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Totale Einverleibung

Alexander Scheer ist Gundermann im Film von Andreas Dresen

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wenn Gundermann außerirdisch ist, ist es Scheer auch. Und Gundermann ist außerirdisch. Der Engel über dem Braunkohlenrevier, der an seinen Flügeln besonders die schwarzen Ränder liebt: Tagebau und Trauer, Asche und Phönix. Sonnenflüge wie Ikarus: der Einzige, dem noch der Sturz als Flug angerechnet wurde.

Alexander Scheer spielt Gundermann, im gleichnamigen Film von Andreas Dresen. Ein Ereignis! Der Zopf. Das Schniefen. Die Musikalität. Die Zähne - natürlich eine Prothese, die Scheer eine Weile auch privat trug. Schauspielen? Mehr. Gundermann vegetativ - bis das Gemüt des Darstellers gewissermaßen genauso vegetarisch wurde wie die Figur. Und fleischfressend zugleich. Besessenheit ist ein Raubtier, und Einverleibung ist Raubbau. Als Scheer vor Jahren die Rolle des Keith Richards vorbereitete, für den Uschi-Obermaier-Film »Das wilde Leben« von Achim Bornhak, gründete er eine Rockband. Sang auch weiterhin, singt jetzt auch in »Gundermann«.

Scheer, 1976 in Berlin geboren, ist der Tellerspüler (war er wirklich!), der zum Millionär wurde. Sein Reichtum: Mangel an mittlerem Maß. Er ist die Erfindung der ganz neuen Glühbirne: Die muss erst durchknallen, um dann zu brennen wie eine Sonnenkonkurrenz. Er ist der Typ, der vor der Premiere auch mal nachts in den Kulissen schläft. Zwischen wach und traumatisch. Die Übergänge durchmachen, wie man eine Nacht durchmacht. Oder eine Liebe. Den Rausch behaupten, wenn du schon Ruine bist.

Abitur? Ihn interessierten andere Touren. Drogen, Synthesizer, Stones, Girls, Techno und »Good Fellas«. Ja, all together now - »ich war jeden Abend im Kino, nachts auf Party, und in der Schule wurde dann gepennt. Bei der Hälfte der Lehrer bestand Stasiverdacht und neue Lehrpläne gab’s auch nicht.« Reifeprüfung? »Unser ganzer Jahrgang ist sitzengeblieben.« Vier Jahre lang Barkeeper, Friedhofsgärtner, Postbote. Und das Off-Theater wurde zur Aufforderung an die ordentliche Welt: Fuck off! Leander Haußmann entdeckte den Poseur in Werbefilmen für seinen Film »Sonnenallee« - Scheer gibt den Erzähler Micha. Der Rest ist Legende: die Mauer-Tragödie als Kultkino.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Bochum, Frankfurt am Main, Burgtheater Wien. Spiel bei Haußmann, Jürgen Kruse, Stefan Pucher und in Castorfs Volksbühne: Scheer hat den Othello geturnt, hat sich die Haut eingeschwärzt - gegen das Korrektheitsblubbern von Bühnenwatchern, die in jeder Hautkolorierung Rassismus wittern. Er hat den Mephisto gekräht, als einen pennersträhnigen Chaoten der E-Gitarre. Er hat sich bei Castorf, als jesusdürrer Schmerzens-Karamasow, durch eine bühnenbreite Wasserlache geschluckt. Er war im Kino Nietzsche, war ein wunderbarer Kinderfreund (»Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel«) und ein verschwitzter Geiselnehmer (»Gladbeck«), war auf dem Theater Kean, 2009 Schauspieler des Jahres - ein Streuner, kommend von den verruchten Gassen der Unmoral. Als Lord Byron, wieder in einem Dostojewski von Castorf, röhrt, haucht er Worte, die sind wie Frostblumen auf einer Scheibe, hinter der das Herz liegen muss.

Dieser krasse Akrobat - gern in Schlapphut-Pose zwischen Alain Delons Eis- und Humphrey Bogarts Weichgesicht - braucht Raum, braucht Publikum. Er reißt auf. Er hat das dritte Geschlecht: ruppig und tänzerisch; uralt und urknäbisch; im Schmächtigen so eisenstemmsüchtig. Mit einem Anverwandlungstempo, das derart durch Kurven rast, dass man immer auch die Hitze der Bremsbeläge riecht. Ein Fantast, der seinen Gestalten etwas Überspanntes beigibt. Das uns beim Zusehen zu Unbekannten unserer selbst macht. Kino, Theater: die Stundenhotels, in denen wir uns von einer Realität ausruhen, die uns verbietet, die Seiten zu wechseln. In den Stücken und Filmen (»Carlos, der Schakal«, »Der junge Karl Marx«, »Gladbeck«), in denen Scheer auftaucht, ist auf ein Gesetz, das alles ins gerechte Lot brächte, nicht zu bauen. Im Gewalt-Akt, der die Logik und das Gewohnte sprengt, liegt die melancholische, rampensäuische Kraft dieses Körperpoeten: Das, was den Unterschied macht im Leben, ist nur in der Verausgabung begreifbar.

Scheer als Gundermann, Scheer im Gundermann - das ist doch nichts, was in diese olle Stasimülltüte passt, die jetzt durch die Bewertungen des Dresen-Films gezerrt wird. Dresen und Scheer wühlen und weben bezwingend im Gleichnis: Du willst gut sein - und wirst schuldig; Verrat, Versagen, das ist nichts, was man absichtlich macht, es ist ein Licht, das dich mitnimmt, ein stechender Blitz. Bis es dir schwarz wird vor Augen. Bis Winter in dir umgeht. Kalt ist der Tod, doch kälter ist, was dich wärmen sollte: der hohe Sinn, der tiefe Glaube, die große Idee.

Andreas Dresen erzählt davon, dass wir Unvorhersehbare sind, denen der letzte Halt immer fehlen wird - und diese Unbestimmtheit unseres Wesens wird nur größer, wo wir sie beenden wollen. Leg deinen Kopf in den Schoß eines hehren Ziels - das tut gut. Das tut so gut, dass du die Guillotine nicht ahnst. Hahn im Korb? Ja. Nee! Kopf im Korb. Jetzt heb ihn wieder, den Kopf! Auch wenn es ihn gekostet hat. Das spielt dieser Kerl! Dieser Wahnsinns-Scheer. Ein Schweben und eine Schwere, genau das, was uns zwischen Himmel und Erde so wundersam fassungslos und so ehrenwert schwach hält.

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