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  • Kultur
  • Alternative Musik aus Russland

Sanfte Stimme singt ernste Dinge

Lisa »Monetotschka« ist derzeit Russlands neuer Star in der alternativen Musikszene

  • Von Ewgeniy Kasakow
  • Lesedauer: 3 Min.

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Post-post, meta-meta: die Sängerin Monetotschka
Post-post, meta-meta: die Sängerin Monetotschka

Zu ihrem zwanzigsten Geburtstag ist Jelisaweta (Lisa) Gyrdymowa, besser bekannt als »Monetotschka« (»Münzchen«), ein landesweiter Star geworden. Die Jekaterineburgerin war noch Schülerin, als sie vor drei Jahren ihre ersten Videos ins Internet stellte. Ihre zu Klavierbegleitung vorgetragenen, selbst geschriebenen Lieder machten sie rasch zur einem Internetphänomen. Derzeit wird ihr neuestes Album »Raskraski dlja wzroslych« (»Ausmalbilder für Erwachsene«) als wichtigste musikalische Veröffentlichung des Jahres angepriesen.

Das Monetotschka-Konzept war schlicht und effektiv: süßliche Mädchenstimme, die nicht immer den Ton traf, sang über ernste Dinge. Unter der Maske der Naivität lauerte eine ziemlich abgebrühte Sicht auf der Welt. »Der Supermarkt Aschan bietet euch an / Gefangen von eigener Armut, Illusionen zu genießen / Kauft euch 250 Gramm Paradoxie der Moderne«, heißt es in einem Lied über Billig-Mascarpone. Wer nach Kenntnisnahme dieser Zeilen Monetotschka in die Sparte »Junge Rebellen« einordnet und dabei an die im Pop gängige aufdringliche Vermarktung von politischem Engagement oder Ausgeflipptheit denkt, handelt voreilig. Monetotschka ist nicht die singende Ausgabe von Hanna Poddig, keine Anwärterin auf den Titel einer russischen Avril Lavigne. Vielmehr nimmt sie die Naivität sowohl ihrer Altersgenossen als auch der Erwachsenen als Material, aus dem sie ihre Lieder macht. Dabei kann es schon gehässig zugehen: »Mein Freund ist der coolste Anarchokommunist / Er möchte, dass die Ungarn in Freiheit leben / Wir gehen mit ihm für Laborratten demonstrieren / Gewöhnliche Jungs - die sind aus der Mode«. In einem Lied über die »Netzlyrik« heißt es: »Ich bin eine gewöhnliche exaltierte Dame / Ich mache aus meinen banalen Gefühlen Gedichte / Ich bin eine gewöhnliche exaltierte Dame / Ich rette die russische Kunst.«

Monetoschka weiß dafür zu sorgen, dass die schnellen Schubladenzuweisungen bei ihr nicht funktionieren. Jugendsubkultur? Ja, aber der Anime-Japan-Hype wird bei ihr genauso zur Zielscheibe wie Veganismus oder Selfies. Altersklug? Dafür steht Lisa viel zu sehr zu ihrem Teenagersein und redet offen über Lampenfieber und Unsicherheit. Protest? Opposition? Zwar sind die Zensur im Internet oder der Hurrapatriotismus Themen, über die sich Monetotschka mittels Ironie auslässt, aber alle Versuche, ihr in Interviews politische Statements zu entlocken, scheitern an entwaffnenden Aussagen wie dieser: »Ich bin noch zu jung, mir fehlt die Übersicht.«

Als im März 2017 auf Protestdemonstrationen auffällig viele Jugendliche gesehen wurden, setzte in den gegenüber der Regierung loyalen Medien sofort eine Kampagne ein: Die jungen Menschen seien doch noch viel zu jung, um sich einen Urteil zu erlauben. Dennoch, eine »Pussy Riot«-Nachahmerin will Monetotschka nicht werden.

»Sartre - das ist nicht ernst, Modernismus gibt es nicht mehr / … / Ich bin so ganz post-post, Ich bin so ganz meta-meta«, so lauten die in den Medien am häufigsten zitierten Verse des neuen Albums. Monetotschka kommt ohne Weltrettungspläne aus und kann über die Hybris der Jugendrevolten der Vergangenheit im Anime-Stil schmunzeln. Das heißt nicht, dass ihre Songs gänzlich ohne Erkenntnisse auskommen oder nur harmlos sein wollen. »Meine Haare sind erntereiche Weizenfelder / In meinen Adern fließt dickflüssiges Erdöl / Mein Körper ist Massenkunst / … / Heute ist er kein Weiberkram mehr / Sondern eine neue Form des Kapitals«, heißt es in einem Lied, das Monetotschka vor zwei Jahren zum 8. März, dem Internationalen Frauentag, veröffentlichte. Die Musikerin hat es nicht eilig, sich zu allen Themen zu Wort zu melden, umso treffsicherer kommen die Worte dann, wenn es so weit ist.

Während Monetotschka unter anderem mit dem Rapper Noize MC (Iwan Alekseew) Videos zu gemeinsamen Songs drehte, machte Lisa Gyrdymowa ihren Schulabschluss und begann ihr Fernstudium am Moskauer Gerassimow-Institut für Kinematographie. Den ersten Fernsehauftritt in der Late-Night-Show von Iwan Urgant hat sie ebenfalls bereits hinter sich. Dass inzwischen ein Moskauer Anwalt Anzeige gegen Gyrdymowa erstattet hat, weil ihr Song »Childfree« angeblich die Jugendlichen zum Suizid aufruft, dürfte ihrer Musikkarriere keinen Abbruch tun.

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