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Zuckerhut ohne Plastikhalm

In Rio de Janeiro sind diese Kunststoffprodukte ab jetzt weitgehend verboten

  • Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 3 Min.

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Genüsslich eine grüne Kokosnuss an der Copacabana oder eine Caipirinha mit dem Plastikstrohhalm schlürfen: Ab diesem Samstag ist damit Schluss. Die Stadtregierung der 6,5 Millionen Einwohner zählenden Metropole Rio de Janeiros hat dem Plastikmüll den Kampf angesagt und als erste Maßnahme die nicht wiederverwendbaren Strohhalme verboten. Das Verbot tritt jetzt in Kraft.

Trinkhalme sind keine Erfindung der Neuzeit. Ein mehr als 5000 Jahre altes Siegel der Sumerer aus dem südlichen Mesopotamien zeigt zwei Männer, die mit Halmen Bier aus einem Krug schlürfen. Archäologen fanden Trinkhalme aus Gold in einem sumerischen Grab. Bis in die 1960er Jahre hinein verwendeten die meisten Normalsterblichen allerdings nicht Edelmetall, sondern schlichtes Roggenstroh als Trinkhilfe - daher der Name Strohhalm. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es auch Halme aus Papier. Der Siegeszug des Kunststoffhalms aus Polypropylen oder Polyethylen und der Anfang der globalen Plastikverschmutzung begann ab den 1950er Jahren.

Heute werden weltweit täglich rund drei Milliarden Plastikstrohhalme verwendet und nach einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von 20 Minuten weggeworfen. Viele von ihnen landen direkt vom Strand oder indirekt über Müllkippen und Flüsse in den Ozeanen. Laut einer Studie der Umweltorganisation Seas at Risk verbraucht alleine die EU jedes Jahr 36,4 Milliarden Einwegstrohhalme. Vor allem Meeresbewohner tun sich schwer mit diesem aus Erdöl hergestelltem Zivilisationsmüll. Vor zwei Jahren brachte ein Internetvideo die Folgen der im Meer schwimmenden Plastikröhrchen drastisch vor Augen und erregte weltweit die Gemüter. Der Film zeigte das Martyrium einer Meeresschildkröte in Costa Rica. Tierärzte versuchten verzweifelt einen Kunststoffstrohhalm aus ihrer blutenden Nase zu entfernen.

Rio de Janeiro ist nun die erste Stadt Brasiliens, die der Meeresverschmutzung durch Strohhalme Einhalt gebieten will. Doch das von Bürgermeister Marcelo Crivella, der in Personalunion auch der selbst ernannte Bischof der brasilianischen Universalkirche des Königreichs Gottes ist, abgesegnete Strohhalmgesetz ist nur halbherzig und scheint vor allem zum Auffüllen der durch Korruption und Misswirtschaft geplünderten Stadtkasse zu dienen. Das Verbot der Wegwerftrinkhalme aus Plastik ist nämlich auf Bars, Kioske, Restaurants und Straßenverkäufer beschränkt. Die Getränkeanbieter müssen dem Konsumenten Alternativen in Form von umweltfreundlichen, biologisch abbaubaren oder wiederverwendbaren Strohhalmen anbieten. Verstöße gegen das Gesetz werden mit einer saftigen Geldstrafe von 3000 Reais, umgerechnet rund 700 Euro, geahndet. Dagegen dürfen die Carioca, wie die Einwohner Rios auch genannt werden, weiterhin Plastikhalme in den Supermärkten kaufen und nach Gutdünken verwenden.

Meint es Rio de Janeiros Verwaltung wirklich ernst mit der Reduzierung des Plastikmülls und der seit 1992 erklärten Säuberung der Bucht von Rio, der Baia de Guanabara, dann kann das Strohhalmgesetz nur der Anfang sein. Ein definitives Verbot von kostenlosen Plastiktüten in den Supermärkten der Stadt müsste der nächste Schritt sein. Tatsächlich leben die Bewohner Rios seit Jahrzehnten in einem Plastiksackwahn. Den beiden großen UN-Umweltkonferenzen Rio 92 und Rio Plus 20 zum Trotz sind die Einkaufswägen der Cariocas weiterhin voll von Plastiktüten. Fast jedes bereits verpackte Produkt bekommt an der Ladenkasse nochmals eine oder zwei Tüten übergestülpt.

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