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Schulgeldfreiheit in weiter Ferne

Physiotherapeuten kämpfen mit schwierigen Rahmenbedingungen in ihrem Beruf

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Balance zwischen eigener Leistung und der Anerkennung dafür ist für viele Physiotherapeuten nicht mehr gegeben.
Die Balance zwischen eigener Leistung und der Anerkennung dafür ist für viele Physiotherapeuten nicht mehr gegeben.

Ob Lymphdrainage oder Krankengymnastik, die Hilfe von Physiotherapeuten wird häufig in Anspruch genommen. Jedoch zeichnet sich auch für dieses Berufsgruppe ein Fachkräftemangel ab. In ihrem Koalitionsvertrag hatten CDU, CSU und SPD deshalb angekündigt, das Schulgeld für die Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen abzuschaffen.

Bundestagsabgeordnete der LINKEN, federführend Achim Kessler, wollten von der Bundesregierung nun wissen, was unternommen wurde, um die Versorgung in diesem Bereich zu sichern. Die Antwort auf die Kleine Anfrage erreichte die Abgeordneten in dieser Woche. Daraus geht hervor, dass die Anzahl der Auszubildenden an den Physiotherapie-Schulen seit dem Schuljahr 2007/2008 bis zum vergangenen Sommer von 25 087 auf 21 812 gesunken sei. Die entsprechende Statistik ist jedoch unvollständig, Angaben für einzelne Bundesländer und Zeiträume fehlen.

Alarmierend sind vor allem die Zahlen aus den neuen Bundesländern. Demnach sank die Zahl der Schülerinnen und Schüler in allen fünf Ländern und in Berlin seit 2009 deutlich um ein mindestens ein Drittel. In Thüringen waren im Schuljahr 2016/17 gegenüber 2009 sogar weniger als die Hälfte angehender Physiotherapeuten in der Ausbildung. Andererseits gab es in drei westlichen Bundesländern einen leichten Anstieg der Schülerzahlen. Für die Einschätzung der Gesamtsituation sind jedoch auch Zahlen zu den Anmeldungen an den Schulen oder zu Ausbildungsabbrüchen notwendig. Belastbare Informationen habe die Bundesregierung zu diesen Themen nicht, dennoch spricht der parlamentarische Staatssekretär Thomas Gebhart (CDU) von einer »stabilen Versorgungslage«.

Für den LINKEN-Abgeordneten Kessler ist die Lage jedoch keineswegs beruhigend, zumal sich auch bei der Einführung der Schuldgeldfreiheit kaum Fortschritte abzeichnen. Laut Antwort der Bundesregierung kennt diese nicht einmal Planungen und Diskussionen der Länder zum Thema. Zur Modernisierung der Ausbildung tagte zwar ein Bund-Länder-Gremium im April, im Herbst wird es das erneut tun; Konkretes gibt es aber offenbar weder zu dem einen noch zu dem anderen Termin mitzuteilen. Gesprochen wird nur von einem komplizierten Rechtssetzungsverfahren und von der Hoheit der Bundesländer bei der Schulgeldfreiheit.

Achim Kessler befürchtet, dass es in diesem Tempo noch Jahre dauern werde, bis das Koalitionsziel erreicht sei. »Bereits jetzt habe ich von Schulen gehört, dass die Anmeldezahlen stark rückläufig sind, auch, weil die Schülerinnen und Schüler die Ankündigung ernstnehmen und auf die Schulgeldfreiheit warten. Wer würde das nicht tun - bei bis zu 20 000 Euro, die eine Ausbildung bislang kostet.« Für Kessler ist deshalb absehbar, dass in wenigen Jahren händeringend nach Physiotherapeutinnen und -therapeuten gesucht werden wird.

Die fehlende Schulgeldfreiheit ist jedoch nicht das einzige Problem des Berufsstandes: Seit Jahren wird beklagt, dass für die Abrechnung bestimmter Leistungen teure Weiterbildungen Pflicht sind. Laut dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung machen diese Leistungen die Hälfte des Umsatzes mit physiotherapeutischen Leistungen aus, sind also unverzichtbar für die Führung einer Praxis.

Die Rahmenbedingungen für den Beruf sind aus Sicht der Therapeuten kaum noch attraktiv. Zudem werden ihre Leistungen von den Krankenkassen nur unzureichend vergütet. Das aktuelle durchschnittliche Bruttogehalt liegt laut der Aktionsgruppe »Therapeuten am Limit« für eine Vollzeitstelle bei etwa 2200 Euro. Das umfasst aber auch weitere Berufsgruppen, wie Ergotherapeuten, Logopäden und Diätassistenten. Beklagt wird auch der aktuelle Aufwand für bürokratische Vorgaben der Krankenkassen. Wie groß die Not inzwischen ist, zeigt die Gründung von 70 Orts- und Regionalgruppen zum Thema. Sie planen an diesem Sonnabend einen bundesweiten Protesttag - auch für die Verbesserung der Grundversorgung der Bevölkerung.

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