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Zwei Paar Schuhe?

Warum die Friedens- und Konfliktforschung Gender Studies braucht

  • Von Claudia Brunner
  • Lesedauer: 8 Min.

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Seit einer meiner ersten Vorlesungen an der Universität Wien begleitet mich der Satz der Professorin Eva Kreisky: »Die Kategorie Geschlecht muss nicht erst an die Politik und an die Politikwissenschaft herangetragen werden. Beiden ist sie bereits einverleibt.« So unmissverständlich und überzeugend mir diese Erkenntnis seit damals erscheint, so selbstverständlich war für meinen weiteren Weg durch die Universität(en) seither die institutionalisierte Existenz von Frauen- und Geschlechterforschung. Beides - sowohl die Erkenntnis der Allgegenwart von Geschlecht als auch die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Tatsache - ist heute wieder umstritten. Umstritten nicht im Sinne einer produktiven inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern als beunruhigendes Begleitgeräusch eines schleichenden konservativen Autoritarismus in Europa, der parallel zu einer Verschärfung und Beschleunigung internationaler Konflikte und Kriege verläuft.

Kalter Wind aus allen Richtungen

Nicht nur vom rechten Rand des Stammtischs, auch aus liberalen Feuilletons schallt uns entgegen, wie problematisch, verzichtbar oder gar gefährlich Feminismus und Gender Studies seien. Und in der Linken erklären selbsternannte Retter*innen des so genannten Abendlandes die Gender Studies zum Sargnagel des Feminismus. Just zum Zeitpunkt, an dem Feministinnen, Queer-Theoretiker*innen und Geschlechterforschende eine Verschnaufpause in der hart erkämpften Nische im System Wissenschaft gut brauchen könnten, wird den Gender Studies die prekäre Existenz schon wieder streitig gemacht: von rechts, von links und aus der so genannten politischen Mitte.

Das jüngste Gender-Studies-Bashing und der mit ihm einhergehende Antifeminismus sind nicht nur eine Frage des Diskurses, sondern manifestieren sich bereits in schrumpfenden Budgets für feministische und queere Lehre und Forschung und in abnehmender Anerkennung für entsprechende Qualifikation und Expertise, die bisweilen auch in massive persönliche Angriffe umschlägt. Auch die nicht enden wollenden Aufregungen rund um Binnen-I und Unterstrich verweisen meines Erachtens auf deren punktgenaues Irritationspotenzial in naturalisierten Machtverhältnissen. Dass das Feld der Gender Studies kein homogenes ist und sich - wie in allen lebendigen wissenschaftlichen Communities - durchaus widersprechende Ansätze aneinander reiben, macht die Sache nicht einfacher. Nicht zuletzt zeigt die Heftigkeit diverser (Anti-)Gender-Debatten aber auch, wie zutreffend feministische Geschlechteranalysen und mit ihnen intersektional verwobene Herrschaftskritik offensichtlich immer wieder waren und sind - andernfalls würden sie wohl kein so begehrtes Angriffsziel darstellen, sondern bestenfalls ignoriert werden.

Geschlechter-Debatten als Gradmesser für gesellschaftliche Konflikte

Die Tatsache, dass Geschlecht nicht erst an bestimmte soziale Phänomene und ihre Erforschung herangetragen werden muss, sondern ihnen bereits einverleibt ist, gilt konsequenterweise auch für die Friedens- und Konfliktforschung und kann in der Lehre zu deren expliziten Gegenstand gemacht werden. Geschlecht steckt nämlich in gewaltförmigen Konflikten ebenso wie in Theorien des Friedens, im Krieg ebenso wie in seiner Analyse. Gerade aus Sicht der Friedens- und Konfliktforschung ist die zunehmende Infragestellung von Gender Studies daher ein beunruhigendes Zeichen antifeministischer Normalisierung, denn das Terrain geschlechter- und sexualitätspolitischer Auseinandersetzungen ist immer ein zutiefst umkämpftes und politisches. Dass auf diesem Terrain weit mehr als nur Genderarrangements (re-) organisiert werden, wissen wir aus der Analyse ferner Kriege, Konflikte und so genannter Nachkriegsgesellschaften nur allzu gut.

