Als Berlin lebensgefährlich wurde

Ein Fischerdorf am Mittelmeer wird Hauptstadt der deutschen Literatur

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 3 Min.

Lion Feuchtwanger hatte sich gerade im Grunewald ein ansehnliches Haus gebaut, in dem auch seine große Bibliothek Platz fand - da war alles vorbei. Als die Nazis an die Macht kamen, mussten sie fort: Viele Künstler, die während der Weimarer Republik ihren Lebensmittelpunkt in Berlin hatten, sahen sich plötzlich um alles gebracht - um ihre Sprache, ihr Publikum, um ihren Besitz. Sie verließen Berlin zu verschiedenen Zeiten, in unterschiedlicher Richtung - und doch trafen sie sich bald schon am selben Ort wieder, in Sanary-sur-Mer.

Ursprünglich war es ein kleines idyllisches Fischerdorf an der Côte d’Azur, bevor es prominente deutsche Emigranten in den dreißiger Jahren zu einem Zentrum der Kunst und Literatur machten. Wer 1933 und in den folgenden Jahren aus Hitlerdeutschland fliehen musste, weil ihm aus politischen oder rassistischen Gründen Verfolgung drohte, fand an der französischen Mittelmeerküste Zuflucht und eine lebbare Alternative. Zu ihnen gehörten so bekannte Schriftsteller wie Heinrich und Thomas Mann, Franz Werfel, Stefan Zweig, René Schickele, der Philosoph Ernst Bloch, der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe und manch anderer, oft mit ihren Familien. Aus Berlin traf es besonders viele Autoren: Arnold Zweig, Franz Hessel, Egon Erwin Kisch oder Friedrich Wolf. Sie mussten Deutschland verlassen und hofften anfangs darauf, dass die Hitler-Zeit nicht lange dauern würde. Doch das stellte sich schnell als Irrtum heraus.

Die deutsch-französische Autorin Magali Nieradka-Steiner, die mehrere Jahre an der Côte d’Azur gelebt und über das Exil geforscht hat, lässt in ihrem Buch »Exil unter Palmen« diese außergewöhnliche Zeit lebendig werden, in der Sanary-sur-Mer unversehens zur Hauptstadt der deutschen Literatur avancierte. Doch auch diese Phase des Aufschubs endete mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Frankreich 1940. Anhand von biografischem Material und einer Fülle historischer Fotografien zeichnet sie jene Epoche nach, in der viele Maler und Schriftsteller bedeutende Werke schufen. Dennoch konnte die Schönheit des reizvollen Küstenortes und der mediterranen Landschaft nicht darüber hinwegtäuschen, dass die neuen Einwohner Unbehauste und Vertriebene waren. Ihnen war ihr Vaterland abhandengekommen.

Zwischen 1933 und 1942 lebten dort mehr als 60 deutsche Intellektuelle, für Jahre oder manchmal auch nur kurzzeitig, wie etwa Bertolt Brecht und Walter Benjamin. Vielfältig waren die Beziehungen der Emigranten untereinander: Man versuchte, die alten Freundeskreise wiederzubeleben, die so notwendigen geistigen Anregungen in Begegnungen und Gesprächen zu finden. Lion Feuchtwanger richtete sich in seinem Haus, der Villa Valmer, wieder eine große Bibliothek ein. Und doch lastete über allem der Schatten der politischen Zustände in Deutschland, über die sie natürlich gut informiert waren. Täglich verfolgte man die Nachrichten aus der verlorenen Heimat. Die kulturelle Barbarei in Deutschland wurde von Jahr zu Jahr dramatischer, die Verfolgungen der linken und jüdischen Künstler immer rigider.

Mit Beginn der deutschen Okkupation steckten die Behörden der französischen Vichy-Regierung viele der antifaschistischen Emigranten als sogenannte feindliche Ausländer in Internierungslager in den Pyrenäen oder ins Lager Les Milles, eine ehemalige Ziegelei bei Marseille. Das Foto eines Journalisten, das den berühmten Bestsellerautor Lion Feuchtwanger 1940 im Lager hinter Stacheldraht zeigt, gelangte an die Presse in den USA. Dort sah es auch Eleanor Roosevelt, die Menschenrechtlerin und Ehefrau des Präsidenten. Sie löste daraufhin eine der spektakulären Rettungsaktionen aus, indem sie den Journalisten Varian Fry beauftragte, nach Marseille zu gehen und so viele Verfolgte wie möglich mit US-Visa auszustatten. Fry schaffte es trotz vieler Hindernisse, in nur 13 Monaten mehr als 2200 Exilanten zur Flucht aus Europa zu verhelfen. Heute erinnert eine Tafel an die vielen Emigranten - Sanary ist ein »Lieu de Mémoire Vivante«, ein Ort der lebendigen Erinnerung, geworden, ein mahnender Migrationsort.

Magali Nieradka-Steiner: Exil unter Palmen. Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 272 S., 20 s/w Abb., 24,95 €.

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