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Die Meister des Eitlen

Fotografische Künstlerporträts von Baselitz bis Warhol. Eine Ausstellung im Museum für Fotografie

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Fotografien, die Menschen zeigen, leben von der Wechselwirkung zwischen dem Fotografen und seinem Gegenüber. Ist das Gegenüber selbst ein Künstler, kommen weitere Faktoren ins Spiel. Der Fotograf kann nur porträtieren, wie er den Künstler sieht. Der hat zumeist bestimmte Vorstellungen, wie er gesehen werden möchte und wie er selbst sich sieht. Nicht immer liefert sich der Künstler dem Fotografen, der ja ebenfalls Künstler ist und sich als solcher empfindet, vorbehaltlos und unbedingt aus. In diesem Netz der Beziehungen und Geflecht der Ambitionen kommen sie zustande, die Künstlerfotos.

Angelika Platen, geboren 1942 in Heidelberg, Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Orientalistik in Berlin, der Fotografie dann in Hamburg, tritt seit fast einem halben Jahrhundert mit Künstlerporträts an die Öffentlichkeit. Und sammelt, was Kollegen in diesem besonderen Genre kreiert haben. Rund 700 solcher Aufnahmen besitzt sie, 180 davon zeigt derzeit das Museum für Fotografie in der Ausstellung »Künstler Komplex. Fotografische Porträts von Baselitz bis Warhol«.

Sie umfassen die Zeitspanne von 1917 bis 2000, versammeln als fotografische Objekte nahezu alles, was in diesen 90 Jahren irgend Rang und Namen als Künstler hatte, und machen deutlich, wie sich Auffassungen wandeln und wie zeitlos dennoch viele der Aufnahmen bis heute wirken. Auf einem Gewirr dicker gelber Stellwände sind die Porträts angeordnet und in drei Sektionen gegliedert. Die Sektion »Persona« thematisiert das Gesicht des Künstlers; »Kreativität« stellt den Schaffensprozess, den Künstler bei seiner Arbeit ins Zentrum, auch den kreativen Umgang mit der Kamera bei der Sicht auf den/die Fotografierte/n; die Abteilung »Pygmalion« schließlich zeigt Künstler mit ihren Arbeiten, von denen sie hoffentlich nicht erwarten, dass sie sich verlebendigen wie einst bei dem antiken Namensgeber der Sektion. Sympathisch schlichte Bilder großer Persönlichkeiten sieht man dort ebenso wie viele eitle Selbstinszenierungen, von denen man nicht genau weiß, wer sie so gewollt hat, der Fotograf oder sein Modell. Innerhalb der einzelnen Sektionen gibt es weitere Unterteilungen, denen man folgen kann, die jedoch auch dazu anregen, eigene Querverbindungen herzustellen, sich seine eigene Ausstellung zusammenzustellen.

Nachdenklich sieht Fritz Kempe 1964 den weißhaarigen Max Ernst; als lebhafte Greisin wird Imogen Cunningham 1975, ein Jahr vor ihrem Tod, von Ara Güler vor einem Bücherregal festgehalten, mit ihrer Hand abwehrend oder etwas erklärend. Cunningham ihrerseits porträtiert 1931 Frida Kahlo frontal und mit prächtigem Halsschmuck.

Kahlo ist offenbar eines der beliebtesten Modelle. Manuel Álvaro Bravo zeigt sie 1930 lächelnd in einem Rüschenkleid, die eine Hand voller Ringe, die andere vor der Stirn; ebenfalls 1930: Kahlo in sich ruhend, als Ganzgestalt neben einem Möbel; Bernard Silberstein platziert sie 1940 vor einem Tuch, mit ihrem Kopfschmuck ganz indigene Königin. Auch Picasso bringt es in der Schau auf zahlreiche Porträts. Man Ray hält ihn 1932 scharfkantig und mit glattem Haar im Profil fest; bei Michel Sima sitzt er 1948 neben einer Plastik; bei Arnold Newman scheint er 1954 magisch aus dem Halbdunkel auf, die Hand an der Stirn verdeckt ein Auge; berühmt ist Robert Doisneaus 1952 entstandene Aufnahme des Künstlers im gestreiften Matrosenpulli und mit Brothänden.

Dann reihen sich die unterschiedlichsten menschlichen Motive. Gottfried Brockmann bei August Sander 1924 lebensreformerisch gegürtet im leinenen Kasack, fast leidend vor seiner Malerei; eher pfiffig Henri Michaux 1950 bei Gisèle Freund; blass Jean Cocteau mit Theatergeste 1929 bei Germaine Krull; feinnervig 1953 Georges Rouault mit Kappe bei Florence Homolka; fleischig und gedrungen Max Beckmann 1938 bei Helga Fietz; flachsblond und süffisant lächelnd, wie sein Kopf aus einem Pelzkragen zu wachsen scheint, David Hockney 1966 bei Jane Brown. Anonym fixiert ist Franz von Stuck 1910, ganz Malerfürst; angreifend blickt George Grosz 1928 bei Emil Bieber in die Kamera; 1938 gibt Hildegard Heise entwaffnend ehrlich den gefurchten Ernst Barlach wieder, als prophetischen Moses; einem Anonymus zeigt sich Otto Dix 1961 mit Lorbeerkranz, gütig, verschmitzt, über sich selbst amüsiert; imperial gebieterisch ins Bild ragt bei Jérôme Schlomoff 1989 die Hand von Georg Baselitz.

Dann all die Selbstinszenierungen: Andy Warhol bei Christopher Makos 1981 als Lady; Wols 1940 in eigener Grimassenserie; René Magritte bei Duane Michals 1965 mit Melone wie ein Gemälde, bei Daniel Frasnay 1967 hinter einem Fensterrahmen; Alberto Giacometti 1961 bei Christer Strömholm gefurcht hinter Glas, bei Henri Cartier-Bresson 1961 im Regen, den Mantel über dem Kopf, hager wie eine seiner Plastiken. Als Meister des Eitlen: Salvador Dalí ein Neptun bei Charles Hewitt 1960, bei Philippe Halsman 1951 nur noch zwirbelnder Schnurrbart.

Eine wunderbare Zusammenschau alles Menschlichen an und in den an den Wänden hängenden Porträts von Künstlern. Auf Podesten stehend: viel Originalkunst der fotografisch in ihrer Persönlichkeit Enthüllten.

Bis 7. Oktober, Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Charlottenburg. Infos unter: www.smb.museum/mf

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