Es ist an der Zeit, das in der Friedens- und Konfliktforschung ebenso wie in der Genderforschung generierte herrschaftskritische Wissen über Geschlechterfragen und Sexualitätspolitiken auch auf das »Hier« anzuwenden: auf den zunehmenden Rechtsruck quer durch Europa und den konservativ-autoritären Rollback in der so genannten westlichen Welt. Wir werden diese Erkenntnisse in nächster Zeit dringend benötigen. Nicht, um die vermeintliche politische, moralische und intellektuelle Überlegenheit »Europamerikas« wieder einmal über Geschlechterfragen unter den zweifelhaften Beweis einer zivilisatorischen Überlegenheit zu stellen. Das ist die seit Jahrhunderten bewährte Praxis des dominanten Paradigmas der kolonialen Moderne, das auf epistemischem Sexismus und Rassismus beruht. »Homo-« und »Femonationalismus« dienen nur allzu gut der Indienstnahme von Geschlechter- und Sexualitätspolitiken für das imperiale Projekt. Gerade um die mit ihm einhergehenden Politiken des vergeschlechtlichten und rassifizierten Teilens und Herrschens herauszufordern, müssen wir weiterhin herrschaftskritische und intersektional informierte Geschlechterforschung betreiben, die zugleich auch ein Beitrag zu Friedens- und Konfliktforschung ist.

Gender Studies und Peace Studies: zwei Paar Schuhe?

Sozialwissenschaften und Geschlech-terforschung waren für mich nie zwei Paar Schuhe, aus denen man je nach Anlass, Wegstrecke und Ziel zu wählen habe. Sie gehören notwendigerweise zusammen, wie ein Paar Schuhe eben. Friedens- und Konfliktforschung ist ohne Berücksichtigung der Kategorie Geschlecht für mich nicht denkbar, auch wenn sie gerade in notwendigerweise existierender Verschränkung mit anderen Kategorien so manche Frage ganz schön verkompliziert. Und ohne die feministische Prämisse des »subvert the dominant paradigm« [das vorherrschende Paradigma untergraben] wird mir auch die Friedens- und Konfliktforschung langweilig oder der Komplizenschaft mit eben dem dominanten Paradigma verdächtig.

Genauso wie Friedens- und Konfliktforschung meines Erachtens ohne Genderforschung nicht auskommt und ohne feministische Perspektiven mitunter problematisch wird, steckt auch in den meisten Ansätzen der Geschlechterforschung bereits viel Wissen über Konflikte und Konfliktdynamiken. Gender Studies beschäftigen sich mit vielfältigen Formen von Gewalt und erkunden seit ihren Anfängen potenzielle Wege, um sie zu transformieren und zu reduzieren. Lehren/lernen in der Friedens- und Konfliktforschung heißt daher notwendigerweise auch lehren/lernen mit feministischen Gender-Perspektiven. Die beide Traditionen einende Normativität und Kritik sind es, die dafür sorgen, dass ich im unendlichen Universum unterschiedlicher Theorien, Ansätze, Argumente und Meinungen meine eigene Verortung ebenso wenig aus den Augen verliere wie den Horizont meiner Bemühungen, feministisch zu lehren und dabei immer auch zu lernen.

(Hochschul-)Lehre als Mikrokosmos vergeschlechtlichter Sozialität

Gerade in der Lehre bietet die Verbindung beider Forschungstraditionen die Möglichkeit, an Lebensrealitäten, Allgemeinwissen und Vorannahmen der Studierenden anzuknüpfen und Selbstverständlichkeiten über das vermeintlich Natürliche in sozialen und politischen Konflikten herauszufordern. Dazu zählen unterschiedliche Formen von Gewalttätigkeit ebenso wie die ungleiche Verteilung von Ressourcen und grundsätzlich alles, was entlang der Teilungslinie von öffentlich und privat organisiert ist. Feministische oder queere Ansätze und entsprechende didaktische Formate ermöglichen es auch, bisweilen als allzu abstrakt abgelehnte Theorien der Friedens- und Konfliktforschung, etwa über Gewaltfreiheit oder Konfliktdynamiken, zu konkretisieren und in eine Auseinandersetzung miteinander und mit eigener Erfahrung zu bringen.

