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Alle Spielarten der Natur willkommen

Das Bundeskabinett will offiziell das dritte Geschlecht einführen. Einige Unternehmen kommen dem schon zuvor und schreiben Stellen auch für diverse Personen aus

  • Von Simone Schmollack
  • Lesedauer: 3 Min.

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Was haben ThyssenKrupp, Fresenius in Radolfzell, der TÜV Rheinland und der Kinderhort »Balu« in der bayerischen Gemeinde Aschheim gemeinsam? Der Stahlkonzern in Essen, das Chemieunternehmen am Bodensee, der technische Überwachungsverein und die Kindereinrichtung gendern ihre Stellenausschreibungen. So sucht beispielsweise ThyssenKrupp Business Services neue Softwareentwickler*innen ausdrücklich mit »m/w/divers«. Oder anders formuliert: entweder einen Mann oder eine Frau oder eine Person, die sich weder als männlich noch als weiblich, sondern als etwas dazwischen oder ganz anders empfindet.

Das Kabinett in Berlin hatte vor gut einer Woche einen Gesetzentwurf verabschiedet, der neben weiblich und männlich eine dritte Variante als Geschlechtsoption im Personenstandsrecht ermöglicht - und wählte die Bezeichnung »divers«. Damit kam die Bundesregierung einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nach, das im Oktober des vergangenen Jahres eine Erweiterung des Personenstandsrechts verlangt hatte. Grund: Die bisherige zweigeschlechtliche Definition stelle eine Diskriminierung gegenüber Personen dar, die sich weder als Mann noch als Frau definieren, befand das Gericht.

Der Pflegedienst Calando in Dresden in Sachsen sucht gerade eine »Pflegefachkraft (m/w/divers), Zielgruppe: Berufseinsteiger, Beginn: sofort«. So steht es auf der Website, die auch über verschiedene Jobportale zu finden ist. Das sogenannte »dritte Geschlecht« hat der Pflegedienst vor kurzem dazugesetzt. »Auf Empfehlung eines Anwalts«, wie Pflegedienstleiter Michael Quaas sagte: »Aber noch vor der Entscheidung der Bundesregierung.« Quaas und sein Team wollten gewappnet sein für die sprachliche Neuerung und alles richtig machen. »Außerdem ist es egal, wie jemand ist oder sich empfindet. Hauptsache, die Arbeit wird gut gemacht«, sagt Quaas: »Jede und jeder so, wie er oder sie meint.«

Bei Calando betreuen 30 Mitarbeiter*innen etwa 80 Patient*innen, auf beiden Seiten seien »alle möglichen Spielarten der Natur« willkommen. Mit »divers« beworben indes hat sich bislang noch niemand.

Derzeit berücksichtigen etwa 7 Prozent der Firmen in Deutschland sprachlich drei Geschlechtsoptionen. Das ergab eine Untersuchung der Jobsuchmaschine Adzuna in rund 570.000 Stellenangeboten im Netz. Das Stellenportal hat eigenen Angaben zufolge nach dem Zusatz »divers« suchen lassen. Dabei schnitt die Stadt Düsseldorf in Nordrhein-Westfalen mit 12 Prozent gegenderter Einträge am besten ab. Bei den rund 6200 in Dresden veröffentlichten Einträgen berücksichtigten über 11 Prozent die Bezeichnung »divers« - so wie jetzt der Pflegedienst Calando. In Dortmund, Nürnberg und Bremen sieht es mau aus, hier waren in rund 4 Prozent der Stellenangebote mehr als zwei Geschlechtsoptionen angegeben.

Das Bankhaus Santander in Mönchengladbach benennt seit einem halben Jahr verschiedene Geschlechtsbezeichnungen, versichert Pressereferent Dennis Neelsen. »Sowohl bei den Stellenangeboten als auch bei allen öffentlichen Ausschreibungen«, sagt Neelsen: »Und natürlich im Haus am sogenannten ›schwarzen Brett‹ für die internen Informationen.«

Das dürfte Justizministerin Katarina Barley (SPD) freuen. »Kein Mensch darf wegen seiner sexuellen Identität diskriminiert werden. Es ist überfällig, dass wir das Personenstandsgesetz jetzt endlich modernisieren«, sagte sie nach dem Kabinettsbeschluss zur »dritten Option« in der vorigen Woche. Interessenverbände wie Trans-Ident und die Bundesvereinigung Trans* kritisieren den Beschluss. »Er knüpft die Möglichkeit eines dritten positiven Geschlechtseintrags an die Bedingung einer ärztlichen Bescheinigung der Variante der Geschlechtsentwicklung«, sagen Caroline Ausserer und Josch Hoenes vom Bundesverband Trans*. Es gebe inter- und transgeschlechtliche Menschen, das sollte selbstverständlich anerkannt sein. »Auch ohne ärztliche Bescheinigung.«

Der Vereinigung Transsexuelle Menschen (VTM) in Melle in Niedersachsen kritisiert die Formulierung »divers«. Besser sollte es »geschlechtliche Varianten« heißen, findet VTM-Bundesgeschäftsführer Frank Gommert. Die sprachliche Erweiterung sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, löse aber nicht die Probleme, die Trans-Menschen nach wie vor haben. »So etwas dauert sehr, sehr lange«, meint Gommert.

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