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Scheene Jejend

Glaßbrenner

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Liebe: zwei Seelen und kein Gedanke. Oder: kein Herz, aber lauter Schläge. Und das Liebesgeflüster, auf volle Lautstärke gedreht - es würde sich wohl anhören wie der Dialog zwischen einer Kreissäge und einem Presslufthammer. Traurig, höchst lächerlich. So ist der Berliner! Jede Missachtung von Gefühlen produziert eine Pointe. In jeder Zuneigung sprudelt die Quelle einer Schadenfreude. Jeder gibt gleichsam den Ozeanriesen, von dem niemand wissen soll, dass er nur ein Badewannen-Entlein ist. Adolf Glaßbrenner weiß es, genau, sarkastisch zwinkernd: »Ne scheene Jejend is det hier!« Und er zieht die richtigen Schlüsse: »Wer uf de frommen Fürsten baut,/ Det is en frommer Christ;/ En Huhn, wat sich dem Fuchs vertraut,/ Det weeß nich, wat der frißt.«

Glaßbrenner (1810-1876) war Zeitungsmensch, also Schnellschreiber und berufsbedingt verbandelt mit der Furie des Verschwindens. Wer als Gebrauchslyriker, Rätselautor und Dreigroschenheftler berühmt werden will, der muss erst mal eine Weile tot sein. Ja, ein Journalist ist dann erst Journalist, wenn er freudig durch die Langstrecke der Unwichtigkeit hüpft. Als ich diesen Dichter jetzt las, dachte ich sofort an diese linksmodernen Satireschwitzer und ihren krampfhaft gesuchten Frechheits- und Verletzungsgeist.

Seltsam: Man liest Glaßbrenner und fragt sich, wieso Frühere scharf ans Spott- und Geißelwerk gingen, aber im Groben noch immer weit glaubwürdiger wirken, im Sticheln und Stechen so gar nicht angeschafft, sondern ganz bei sich selbst.

Besungen wird der deutsche Leierkasten - und die alte deutsche Leier: »Ganz ergeb'ne, treue, schlechte,/ Tiefste, unterthän'ge Knechte«. Korps- und Kleingeist, der Michel und andere Mucker, alles feudal, alles fatal, alles Deutschland: »Schnützelputzfingen.« Spätgeburt Demokratie? Himmelhoch gelobt, aber von Beginn an: immer auch im Eimer. Und der Setzer in der Zeitungsdruckerei? »Treibt auch Alotria:/ Spricht man vom deutschen Bundestag, / Nimmt er für's B ein H.« Glaßbrenner hat ein pfiffiges Sensorium fürs germanisch beflissene Zensorium. Ich sehe Herausgeber Matthias Biskupek staatswärts grinsen: Gewalt lässt sich monopolisieren, Vernunft nicht. Und ich sehe Grafiker Harald Kretschmar in seinem Element des philosophischen Cartoons: Auf dem Titelbild offeriert er uns eine Knirpsfettkopfarmee der daumenreckend normierten Ton-Angeber - und auf der Grafik in der Heftmitte bebt, brennt der Barrikadenkampf, aber herein ins brodelnde Bild reckt sich wieder einer dieser Knirpsfettköpfe des Besserwissens, der feig-blutleeren Kommentatur. Glaßbrenner: »Zu meiner Ehre, zu meinem Preis!/ Schwarz ist Weiß!/ Genug des Geschreis,/ So sei's!« Und noch ein aktueller Tipp: »Um etwas zu gelten, müssen sich Nullen immer hübsch rechts halten.« Jelungen, det Janze, jelungen!

Poesiealbum 335: Adolf Glaßbrenner. Auswahl von Matthias Biskupek. Grafik: Harald Kretzschmar. Märkischer Verlag Wilhelmshorst, 32 S., br., 5 €.

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