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Vom Faustkeil bis zur Gödel’schen Katastrophe

Mickaël Launay: Der große Roman der Mathematik

  • Von Harald Loch
  • Lesedauer: 3 Min.

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Freunde der Belletristik sind bei diesem »Roman« eigentlich nicht angesprochen. Es handelt sich um ein gut erzähltes kultur- und wissenschaftsgeschichtliches Sachbuch, das der junge französische Mathematiker Mickaël Launay unter dem verführerischen Titel »Der große Roman der Mathematik« vor allem denen widmet, die ihm abwehrend entgegenhalten: »Oh, in Mathe war ich immer eine Niete.« Er nimmt sie alle mit auf eine Reise »von den Anfängen bis heute« und verblüfft auch die noch, die immer eine Eins in diesem Schlüsselfach der Zivilisation hatten. Er fängt bei den Faustkeilen an und einem »Numerus clausus« von sieben Symmetrieachsen, die er anhand von mesopotamischen Wand- und Tongefäß-Friesen beschreibt. Er gelangt bis zu den hermetisch anmutenden Symbolsprachen von Whitehead und Russell oder bis zur »genialen Gödel’schen Katastrophe«. Unterwegs wird aber vieles ganz anschaulich: Im Jahre der Fußball WM ist ein Blick auf das Runde, was ins Eckige soll, erlaubt. In Wahrheit ist das Runde eckig und besteht aus zwanzig sechseckigen und zwölf fünfeckigen Teilen.

So bildhaft sind die Mathematik der Körper und die Geometrie. Die Welt der Zahlen musste sich erst vom Zählen von Gegenständen zu der Abstraktion entwickeln, die sie gegenstandslos machte. Auch hier geht der begnadete Mathematik-Pädagoge nicht nur kulturgeschichtlich exakt, sondern vor allem für die »Nieten in Mathe« nachvollziehbar und spannend vor. Manch ein Name wird noch aus dem Schulunterricht geläufig sein: Archimedes, Pythagoras oder Euklid. Die großen arabischen Mathematiker oder die indischen Erfinder unserer »arabischen« Zahlen oder des Geniestreichs mit der Null kennt man nicht namentlich, obwohl die erst in der Renaissance - wieder - einsetzenden mathematischen Fortschritte des europäischen Westens nicht ohne die Vorarbeiten des Orients denkbar sind.

Die erste Frau in der Geschichte der Mathematik, von der wir den Namen kennen, war Hypatia. Sie soll alle Männer ihrer Zeit an Gelehrsamkeit übertroffen haben und wirkte in der Spätzeit des Museions von Alexandria, dessen Direktor ihr Vater war. »Im Jahr 415 zieht sie sich den Zorn der Christen der Stadt zu, die daraufhin Jagd auf sie machen und sie ermorden. Ihr Leichnam wird zerstückelt und verbrannt.« Hypatia nahm das Schicksal von anderen wie Galilei vorweg. »Und sie bewegt sich doch« - die Mathematik nämlich - und wurde Basis und Ausdrucksform für alle Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Sie entwickelte eine nonverbale Sprache mit den uns vertrauten Zeichen, wenn auch erst erstaunlich spät: »Um 1460 verwendet der Deutsche Johannes Widmann erstmals die Zeichen + und - für die Addition bzw. Subtraktion, Anfang des 16. Jahrhunderts benutzte Tartaglia die ersten Klammern in seinen Rechnungen, 1537 wird das Gleichheitszeichen (=) eingeführt.«

Spannende Kapitel behandeln die Erfindung der negativen Zahlen, den Kampf mit der Unendlichkeit von Pi (π) für alle Kreisberechnungen etwa. Große Aufmerksamkeit legt Launay auf die stets angestrebte Eleganz mathematischer Formeln und damit ausgedrückter naturwissenschaftlicher Zusammenhänge - eine Ästhetik, die er selbst in seiner auch für die fortgeschrittensten Leser interessanten Darstellung anstrebt. Er schreibt letzten Endes doch einen großen »Roman der Mathematik«, dem man viele Leser wünscht.

Mickaël Launay: Der große Roman der Mathematik. Von den Anfängen bis heute. Aus dem Französischen von Jens Hagestedt und Ursula Held. C. H. Beck, 256 S., 19,95 Euro

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