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Gottes Finger im Kopf

Salzburger Festspiele: Frank Castorf inszenierte Knut Hamsuns »Hunger«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Am Schluss, da der Tod Ernte hielt, wird man diesen Ausgehungerten, der einen Bissen Brot und Weltruhm will, als einen sehnsüchtigen Emi᠆granten in Erinnerung behalten, der noch ein Totenschiff als Heimat sähe. Draußen daheim: die Erotik der Verlorenheit. Seewinde mögen die Lungen ausbrennen. Schwimmen, bis man von den Haien anerkannt wird. Durchs Leben marodieren mit Gesichtszügen wie Stahlgitter, so, dass jeder glaubt, man gehöre zur Rasse der Starken. Ach, das wär’s. Söldner einer Freiheit sein, die nur glänzt, wo sie am dreckigsten ist. Heißsüchtig wie Arthur Rimbaud: »Mich schaudert vor dem feigen Vaterland, das ständig Formulare ausfüllt. Ich werde Gold haben, ich werde brutal sein und faul. Frauen haben eine Schwäche für solche blutbesudelten Hohlköpfe, die aus heißen Ländern wiederkommen.«

»Hunger« heißt der Roman von Knut Hamsun: das Irrfiebern eines mehr und mehr zerfallenden Journalisten, der durch die Stadt Kristiania stolpert, die heute Oslo heißt. Zu den Salzburger Festspielen, auf der Perner-Insel in Hallein, inszenierte Frank Castorf eine Bearbeitung des autobiografischen Romans von 1890. Ein Welterfolg, der den unsteten norwegischen Autor wahrlich vom Hunger befreite. Nicht freilich vom Fluch, der sein Leben später überschatten sollte: Goebbels schenkte er seine Nobelpreisplakette; auf dem Obersalzberg, unweit von Salzburg, besuchte er Hitler - ihm schrieb er nach dessen Selbstmord einen ehrtriefenden Nachruf.

Der erwähnte Rimbaud schrieb: »Das Gras fruchtbarer Böden werd ich brechen wie Hälse.« Ein schönes Bild für jene Gier, die auch Castorfs Bühnenwesen durch den Weltschmutz treibt. Weltschmutz, der hier Nazizeichen in jede Wand kratzt (»Dr. Oetker - Puddingpulver für die Wehrmacht«), mit SS-Runen gleißt, Blondsoldatenposen plakatiert und eine McDonald’s-Fleischmüllbude hinwuchtet. »Swastika, Swastika!«, schreit der achtköpfige Castorf-Zombie-Chor. Sophie Rois treibt ihren Körper in die Hakenkreuzigung. Zwei sind kostümiert als Pommes und Würstchen (wie einst bei Castorfs »Webern« an der Volksbühne) und philosophieren über das Geniale in Leben und Kunst. Nichts passt, alles trifft genau.

Aleksandar Denić baute wieder einen seiner verwinkelt hochgeschraubten Rumpelkammer-Paläste: Schreibbüro, Holzhaus mit Grasbewuchs, Hinterhof, Dachkammer und Innenverliese für die Suchaugen der Videokamera. Wie ein Nichts, in dem alles Platz hat, was uns aufreißt. Wo Erwartung und Entzauberung gemeinsam über jene Verlässlichkeit des Menschen grinsen, mit der er beides verwechselt, die Hoffnung mit der Illusion, die Entfesselung mit der Selbstaufgabe, die Befreiung mit dem Absturz. Es ist, als wuchere aus diesen Menschen da, in diesen Räumen, eine Idee vom Unsauberen, vom Maßlosen, vom bitterst Abstoßenden; eine Ideensucht, die in geheimnisvollen Ecken herumspielt, herumjagt, herumfiebert. Der Schmerz ist hier der einzig wahre, aber letztlich trostlose Gott.

Die Dialoge haben Sehnsucht nach Monotonie, ummantelt werden sie von unaufhörlich treibender Filmmusik, und ob ein Mann ein Weib oder eine der Diven einen Kerl gibt, ist egal wie die 88, jene bekannte Neonazichiffre, die hier zur Hausnummer der McDonald’s-Bude wurde. Nicht nach Motiven fragen, das geht schief, bloß keine Logik wollen, die hinkt auch diesmal, wie immer bei Castorf. Das ist Kunst, die uns dazu bewegen will, das Gleichgewicht zu verlieren und durch rohe, rünstige, ruchlose Bilder in jenes Höhlensystem der Räusche einzutreten, in dem ein neuer Schwerpunkt gültig wird.

