei

Er hat ein Buch über China geschrieben, und das ist gut so. Denn er tut es verantwortungsbewusst, bereit, sich dem Neuen und Andersgearteten ohne Feindseligkeit und Besserwisserei zu öffnen und dafür auch eine Überprüfung und gegebenenfalls Korrektur der eigenen Ansichten in Kauf zu nehmen. Und es ist gut, dass er sich um ein Weiteres selbst erkennbar macht: der letzte, kurzzeitige Generalsekretär des ZK der SED und Staatsratsvorsitzende der DDR, der im vereinigten Deutschland wegen seiner Mitverantwortung für das DDR-Grenzregime vier Jahre im Gefängnis saß.

Zum Ausgangspunkt seiner Betrachtung nimmt Egon Krenz seinen Besuch beim 19. Parteitag der KP Chinas im Oktober vergangenen Jahres, zu dem er von der chinesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften eingeladen worden war. Und er ist in seinem neuen Buch selbstverständlich im Streitmodus. Es ärgert ihn, dass das in der Bundesrepublik gezeichnete China-Bild »weit ab von der Realität« bleibt, führt diesen Umstand auf den Antikommunismus - ein »beharrlich klebendes Pech« - zurück und setzt dem die Überzeugung entgegen, »dass die Rolle als Pionier des Menschheitsfortschritts, die im 18. Jahrhundert Frankreich mit der Revolution von 1789 und im 20. Jahrhundert Russland mit der Oktoberrevolution gespielt haben, im 21. Jahrhundert auf die Volksrepublik China übergegangen ist«.

Das ist kühn und für deutsche Ohren ungewöhnlich formuliert, und vielleicht macht sich beim Lesen Skepsis breit, zumal da Sätze vorkommen wie: »Ich vertraue chinesischen Verlautbarungen mehr als tendenziös zusammengestellten Materialien übelwollender Außenquellen.« Ja, gibt es nicht noch Etliches dazwischen? Aber alles, was Krenz dann an Fakten, Beobachtungen, Gesprächen und Schlussfolgerungen präsentiert, regt dazu an, auch einmal der eigenen Skepsis skeptisch zu begegnen.

Denn die unerhört rasche und erfolgreiche Entwicklung Chinas seit 1978, die weltgeschichtlich beispiellose Modernisierung, die Überwindung der Armut für Hunderte Millionen Menschen - das sind doch keine Hirngespinste oder Propagandafloskeln, sondern Tatsachen, beizeiten auch anerkannt von großen Staatsmännern wie etwa vom Altkanzler Helmut Schmidt. Und sie wurden errungen unter Führung der kommunistischen Partei.

Zu den Stärken der Darstellung von Krenz gehört, dass sie auch die »trotz Irrungen und Wirrungen, trotz großer Sprünge und der Kulturrevolution« sichtbare Kontinuität in den Blick nimmt. Wo anders in der kommunistischen Bewegung gab es das, dass der aktuelle Generalsekretär, Xi Jinping, in Begleitung seiner noch lebenden Vorgänger - Jiang Zemin und Hu Jintao - in den Tagungssaal tritt? Und der Parteitag sich seiner Ahnenreihe mit Marx und Lenin und so unterschiedlichen Parteiführern wie Mao Zedong und Deng Xiaoping versichert?

»Die Tatsache, dass China ein sozialistisches Land ist, bedeutet ja keineswegs, dass China schon den Sozialismus hat. Der sozialistische Staat ist die Grundlage dafür, dass die neue Gesellschaftsordnung überhaupt gestaltet werden kann«, schreibt Krenz. Seine Überlegungen zum chinesischen Sozialismus verbindet er mit einer kurzweiligen Darstellung von Reiseerlebnissen und Begegnungen, womit er die Subjektivität seiner Sicht auf China unterstreicht. Er ist selbstbewusst genug, sein Buch mit einem Kapitel abzuschließen, in dem er sein Wirken für eine Wiederannäherung der DDR an China seit 1983 beschreibt. Es war bisher so noch nirgendwo zu lesen, wie Erich Honecker, auf seine in die 1950er Jahre zurückgehende Freundschaft mit KP-Generalsekretär Hu Yaobang bauend, gegen den Willen der KPdSU-Führung auf eine Normalisierung mit Beijing hinarbeitete und dabei Krenz als Eisbrecher einsetzte. Aufschlussreich auch Krenz’ Informationen über seinen Besuch in Beijing im Oktober 1989. Ein schmales Bändchen, sehr lesenswert - wie immer man zu Krenz oder China steht.

Egon Krenz: China, wie ich es sehe. Edition Ost, 155 S., br., 12,99 €.

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