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Nähkurs im Dorfladen

Als der letze Laden schließt, gründen Deersheimer eine Bürgergenossenschaft

  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Modedesignerin Nicole Marchwinski breitet in ihrer Nähstube im Dorfladen des Multifunktionalen Dorfzentrums Schnittmuster aus. Dort gibt sie zwei Mal die Woche Nähkurse. Die Nähstube in der sie Selbstgenähtes unter dem Label «Goods by Witches» verkauft, öffnet drei Mal die Woche. Als der letzte Einkaufsmarkt im Ort schloss, taten sich die Dorfbewohner zusammen und bauten eine Scheune um, die neben einem Lebensmittelladen auch Platz für ein Café, eine Markthalle und für die Nähstube bietet.
Die Modedesignerin Nicole Marchwinski breitet in ihrer Nähstube im Dorfladen des Multifunktionalen Dorfzentrums Schnittmuster aus. Dort gibt sie zwei Mal die Woche Nähkurse. Die Nähstube in der sie Selbstgenähtes unter dem Label «Goods by Witches» verkauft, öffnet drei Mal die Woche. Als der letzte Einkaufsmarkt im Ort schloss, taten sich die Dorfbewohner zusammen und bauten eine Scheune um, die neben einem Lebensmittelladen auch Platz für ein Café, eine Markthalle und für die Nähstube bietet.

Osterwieck. Wenn Nähkurse in der früheren Scheune im sachsen-anhaltinischen Deersheim anstehen, kommen Interessenten aus dem ganzen Harz. Das Interesse ist so groß, dass die Schneiderin Nicole Marchwinski inzwischen einen weiteren Raum gemietet hat. Eigentlich habe sie das Geschäft nur als zweites Standbein neben ihrem Job als Verkäuferin geplant, erzählte Marchwinski. Und eigentlich wollte sie nur Unikate auf Bestellung nähen und Kleidung ändern. In dem neuen Dorfzentrum, das von einer Bürgergenossenschaft in Deersheim ins Leben gerufen wurde und seit Ende 2016 einen kleinen Lebensmittelmarkt, ein Café und eine Markthalle für Veranstaltungen anbieten. Und eben die Nähstube.

Schnell nach dem Start wurde sie gefragt, ob sie auch Nähkurse anbieten könnte, sagte Marchwinski. Immer neue Nähwillige stießen dazu, statt an zwei öffnet sie ihre Nähstube jetzt an drei Tagen in der Woche, will künftig Wochenend-Workshops und ein Nähcafé anbieten. Dazu geben auch Unternehmen Stickereien und T-Shirt-Drucke bei ihr in Auftrag. Der Laden, der aus einer Kaffeeplauderei entstand, funktioniert. Auch das Zentrum als Ganzes scheint sich zu etablieren.

»Es war eine Art Risikoschritt, aber es hat sich gelohnt«, sagte Wolfgang Englert. Er ist auch Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft, die hinter dem Projekt steckt: Als der letzte Einkaufsmarkt im Ort schloss, taten sich die Dorfbewohner zusammen und bauten eine Scheune um.

Getragen wird das alles von einer Genossenschaft, in der immer mehr Dorfbewohner Mitglied sind. »Wir gehen auf die 150 zu«, sagt Englert. Ende vorigen Jahres zählte die Genossenschaft 130 Mitglieder. Den Anstieg hat auch Bürgermeister Englert mit zu verantworten. Er zahlt für jedes Neugeborene im Ort einen Anteil aus eigener Tasche. »Es fährt kein Deersheimer im Kinderwagen rum, der nicht Genossenschaftsmitglied ist.« Das habe bereits Eltern animiert, auch ihre älteren Kinder anzumelden, sagte er.

Seit Ende 2016 ist die ehemalige Scheune ein Treffpunkt für die rund 800 Dorfbewohner. »Multifunktionales Dorfzentrum« heißt das offiziell. Es bekam den Demografiepreis des Landes und wird mit 150 000 Euro vom Bund gefördert. Wichtig sei, es nicht für den Ort zu machen, sondern mit dem Ort, sagt Englert. Da seien auch Rückschlage zu verkraften gewesen.

Es laufe, doch es gehe nur, weil weiterhin viele Deersheimer ehrenamtlich mit anpackten. So bekämen die vier hauptberuflichen Verkäuferinnen in Teilzeit Hilfe von rund 40 Freiwilligen beim Ein- und Auspacken der Waren oder beim Putzen des Ladens. »Auch den Fahrdienst zum Fleischer übernimmt ein Freiwilliger«, erzählt Englert. Das Geschäft sei etwa fünf Kilometer entfernt in Osterwieck, für den Fleischer lohne es sich nicht, Deersheim täglich zu beliefern. »Also fährt jeden Tag ein anderer und holt mit dem Kühlcontainer frische Wurstwaren ab.«

Rund 90 Menschen gehen jeden Tag im Laden einkaufen, sagt Englert. Doch das Geschäft allein rechne sich nicht. Erst in der Summe mit den Einnahmen aus Vermietungen der Markthalle für Veranstaltungen inklusive Verköstigung sowie durch das Café und das Nähstübchen. »Die Idee hat eine Zukunft, wenn man das ganze Ensemble betrachtet.« Gerade das Café habe sich so gut etabliert, dass es schwierig sei, überhaupt einen Platz zu ergattern. »Man weiß: Hier trifft man immer jemanden - und die Handwerker frühstücken hier gern.« dpa/nd

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