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Matera sollte geflutet werden

Die italienische Stadt wird Europäische Kulturhauptstadt 2019

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 6 Min.

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Es fängt an wie in fast jeder italienischen Altstadt: Ein Bummel durch Gassen mit kleinen Läden, Obstkarren und Straßenhändlern. Durch einen Torbogen geht es auf eine Aussichtsplattform. Nichts und niemand bereitet die Besucher auf das nun in den Blick geratene Panorama vor: ein Schlund von fast 180 Grad. Drei, vier Stockwerke tief geht es hinunter in diese Schlucht, die der Fluss Gravina jahrtausendelang in den weichen Tuffstein gewaschen hat. Bebaut ist die kraterartige Senke fast bis zum Horizont mit beigefarbenen Kastenhäusern, scheinbar wahllos zueinandergestellt und aufeinandergestapelt - ein unglaubliches Panorama, durchzogen von Gassengewirr und gespickt mit schwarzen Löchern. Höhlen sind es - Sassi (Steine) genannt. So heißen die in der Schlucht liegenden Kellerstadtviertel Materas bis heute. 60 ehemalige Felsenkirchen befinden sich darin und unzählige Wohnungen, seit der Spätantike in die Felsen geschlagen und gebohrt. 2019 wird Matera Europas Kulturhauptstadt sein.

Tagsüber erscheinen die seit 1993 auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO stehenden Sassi auf den ersten Blick etwas schäbig. Sandfarbene Fassaden mit Grauschleiern, zugesperrte Tordurchgänge, hinter denen es aussieht wie am Sperrmülltag. Holprige Kopfsteinpflasterwege, bröckelnde Fassaden, die allmählich von wuchernden Pflanzen erobert werden. Dazwischen aber herausgeputzte Läden, ein paar Hotels, Wohnungen. Abends weicht dann jeglicher Schmuddeleindruck, und die Sassi erstrahlen als aufgehübschte Diva der blauen Stunde. Abendsonnenstrahlen tauchen die Höhlenschlucht in violettes Licht, mittendrin wirken gelbe Straßenlaternen wie Glühwürmchen. Restaurants öffnen, Gäste sitzen auf winzigen Terrassen davor.

Diese einmalige Atmosphäre kann man am besten erleben, wenn man eine Nacht im Schlund von Matera verbringt. Im »Hotel Sassi« etwa. Es besteht aus einigen miteinander verbundenen Höhlen. Eine ehemalige Felsenwohnung mit grandiosem Blick über den Sasso Barisano. Abends fällt man in ein Bettgestell direkt unterm Tuffsteingewölbe. Möglich, dass nachts nicht nur der Sandmann was in die Augen streut, sondern auch feiner Staub von der Decke rieselt. Das »Sextantio Le Grotte della Civita« hat 16 Höhlenräume, eingerichtet mit renovierten Eisen- und Holzbettgestellen, von den Betreibern aus einst aufgegebenen Häusern der Umgebung zusammengesucht. Die Seifen im Bad duften nach Veilchen und sind selbst gemacht.

Noch bis in die 1950er Jahren gehörte Seife hier nicht zum Alltag. Damals hausten 15 000 Menschen unter ärmlichsten Verhältnissen. Keine Heizung, kein Strom, kein fließend Wasser. »Christus kam nur bis Eboli«, stöhnten die Leute resigniert, meinten damit eine Stadt, 170 Kilometer entfernt, und ihre eigene Hoffnungslosigkeit, in der nicht mal ihr strenger katholischer Glaube als Trostspender taugte. Der 1936 von Mussolinis Faschisten nach Matera verbannte Arzt, Maler und Schriftsteller Carlo Levi hörte diesen Klagespruch immer wieder, machte ihn zum Titel seines 1945 erschienenen, weltberühmten Buchs. Darin beschreibt er Menschen, die mit ihrem Vieh in den Höhlen lebten wie ihre Vorfahren im Mittelalter, er erzählt von hungernden Kindern mit Moskitos im Gesicht.