Auch wenn sich wenige bewusst und explizit damit beschäftigen, so sind bei Geschlechterfragen doch immer alle irgendwie »betroffen«, sei es in ablehnender oder mit neugieriger Haltung - inklusive der*des Lehrenden selbst. Meiner Erfahrung nach ist das ein produktiver Ausgangspunkt für beteiligtes und dementsprechend produktives und (selbst-) kritisches Lernen und Lehren. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Verortung in vergeschlechtlichten, rassifizierten und geopolitisch eingebetteten Machtverhältnissen bietet zudem auch eine gute Gelegenheit, um eine grundsätzliche wissenschaftstheoretische Frage anzusprechen: die nach dem Verhältnis von Standort und Standpunkt, die immer auch eine politische und nicht zuletzt eine persönliche ist.

Geteilte Geschichte in sozialen Bewegungen

Ein daran anschließender Aspekt, der feministische Lehre in der Friedens- und Konfliktforschung so produktiv macht, ist die offensichtliche Querverbindung zu historischen wie auch gegenwärtigen sozialen Bewegungen. Diese entstehen immer in Konfliktsituationen und stellen zugleich selbst Formen der Konfliktaustragung dar. Auch wenn Friedens- und Frauenbewegung in Europa heute keine gesellschaftspolitisch tonangebenden Kräfte mehr sind, gibt es in gegenwärtigen sozialen Bewegungen vor allem im Globalen Süden doch immer wieder Neues und Altbekanntes zu entdecken, das die Verbindung von Geschlecht und Konflikt, von Feminismus und Frieden, von Gender und anderen konfliktrelevanten Differenzierungskategorien, wie »Rasse«, Klasse, Sexualität, Befähigung oder geopolitische Verortung, unmissverständlich vor Augen führt. Und nicht zuletzt sind sowohl Frauenforschung als auch Friedensforschung ihrerseits aus sozialen Bewegungen hervorgegangen, ebenso wie post- und dekoloniale Theorie nicht ohne die antikolonialen Kämpfe im Globalen Süden denkbar sind.

Auch politisch organisierter Widerstand, der nicht auf den Einsatz von Waffen und Gewalt verzichtet und daher selten als soziale Bewegung definiert oder zivilgesellschaftlich genannt wird, hat also seine Spuren im System Wissenschaft hinterlassen. Und auch er lässt sich aus feministischer Perspektive facettenreicher analysieren als auf jenen Wegen, die die Kategorie Geschlecht vollständig vernachlässigen oder lediglich als Variable einsetzen. Wenn Männer und Frauen gezählt werden und das Ergebnis mit pseudowissenschaftlichen Allgemeinplätzen über friedfertige Weiblichkeit und aggressive Männlichkeit geschmückt wird, ist damit aus Sicht feministischer Friedens- und Konfliktforschung wenig gewonnen, sondern vielmehr die dominante Weltsicht bestätigt, die es herauszufordern gilt.

Das vorherrschende Paradigma untergraben

In diesem Sinne ist nicht nur das Widerständige oder das Offensichtliche mit der so genannten »Gender-Brille« ertragreicher zu betrachten als ohne, sondern vor allem auch das Normale und Dominante. Feministische Forschung und Lehre hinterfragt das vermeintlich Selbstverständliche politischer und gesellschaftlicher Ordnungen vielfach und stellt damit zahlreiche Formen von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Gewalt in Frage. Gerade in deren weitgehend akzeptierter Normalität wird Geschlecht im Zusammenspiel mit anderen sozialen Platzanweisern und Wissenskategorien besonders wirksam, weil es dort noch unsichtbarer ist als an den offensichtlich vom staatlichen Gewaltmonopol abweichenden Untersuchungsgegenständen der Friedens- und Konfliktforschung.

Staat und Militär, Waffenhandel und Technikforschung, Sicherheitspolitik und Terrorismusbekämpfung, Diplomatie und Geheimdienstarbeit, Internationale Beziehungen und nationale Politiken sowie nicht zuletzt Expert*innenwissen und Wissenschaft sind potenzielle Untersuchungsfelder der Friedens- und Konfliktforschung, die aus feministischer Perspektive ganz anders aussehen als wir sie zu betrachten gewohnt sind. Darüber hinaus kommen dann auch vermeintliche Nebenschauplätze der Internationalen Beziehungen, wie Sorge- und Sexarbeit, Mode und Popkultur und vieles andere mehr, in den Blick. Viel mehr als nur die offensichtlichen Geschlechterfragen (oder was dafür gehalten wird) kann aus feministischer Perspektive in der Verwobenheit mit Macht-, Herrschafts- und Gewaltverhältnissen und Optionen ihrer Transformation einer kritischen friedens- und konfliktforschungsrelevanten Betrachtung unterzogen werden.

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