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Zu viel Schwein gehabt

Das Alte Museum zeigt die interdisziplinäre und sammlungsübergreifende Sonderausstellung »Fleisch«

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Das Alte Museum präsentiert derzeit neben seinem Sammlungsbestand zur Kunst des antiken Griechenlands, der Etrusker und der römischen Kaiserzeit eine Sonderausstellung mit dem marktschreierischen Titel »Fleisch«. Das ambitionierte Team der Ausstellungsmacher möchte darin dem Verhältnis des Menschen zum Fleisch sowie der etwas schwammig formulierten »Komplexität von Fleisch im Spannungsfeld zwischen Entstehen und Vergehen« nachspüren. Die thematische Schau speist sich aus archäologischen, ethnologischen und kunsthistorischen Objekten aus nicht weniger als 5000 Jahren Menschheitsgeschichte, und sie ist interdisziplinär und quer durch alle Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin angelegt.

Zusammengekommen sind rund siebzig Exponate, angefangen bei einer über 5000 Jahre alten miniaturhaften Tontafel des Vorderasiatischen Museums, die beidseitig mit 58 verschiedenen Schweinebezeichnungen versehen ist und aus der späten Uruk-Zeit (zirka 3300 - 3000 v. Chr.) stammt, bis hin zu aktuellen Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler wie Vanessa Beecroft, Christian Jankowski und Bruce Nauman. Jankowskis Video »Die Jagd« aus der Sammlung des Hamburger Bahnhofs entstand in den Jahren 1992 bis 1997 und zeigt den Aktionskünstler bei dem absurden Unterfangen, verschiedene Beutestücke wie tiefgefrorenes Huhn, Brot oder Margarine mit Pfeil und Bogen in einem Supermarkt zu erlegen. Fleisch, das wird hier bereits deutlich, ist demnach nicht nur ein Synonym für den Körper, sondern auch für Nahrung.

Nach den Ausstellungen »Bart« im Neuen Museum und »Alchemie« am Kulturforum ist »Fleisch« im Alten Museum die nächste thematisch übergreifende Präsentation, in der die zwölf Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin akzentuiert Objekte aus ihren Beständen zusammengetragen haben, um sie miteinander kommunizieren zu lassen. Leider werden alle Werke im Obergeschoss des Alten Museums in nur einem einzigen Saal viel zu gedrängt präsentiert. Zudem erweist sich die Ausstellungsarchitektur als eine nicht gelungene Mixtur aus Glasvitrinen, wandfüllenden Fotostoffdrucken, fleischfarbigen Metallgittern sowie weißen und schwarzen Sockeln. Das Auge findet in der Ausstellung mit verschiedensten Skulpturen, Malerei und Druckgrafik, Fotos, Filmen, Vasen und kultischen Objekten nur schwer einen Ruhepunkt und der rote Faden lässt sich beim Durchwandern nicht mehr klar erkennen.

Einige der Exponate sind darüber hinaus ungünstig präsentiert, etwa Hans Stadens Buch »Americae« mit Illustrationen von Theodor de Bry aus dem Jahr 1593 aus der Sammlung der Kunstbibliothek. Die Reisebeschreibungen liegen zu hoch postiert in einer Vitrine, aufgeschlagen auf einer Doppelseite mit dem brisanten, kolorierten Kupferstich zum Thema »Kannibalismus« des brasilianischen Volkes der Tupinambà, der schon zur Entstehungszeit an den Voyeurismus der Betrachter appellierte. Man hat Schwierigkeiten, die filigrane Abbildung zu einem bis heute umstrittenen fleischlichen Tabuthema überhaupt anzuschauen. Eine gegenüber befindliche, bemalte Holzmaske der Yup’ik aus dem 19. Jahrhundert aus der Sammlung des Ethnologischen Museums ist in einem zu dunklen, schwarzen Kastensockel kaum zu erkennen. Und der kurze Videoausschnitt einer Ziegenopferung aus einer Feldstudie, ausgeliehen vom Ethnologischen Museum, läuft ohne jeden warnenden Hinweis. Dabei dürften nicht nur schwache Gemüter angesichts der Szene erschrecken, in der das Tier vor laufender Kamera mit einem Messerhieb geköpft wird und der enthauptete, noch zuckende Leib anschließend in Großaufnahme zu sehen ist. Die Aufnahme der rituellen Schlachtung im Rahmen einer Zeremonie gläubiger Hindus stammt von Christoph Vieth und wurde 2003 im Rahmen seiner Feldforschung in Westbengalen gemacht.

So verschieden die genannten Beispiele sind, alle haben etwas mit dem Thema »Fleisch« aus kulturhistorischer Sicht zu tun. Um der Themenfülle der Exponate Herr zu werden, ist die Schau übersichtlich in die vier Teile »Fleisch«, »Kost«, »Kult« und »Körper« gegliedert. Hierin werden dann aber zu viele Unterkapitel wie zum Beispiel Sterblichkeit, Sexualität oder Körperkult aufgemacht und nicht weit genug vertieft.

Das Schwein, nahezu ausschließlich als Fleischlieferant gezüchtet und gehalten, ist sowohl ein Symbol für Glück als auch für Unreinheit. In der Ausstellung steht es stellvertretend für die Beziehung des Menschen zum Tier und ist somit überproportional als Motiv vertreten. Daneben gibt es Motive des fleischlichen Zerfalls wie die Kleinbüste eines Toten von Johann C. L. von Lücke (1732), reale Schlachthausszenen in Moabit fotografiert von Alexander Enger (um 1964) oder Bildnisse symbolischer Zerfleischung in mythologischen Jagd- oder Kampfszenen. Körperbilder im Zeichen fleischlicher Lust gemahnen an den Kreislauf von Zeugung, Geburt und Tod. Ein Papierbogen mit Briefmarkengroßen Bezugsmarken für Fleisch aus dem Jahr 1917 steht zeitgenössischen Kunstobjekten wie der »Literaturwurst« (1970) von Dieter Roth gegenüber. Es ist ein Hin und Her. So wirft die Ausstellung zwar ein Streiflicht auf die facettenreiche Thematik »Fleisch«, doch hinterlässt sie dabei den undefinierbaren Geschmack eines Gerichts, das weder Fisch noch Fleisch ist.

Bis 31. August, Altes Museum, Am Lustgarten, Mitte; die Sonderausstellung im Obergeschoss öffnet erst um 11 Uhr.

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