Geflohen waren die Menschen hierher als Opfer einer Agrarreform. Der italienische Ministerpräsident Alcide De Gasperi, aufgeschreckt durch das Buch und daraus resultierenden, hitzigen Parlamentsdebatten, verfügte 1952, die Sassi von Matera sofort zu räumen. Die Menschen bekamen eilig aus dem Boden gestampfte Neubauwohnungen am Rande der heute etwa 60 000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt. »La Vergogna Nazionale« - die Schande Italiens - sollte damals geflutet werden, man wollte den elendigen Anblick einfach wegspülen. Dazu kam es nicht, stattdessen wurden die Sassi Heimat für Künstlergruppen, in den Sechzigern dann Filmdrehort für Regisseur Pier Paolo Pasolini. Seitdem wurde Höhle für Höhle wiederbelebt - mit günstigen Krediten und Subventionen für Investoren. Aber weil die Sassi heute immer noch stellenweise anmuten wie zu biblischen Zeiten, kann man mit Glück Hollywoods Drehteams in Matera erleben. 2015 etwa wurden hier Szenen vom Remake des Wagenrennenklassikers »Ben Hur« gedreht.

Täglich - und mittendrin, statt nur dabei hinter Filmdrehabsperrungen - können Besucher Materas nachempfinden, wie die Menschen in den Sassi einst gehaust haben: In der »Storica Casagrotta«, einer wieder eingerichteten »Musterwohnung«, schieben sich Neugierige staunend zwischen dem mitten im Raum stehenden Webstuhl, diversen Kinderbetten, einem lebensgroßen Pferd und einer Speisekammernische durch. »Ja, so haben auch meine Großeltern noch in einer Höhlenwohnung gelebt«, erzählt Pietro Moliterni. Der in Matera aufgewachsene und heute in Deutschland arbeitende Unternehmensberater erinnert sich noch daran, wie sein Opa sogar Wein in der Höhle produzierte.

Als ideale Reisezeit für Matera empfiehlt Pietro Ende Juni bis Anfang Juli - zur alljährlichen »Festa Madonna della Bruna«. Der Höhepunkt dieses Patronatsfestes ist immer der 2. Juli. Bereits morgens um fünf Uhr versammeln sich die Pastori, Hirten aus Materas Umgebung, auf dem Domplatz. Gewandet in Schaffelle, mit Filzhüten und geschnitzten Hirtenstäben tragen sie eine Stunde lang unter krachendem Feuerwerk eine Fahne mit der Madonna durch die Stadt, größtenteils in den Sassi. Auch Eselskarren rumpeln durch die engen Gassen.

Mit einem solchen Karren war ein Bauer einst auf dem Weg von der Feldarbeit nach Hause, als ihm eine junge Frau mit Kind begegnete. Er nahm sie ein Stück mit. Am Stadtrand von Matera stieg die Frau ab und bat den Bauern, einen Brief an den Erzbischof zu überbringen. Darin bezeichnet sie sich als Mutter Gottes, die von nun an die Stadt beschützen wolle. Als der Erzbischof die Frau begrüßen wollte, fand er nur einen reich geschmückten Karren mit dem Bild der Jungfrau Maria. Dieser rollte zum Domplatz, drehte dort drei Runden, bevor die Mutter Gottes in Materas Kathedrale einzog. So jedenfalls erzählt es die Legende.

Dieses Ereignis wird jährlich am Abend des 2. Juli nachgestellt - mit einem spektakulären Finale. Der in monatelanger Kleinarbeit gebaute, aufwändig dekorierte »Carro trionfale« ist dem damaligen Wagen nachempfunden, bringt - gezogen von acht Maultieren und begleitet von einer Rittereskorte - die darauf präsentierte Madonnenstatue in die Kirche zurück. Drei Stunden dauert das, der Weg führt durch Straßen, in denen sich die Menschen drängen. Viele von ihnen rennen anschließend die Treppen in die Sassi hinunter, durch die Gassen des Talkessels hindurch, hoch auf die Piazza Veneto, um dort den besten Platz zu ergattern für den nun folgenden »Assalto« - die komplette Zerstörung des Wagens: Sobald er auftaucht, stürzen vor allem junge Männer zum Carro, klettern hinauf, reißen Stücke vom Jesusbild, Engelsköpfe und -flügel sowie Teile der großen Kuppel herunter. »Jede Familie in Matera ist scharf darauf, ein Teil vom Carro zu bekommen«, erzählt Pietro Moliterni. »Meine Eltern haben auch welche zu Hause, sie werden als moderne Reliquien so aufgehängt, dass sie Besuchern gleich ins Auge fallen.«

Infos

Italienische Zentrale für Tourismus: www.enit.it

Höhlenwohnung:

Die ehemalige Höhlenwohnung »Storica Casagrotta« ist in der Vico Solitario 11 zu besichtigen. Eintritt 3 €, www.casagrotta.it

Literatur:

DuMont Reise-Taschenbuch Apulien, 16,90 €

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