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Sein Freund, der Feind

Beirren ließ er sich von nichts: zum Tod des israelischen Publizisten und Aktivisten Uri Avnery

  • Von Roland Kaufhold
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mit zehn Jahren erfährt der 1923 in Westfalen in eine assimilierte Familie geborene Junge, was es heißt, Jude zu sein. Als Sextaner sitzt er in der Aula eines Gymnasiums in Hannover, neben ihm ein gewisser Rudolf Augstein. Er stimmt nicht ein in den nationalen Gesang und hebt auch nicht die Hand zu jenem Gruß, der neuerdings üblich ist. Man droht ihm Prügel an. Und als sein Vater wenige Tage später bedroht wird, flieht die Familie nach Palästina, im November 1933 kommt sie an.

Uri – den hebräischen Namen legt er sich mit 18 zu – ist begeistert vom neuen Leben, voll Abenteuerlust. Deutschland und das Deutsche können ihm gestohlen bleiben. Mit seinem Bruder lernt er in der Siedlung Nahalal hebräisch, dann geht er nach Tel Aviv und wird mit 15 Sekretär eines Anwalts in Jaffa. Sein bewunderter Vater, ein ehemaliger Bankier, schuftet als Wäscher. »Mein Vater«, erinnert sich Uri später, »war ein Mensch. Ich glaube, sie haben uns die Wäsche hauptsächlich gebracht, damit er zu ihnen nach Hause kommt und sich mit ihnen unterhält. Auf Deutsch natürlich.«

Der Teenager schließt sich dem damals illegalen, rechtsnationalistischen Paramilitärverband Irgun an, der gegen die englischen Kolonialherren wie auch die Araber für einen eigenen, jüdischen Staat kämpft. Im Untergrund transportiert er Waffen, worauf die Todesstrafe steht – ein »wunderbares Gefühl«, erinnert er sich später, »mit einer Pistole unter dem Arm herumzuspazieren. Du gehst an englischen Polizisten vorbei, und keiner außer dir weiß, dass du eine Pistole hast.«

Mit 18 verlässt er den Irgun, der Nationalismus wird ihm suspekt. 1946 schließt er sich einer kleinen, sehr linken Gruppe an, kurz vor der Staatsgründung kämpft er bei der Haganah. Der Israel aufgenötigte Unabhängigkeitskrieg ist dann ein einschneidendes Erlebnis. Ende 1948 wird Uri schwer verletzt, vier aus Marokko eingewanderte Soldaten retten ihm das Leben.

Nun entdeckt er das Schreiben, zunächst von Zeitungsglossen. Sein Vorbild ist Erich Maria Remarque. 1949, da ist er 25, erscheinen seine Beiträge als Buch: »In den Feldern der Philister«. Es wird ein Bestseller. Und als er merkt, wie sich seine Kameraden für den Krieg begeistern, schreibt er 1950 »Die andere Seite der Münze« – was wieder alles ändert. 1995 erinnert er sich an jähen Rum und plötzliche Verdammung: »Plötzlich war ich der Liebling der Gesellschaft und auch der Regierung. Das hat mir sehr geholfen, denn vorher war ich schrecklich unpopulär. Dann schrieb ich noch ein zweites Buch. Dieses war ein nationaler Skandal ohnegleichen. Ich schrieb darin über Kriegsverbrechen.« Auf Deutsch erschienen beide Bücher erst 2005. In Israel aber war die Grundlage für eine bis heute anhaltende Differenz zwischen Uri Avnery und großen Teilen der Öffentlichkeit schon damals gelegt.

Ab 1950 fordert Avnery eine Aussöhnung mit den Arabern, was Gustav Schocken auf ihn aufmerksam macht, den Verleger der »Haaretz«. Doch nach einem Jahr hört er nach Differenzen auf, für das heute führende linksliberale Blatt zu schreiben. 1950 übernimmt er stattdessen die kleine Wochenschrift »Haolam Hazeh«. 40 Jahre leitet er das Blatt, das die Trennung von Religion und Staat propagiert und für eine eigentümliche Mischung aus skandalträchtigen Investigativgeschichten und Klatsch steht. Drei Bombenanschläge richten sich gegen die Redaktion. Und 1965, als sich politische und juristische Attacken auf die Zeitschrift häufen, gründet Avnery eine Partei, deren Hauptforderung »Freiheit für Haolam Hazeh« lautet. Zehn Jahre sitzt er in der Knesset – als Enfant terrible der israelischen Politik.

Nun ist er auf der Position, für die man ihn kennt. Unversöhnlich stellt er sich der nationalen Aufbruchstimmung entgegen: Gerade seine Generation, selbst im »Untergrund«, – ja: »Terrorismus« – erfahren, müsse verstehen, was nun die anderen dorthin treibe. Warum sollten »Terroristen« immer nur die anderen sein? 1967, nach dem Sechstagekrieg, fordert er die Gründung eines palästinensischen Staates. 1968 erscheint – bezeichnenderweise? – »Israel ohne Zionisten« als erstes seiner Bücher auf Deutsch, in einer Serie des »Spiegels« – des Magazins jenes einstigen Mitschülers in Hannover.

Und Avnery belässt es nicht beim Schreiben. 1975 gründet er gemeinsam mit dem General Matti Peled eine israelisch-palästinensische Gruppe. Dann führt er – das Buch »Mein Freund, der Feind« gibt intensive Eindrücke davon – heimlich Gespräche mit einflussreichen Palästinensern wie Said Hamami und Issam Sartawi. Das ist so gefährlich wie illegal, doch Yitzhak Rabin weiß davon. Die Freunde auf der anderen Seite werden 1978 von den »eigenen« Radikalen ermordet. Auch Rabin stirbt 1995 bei einem Attentat. 1982 trifft Avnery spektakulär Yassir Arafat, den er eigentümlich idealisiert. 1993, als man vom »Friedensprozess« noch reden konnte, gründet er »Gush Shalom«. Beirren ließ er sich von nichts.

Zu einem Kollegen hat Uri Avnery einmal gesagt: Wenn eines Tages meine Kolumne nicht mehr erscheint, dann weißt du, dass ich gestorben bin. Nachdem er zu Monatsbeginn einen Schlagabfall erlitten hatte, ist das nun geschehen.

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