Werbung

Das blaue Band der Höflichkeit

Der Berliner Schriftsteller und Journalist Richard Wilde

  • Von Bettina Müller
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Jahrzehntelang ist »Kroll« das Zauberwort für amüsierwillige Berliner. 1844 erschafft Joseph Kroll dieses Ausflugsmekka mit Wintergarten, Sommertheater, Oper, wilden Tieren und Dompteuren. Ein unwiderstehlicher exotischer Reiz geht von dem großen Gelände am Königsplatz in Tiergarten aus, und für den achtjährigen Richard Wilde wird der Besuch zum Schlüsselerlebnis, als seine Eltern ihn in die Oper »Die Jüdin« von Fromental Halévy mitnehmen. Der Ausflug weckt schon früh das Interesse an Kunst und Kultur: »Ein immer sich erneuernder phantastischer Traum, ein Zaubergarten von unendlicher Reizung, eine Vollendung verfeinerten Lebensgenusses, die nicht mehr zu überbieten war.«

Richard Max Wilde kommt am 30. Mai 1872 als Sohn des jüdischen Kaufmanns Julius Wilde und dessen Ehefrau Anna, geborene Falk, in Berlin zur Welt. Sein Cousin ist der später in Magdeburg ansässige Dr. Georg Wilde, der die örtliche Religionsschule leitet, im Ersten Weltkrieg als Feldrabbiner wirkt und dafür sorgt, dass die jüdischen Soldaten eine Feldbibel erhalten. Nach dem Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums, aus dem Richard jeden Samstag »wie ein angeschossener Eber« herausstürmte, um im Deutschen Theater einen Stehplatz zu ergattern, studiert er zunächst Philosophie und Literaturwissenschaften, verlässt die Universität jedoch ohne Abschluss. Zu dieser Zeit erscheinen bereits erste Humoresken in einschlägigen Zeitschriften. 1895 schließlich kommt sein Schwank »Der neue Lehrer« am Alexanderplatztheater zur Aufführung; ein Jahr später folgt bereits »Auf Vereinskosten«, dessen Lektüre heutzutage eine nostalgische Zeitreise ist, bei der »allerliebste Käfer« Garnknäuel nach Männern auswerfen, um eine Bekanntschaft zwecks späterer Heirat zu machen.

Gelegentlich muss Wilde bei allem Erfolg, den er mit seinen Bühnenwerken im Laufe seiner Karriere haben wird, auch Kritik einstecken. 1913 verreißt der Schriftsteller und Journalist Leo Heller gnadenlos das »Militärlustspiel« »Der Austauschleutnant«, und Wilde muss sich von ihm fragen lassen: »Wollen Sie im Café des Westens mit einem Orden im Knopfloch herumlaufen?« Wilde verzeiht ihm irgendwann, und die beiden werden Kollegen in der Redaktion des Berliner 8-Uhr-Abendblatts. Den Übergang von der Monarchie zu einer völlig neuen Staatsform hat Wilde ohne größere Probleme bewältigt. Den einst populären Hang zu militärischen Themen hat er schnell aufgegeben. Wie viele andere Schriftsteller hat auch er sich zu bedenklicher Durchhaltelyrik hinreißen lassen: »Die Welt ist groß, die Welt ist weit: In Polen, wo die Laus gedeiht« (»Schipper-Marsch«/Schipp schipp hurra!/ 1917). Wilde kann sich fest in der Berliner Journalistenszene etablieren und ist als Bühnenschriftsteller konstant erfolgreich. 1929 sitzt er im Arbeitsausschuss für die Organisation der Gedächtnisfeier für den Schauspieler Albert Steinrück, bei der Heinrich Mann am 28. März die Gedenkworte spricht und Frank Wedekinds »Der Marquis von Keith« mit einem veritablen Staraufgebot einmalig zur Aufführung kommt.

Seinen Humor, den er von jeher in seinen Bühnenstücken an den Tag legt, bewahrt er sich auch als Feuilletonredakteur des 8-Uhr-Abendblatts. 1931 beschwört er zudem das »blaue Band der Höflichkeit«, das er im Umgang mit der Vielzahl manchmal schwieriger Anrufer mental immer bei sich trägt. Seit 1901 ist er verheirateter Familienvater, mit Hermine, geborene Pollack, aus Freiburg hat er zwei Söhne: Joachim-Hans (geb. 1903) und Wolfgang (geb. 1911). Seine langjährige Arbeit als Redakteur und Bühnenschriftsteller kann der Familie in immer schwieriger werdenden Zeiten zunächst noch ein geregeltes Auskommen bieten. Hinzu kommt die Arbeit für den Film als Drehbuchautor, außerdem ist er Gründungsmitglied des Verbands Deutscher Filmautoren. Schon vor dem Ersten Weltkrieg ist er dem Verband Deutscher Bühnenschriftsteller beigetreten und versucht als Aufsichtsratsmitglied, zusammen mit Gerhart Hauptmann und Herrmann Sudermann, das deutsche Filmdrama auf ein höheres Niveau zu heben. Seine Neffen, Herbert und Arnold Lippschitz, die Söhne seiner Schwester Wally aus ihrer Ehe mit Arthur Lippschitz, werden nach ihrer Emigration in Amerika beim Film Karriere machen: Arnold als Drehbuchautor Arnold Philipps, Herbert als Filmarchitekt Herbert O. Philipps. Auch den Vater lockt die Kunst. Sein Studium hatte Arthur Lippschitz 1899 mit der Dissertation über »Die üble Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Berliner Kleiderkonfektion und der Versuch einer Abhülfe« abgeschlossen. Im gleichen Jahr erschien sein erster Schwank »Hinter Papas Rücken«, dem eine lange Reihe von Lustspielen folgte.

Vermutlich hat Richard Wilde die drohende Gefahr unterschätzt. Als Bühnenautor ist er zwar der leichten und vor allem unpolitischen Muse zugetan, aber als Jude und Journalist der demokratischen Berliner Tagespresse wird er zunehmend zur Zielscheibe. 1933 verliert er seinen Posten als Leiter des Feuilletons beim 8-Uhr-Abendblatt, veröffentlicht jedoch stoisch weiterhin in jüdischen Presseorganen, noch 1936 erzählt er zum Beispiel in den »Monatsblättern des Jüdischen Kulturbundes« die Legende »Die Rose des Todes« weiter. Zwei Jahre später ist er tot. Am 29. November 1938 stirbt Richard Wilde im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg, sein Sohn Wolfgang kommt dort ebenfalls ums Leben. Hermine Wilde, die in die Schweiz fliehen kann, sucht noch 1945 per Annonce in der Zeitschrift »Aufbau« nach Wolfgang. Wally Lippschitz, geborene Wilde, wird in Frankreich ermordet. Joachim-Hans Wilde kann entkommen und emigriert nach Argentinien.

Zwei Stolpersteine in der Charlottenburger Wielandstraße 30 erinnern heute an Richard und Wolfgang Wilde.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen