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Die Kontaktbörse Kiosk ist bedroht

Das Ruhrgebiet feiert am Tag der Trinkhallen seine Büdchenkultur

  • Von Marc Niedzolka, Essen
  • Lesedauer: 4 Min.

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Shirin Shaghaghi hat in ihrer Auslage Quinoa-Salate und hartgekochte Bio-Eier stehen. »Die klassische Kioskzeit ist vorbei«, sagt die Inhaberin des »Kölnkiosk«, der im szenigen Belgischen Viertel in Köln steht. Von Zigarettenqualm vergilbte Vorhänge sucht man vergeblich, die Regale sind im knalligen Pink und Rot gehalten. Für Kaffee-Feinschmecker steht eine Profi-Maschine bereit, Shaghaghis Mitarbeiter können sich dafür bei einem Barista schulen lassen. »Guter Kaffee sollte schon immer ein Aushängeschild des Ladens sein«, sagt sie. »Du musst etwas Besonderes machen, sonst überlebst du heute nicht mehr.«

Der »Kölnkiosk« steht zwar im Rheinland, wirft aber ein gutes Schlaglicht auf das, worum es beim Tag der Trinkhallen geht, der am 25. August im Ruhrgebiet gefeiert wird. Der Kiosk, die Trinkhalle, die Bude - wie man es auch nennen will - ist seit jeher ein Mikrokosmos, der sich auch verändert. Oft spiegeln die Häuschen zudem das Leben des Viertels wider, in dem sie stehen. Mit dem Tag der Trinkhallen soll die Bude als »Begegnungsort der Kulturen« gefeiert werden.

Shirin Shaghaghi kann viele ihrer Kunden mit Vornamen ansprechen. Bei der 40-Jährigen gibt es natürlich nicht nur Quinoa-Salat, sondern auch die klassischen Kiosk-Produkte wie Zigaretten oder Zeitungen. »Ich habe mit 18 Jahren angefangen, im Kiosk zu arbeiten. Es war Liebe auf den ersten Blick«, sagt sie. »Das Schönste an meiner Arbeit ist, mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen.« Allerdings sei das Überleben schwieriger geworden. Supermärkte haben heute länger geöffnet und bieten Produkte an, die früher Kiosk-Revier waren. »Gekühlte Getränke oder Markenzigaretten gab es da früher nicht«, sagt Shaghaghi.

Tatsächlich nimmt die Zahl der Kioske in Deutschland nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland (HDE) kontinuierlich ab. In den vergangenen zehn Jahren seien schätzungsweise 2000 Standorte verschwunden, sagt Olaf Roik vom HDE. »Heute haben wir noch schätzungsweise 23 500 Kioske in Deutschland.« Den Umsatz schätzt er auf rund 7,5 Milliarden Euro. NRW gelte wie Berlin als Kiosk-Hochburg.

Trinkhallen, Büdchen oder Kioske haben in Nordrhein-Westfalen eine lange Geschichte. Seit rund 100 Jahren bestehen sie in der heute bekannten Form mit dem Verkauf von Süßigkeiten oder Getränken. Der eigentliche Ursprung war jedoch ein anderer. Vor gut 150 Jahren wurden »Seltersbuden« in der Hochphase der Industrialisierung errichtet, um den Kampf gegen Trinksucht anzugehen, wie Gabriele Dafft vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte berichtet. Einige Zechenbesitzer sollen damals Teile des Lohns in Alkohol ausbezahlt haben, die sogenannte Schnapsspende. »Das Leitungswasser war damals auch noch nicht so gut trinkbar«, erläutert Dafft. Dafür sollte es dann also die »Seltersbuden« geben.

Dirk Stürmer vom Kioskclub Dortmund schätzt, dass rund ein Drittel der deutschen Kioske in NRW stehen. »Kioske haben eine emotionale Komponente. Man trifft dort Nachbarn und Freunde und spricht über die Ereignisse in der Nachbarschaft«, sagt Stürmer. »Der Kunde wird dort persönlich betreut. Das gibt es in den größeren Supermärkten nicht.«

Stichwort persönliche Betreuung. In Essen sitzt Anja Paul auf einem Barhocker vor der Trinkhalle, die sie mit ihrem Mann betreibt - seit knapp fünf Jahren, direkt gegenüber von einem Krankenhaus. »Als kleiner Junge habe ich hier Bonbons gekauft«, sagt Thomas Paul. Wie lange genau die kleine Trinkhalle, die sie übernommen haben, schon steht, weiß das Ehepaar gar nicht. Es müssten aber mindestens 60 Jahre sein. »Im Supermarkt bist du nur eine Nummer. Da heißt es: hallo, bitte, danke. Hier ist es familiärer«, sagt Thomas Paul.

350 bis 400 verschiedene Produkte haben die Pauls da. Man tritt ihnen nicht zu nahe, wenn man ihre Bude eher zu den klassischen zählt. Quinoa-Salate spielen jedenfalls nicht die Hauptrolle. Bei Sommerwetter machten Getränke locker 40 Prozent des Umsatzes aus, sagen die Pauls. Auch die bunte Süßigkeitentüte, der Klassiker der Büdchen-Kultur, verkaufe sich nach wie vor gut. »Wir wechseln die Bonbonarten. Unsere Enkelin geht mit einkaufen, da haben wir eine gute Beraterin«, erklärt Anja Paul das Konzept.

Claudio ist einer der Stammkunden, er sitzt auf einem Hocker und raucht eine Zigarette. »Hier sind das alle Freunde. Wir sind eine kleine Familie«, sagt er. dpa/nd

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