Das Theater wie das Buch: eine vor sich hin sprechende Tagebuchhaftigkeit, nirgends eine autoritäre Erzählerfigur, die sich, dem Publikum zuliebe, um Einweihungen und Einweisungen bemüht. Man ist mit diesem Hunger-Künstler ganz allein, schaut ihm ins Bewusstsein. Daniel Kehlmann schrieb: »Alles sehen wir durch die Augen des verwirrten Helden, und dennoch begreifen wir eigentlich nichts von ihm. Es ist nicht nötig, zu verstehen, warum Figuren sich so verhalten, wie sie es tun; ihre Undurchsichtigkeit macht sie auf seltsame Weise nicht weniger realistisch, sondern glaubhafter.« Das trifft auch den Kern der sechs Stunden Theater. Trifft - und treibt Zuschauer in Scharen hinaus. Haut ab! Die bleiben, bleiben begeistert, auch Zerschlagenheit kann sinnliche Erfahrung sein. Nicht für jeden, gewiss. Du erkennst sofort auch diese mahnenden dramaturgischen Gesichter, hinter deren Stirnen der öde Reflex knurrt: zu viele Schlüsse wieder mal, und warum verprellt Castorf sogar die Gutwilligen?! Als ob es darum ginge. Es geht um die Obsession einer Entäußerung, die aus der Fettpfanne unserer Sattheiten heraus nach Heilkräften des Deliriums fragt, nach den Auswahlgesetzen von Unglück: Warum gerade ich? »Gott hat mir einen Finger in den Kopf gebohrt.« Heißt es auf der Bühne. Castorf bohrt auch, er nimmt den Stinkefinger. Und ein Finger wird es sein, in den der Hungernde in letzter Not beißen wird. Ein Finger der eigenen Hand. Und wohl absehbar pikiert registrieren lederne Politkorrekte, wie die Videokamera mit einer gewissen Ausdauer unter den Rock von Lilith Stangenberg blickt.

»Hunger« verknüpft Castorf mit einem weiteren Roman Hamsuns, »Mysterien«. Der grandios trompetende Lars Rudolph spielt den undurchsichtig dunkelblütigen Extravaganten Andreas, der quittengelbe Anzüge trägt (was ihm gleich alle nachtun) und inmitten der Gemütsexplosionen und Schreikrämpfe wie ein außerirdischer, immer todesnaher Besänftiger wirkt. Einprägsam auch die Beleibtheitsfront: Daniel Zillmann und Josef Ostendorf: Dem modert’s aus allen Worten, ihm blutet’s aus allen Silben. Bis zum finalen Rülpser. Besser kann man einen Monolog nicht auf den Punkt bringen. Marc Hosemann ist der hungernd Suchende, der suchend Hungernde. Er schäumt kraftlos, schreit stillgelegt, er stiert tiefenseherisch; ein Irrer der Selbstüberschreitung, der keinen Millimeter vorwärtskommt. Kathrin Angerer und Sophie Rois tauschen sich in lammfromm lieblichsten Tönen über wölfische Nazitheorien aus. Lilith Stangenberg kann Mannesabscheu spielen, als glühe sie in einem Begehren. Überhaupt, die Frauen: Königinnen der Keifkunst, Hexen der Selbstbehauptung, Spielteufelinnen in der Ahnenreihe der Pussy Riots.

Der Wahn als Thema. Das Beharren auf Fantasien, wie sie nur ein gequälter Körper hervorbringen kann. Castorf wirft sich gegen unser lebloses Leben. Immer schon griff er sich die Aussätzigen, Anstößigen: Bronnen, Pitigrilli, Jahnn, auch Céline - erst kommunistisch angehaucht, dann Nazi-Kollaborateur und Antisemit. Das bewegt diesen Regisseur: die Freiheit als Drama des böse Avantgardistischen, das als ideologische Verblendung, revolutionärer Opfermythos, religiöse Hingebung durch die Szenerien der Geschichte tanzt, taumelt, trampelt.

Das ist die Faszination, die auch von Hamsun ausgeht: die Ehrlichkeit einer unverstellt zynischen Weltsicht. Der Moralwortschatz ist Asche im Mund. Castorf spuckt aus. Hamsun, das ist Poesie, einer Ratte ähnlich, die sich in Dichters Hirn eingenistet hatte, um zu träumen. Eine Atmosphäre, da das Begehren sich nicht von der Nächstenliebe aufweichen ließ. Da man Ordnung nicht zu denken bereit war, ohne auch Dynamit zu denken. Ordnung nicht ohne Dynamit, Hoffnung nicht ohne Zyankali.

Und so ist Schauspiel also: das Irreguläre aus der gefügten Ordnung herausbrechen und aufleuchten lassen. Dorthin gehen, wo man allein ist. Der Schweiß treibt, der Trieb schwitzt, die Angst weißt Augen, der Ekel schwärzt Seelen. Heiner Müller sagte, er wolle, statt den Säuselton der Allesverstehenden anzunehmen, lieber »Benzin zum Frühstück« trinken. Auch Castorf hat Benzin gesoffen, sein Motor heult fortwährend auf. Also einfach nur hingucken, als säße man am Ring und Boxer schlügen sich die Fressen kenntlich: Hinter dünner Haut pocht Blut, das raus will, es will sein wie alle Dinge der Welt - in Fluss. Die Gewalt lüstert, der Druck steigt, die Gesichter gespenstern. Jedes mitfühlende Herz ist wie ein Klotz am Gemüt, er reißt es sich aus, denn ein Körper braucht Risse, damit die Kälte eindringen kann, der giftige Dampf der Droge. Gegen all das Moderate, das sich heute narkotisierend durch sämtliche Beziehungen frisst, denn überall, im Dickicht der Verhältnisse, lauert ein Ratgeber, ein Navigator, ein Kundenbetreuer. Wir fürchten uns, am Tische Platz zu nehmen, wo das Leben mit Behagen seine eigenen Herzstücke verspeist. Wir kleben lieber Treueherzen. Und wo nicht mehr gehungert wird, geht es auf eine Art aufwärts, die das Elend nicht beseitigt: Die Armut steigt vom Magen in den sinnleeren Kopf und nennt sich: Westen.

Nächste Vorstellungen: 15., 17., 20. August

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