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Ist das noch Pop?

»Age of« - das neue Werk von Oneohtrix Point Never

Ah, ein Cembalo. Klingt nobel und auch ein bisschen albern, nach verschwenderischem Hochadel in parfümierten Perücken. Diese Vorstellung von Herrschaft muss natürlich hinterfragt werden, dachte sich Daniel Lopatin, weshalb es dem Titelstück »Age of« seines jüngsten Albums alsbald an den machtgestärkten Kragen barocken Schönklangs geht: Verzerrungen und Krach okkupieren den Track, naheliegende Assoziationen werden zerstört. Der Lärm steht, wenn man so will, für eine andere Geschichte von unten.

Was man nicht alles heraushört, wenn man entsprechende Informationen hat. Ist das eigentlich noch Pop? Und wenn nicht, was wäre es dann? Kultursoziologisch betrachtet, ist die Sache einigermaßen klar. Wenn etwa Martin Kippenbergers vertrackt-ironische Installationskunst kluger Kunst-Kanon-Pop ist oder die herrlich krachigen frühen Platten von Sonic Youth als wegweisende Popphänomene gehandelt werden, sind Alben, die bisweilen klingen wie vollgestopfte Häuser, die vor lauter übergeschnappten Möbeln auf LSD aus sämtlichen Nähten platzen, nichts anderes.

Sofern man nicht bloß radiogerechte Songs von Coldplay, Drake und Ariana Grande unter den Begriff subsumiert, ist Pop ein, zumindest theoretisch, erfreulich weites Feld. »Theoretisch«, weil einem das avancierte Häckselpop-Werk des Wahl-New-Yorkers Lopatin, besser bekannt unter seinem kryptischen Alias Oneohtrix Point Never, an dünnhäutigen Tagen durchaus auf den Keks gehen kann. Aber gut: Gleich, ob der 36-Jährige wie auf »R Plus Seven« von 2013 emulierte Plastikorchestersounds und Ha-Ha-Ha-Chöre à la Art of Noise in höchste Schlumpfhimmelshöhen sakralisiert oder Trash Metal, Industrial und EDM für Doofies assoziativ verschmelzen lässt wie auf »Garden of Delete« aus dem Jahr 2015, enorm viel Witz und Eigensinn hat seine Musik allemal.

Dass der Mann einen inspirierenden Hau hat, haben unter anderem Anohni, Iggy Pop, David Byrne, FKA Twigs und Sofia Coppola bemerkt. Vor Kooperationen kann sich der russlandstämmige Keyboardnerd nicht retten. Aber New Yorks Mieten sind bekanntlich enorm, auch deshalb nimmt Lopatin sehr viele Aufträge an.

Freilich klingt er, zumal als Produzent, selten so extrem wie als Oneohtrix Point Never. Und obgleich Lopatins mittlerweile achtes Album »Age of« ein paar süffig poppige Momente mehr bietet als frühere Arbeiten und Anohni oder James Blake darauf mitwirken, formatradiotauglich ist hier rein gar nichts. Im Zentrum der Platte, sagt Lopatin vollmundig, stehen Zeit- und Machtfragen. Grenzen werden verwischt, vermeintlich hohe Klassikorchester-Kunst wird konterkariert von möglichst billig klingenden Midi-Sounds. Es ist Musik, die vor allem von Gegensätzen lebt, deren Quellen - R&B, Sci-Fi-Soundtracks, Folk, New-Age-Musik - assoziativ oder strategisch verschmolzen werden. Und zwar bestenfalls so konsequent irre, dass der Gefühlskitsch, der in mancher Melodie theoretisch anklingen könnte, zu etwas mutiert, das es streng genommen gar nicht geben kann.

Oneohtrix Point Never: »Age of« (Warp/ Rough Trade)

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