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Im Herzen der Kunst

Das Project Space Festival erkundete die Projektraum-Szene Berlins

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die sogenannten Projekträume sind das Herz der Berliner Kunstszene. 1971 schon etablierte Dieter Hacker seine Produzentengalerie - den grandiosen Vorläufer der heutigen Projektraum-Szene. Wie wichtig solche Institutionen sind, haben - mehrere Jahrzehnte nach Hacker - endlich auch der Kultursenat und andere Förderer erkannt. Seit Anfang des Monats und noch bis zum 31. August bringt das vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Project Space Festival nun Publikum in gut zwei Dutzend dieser von Künstlern selbst betriebenen und von Marktmechanismen bewusst abgekoppelten Orte.

Das Künstlerpaar Birgit auf der Lauer und Caspar Pauli etwa verzichtet komplett auf einen festen Ort. Über die Homepage des mittlerweile aufgegebenen Projektraumkonzepts »Neue Berliner Räume« - die Aufgabe von Räumen ist ein ganz eigenes Statement zur grassierenden Mietpreissteigerung - bot das Duo Mitte August für das Projekt »Stufen« den Besuch der klassischen Berliner Hintertreppe als Weg in Untergründe und in die Parallelgesellschaften von Dienstmägden und »Gesinde« an. Auf der Lauer und Pauli haben durchaus Erfahrungen beim Lotsen von Menschen durch unbekannte Territorien. Sie stellten 2015 im Maxim-Gorki-Theater ihren »Grenzfährservice« vor, eine Recherche zu Schleuseraktivitäten auf dem Balkan und in Berlin.

Im Projektraum Farbvision in der Schönhauser Allee 28 wurde hingegen eine einmalige Künstlerbar eingerichtet, in der Künstler nicht nur Getränke ausschenken, sondern auch individuell und kollaborativ zugleich an Kunstwerken arbeiten. Wettbewerb und Kollaboration im Kunstbetrieb sind hier als soziale Aktion erfahrbar.

»Art Traffic«, ein Projekt ganz am Ende des Festivals (ab 19 Uhr, 30. August), organisiert vom Festivalzentrum Acud aus eine Busfahrt in ganz neue Räume, in Lücken, die von Künstlern bespielt werden können; von Pförtnerhäuschen und Abstellkammern bis hin zu Birkenwäldchen reicht die Palette.

Manche Aktionen dauern auch länger als einen Tag. Im Projektraum NON Berlin c/o Meinblau projektraum (Christinenstraße 18/19) ist die im Rahmen des Festivals eröffnete Ausstellung »Facing North Korea: The Observatory Project« bis Ende des Monats zu sehen. Eine Studenteninitiative der Seoul National University erkundete fast ein Jahr lang die sogenannte Demilitarisierte Zone. Sie trennt auf etwa 248 km Nord- und Südkorea voneinander. Der Name des bis zu vier Kilometer breiten Streifen Landes bedeutet nicht, dass dort kein Militär unterwegs ist; die Konzentration von Uniformierten dies- und jenseits der Grenze ist eher hoch. Die Grenzzone wurde aber mit dem Waffenstillstandsabkommen 1953 eingerichtet.

Auf südlicher Seite existieren gegenwärtig 15 Beobachtungstürme, die auch von Zivilisten und Touristengruppen für einen Blick in den mythenumrankten Norden genutzt werden können. Um einige dieser Türme herum sind regelrechte Kulturzentren entstanden, wie Chil-seong mit seinem Museum zur Geschichte der Demilitarisierten Zone, Cheorwong Peace mit den oft für Performances genutzten Ruinen eines während der sowjetischen Besetzung erbauten Parteigebäudes oder Tae-pung, Standort eines mittlerweile landesweit bekannten Musikfestivals. In Odusan-Unification gibt es sogar ein ganzes Künstlerdorf, errichtet und betrieben von etwa 400 Künstlern.

Die Projektgruppe der Seoul National University besuchte und dokumentierte all diese Beobachtungsstationen. Videoclips, Fotos und Texte sind in der Ausstellung zu einem digitalen Archiv vereint. Einzelne künstlerische Interventionen beschäftigen sich mit der Geschichte von Beobachtung und Vermessung. Leider jedoch lassen die meisten Arbeiten künstlerische Souveränität vermissen und verharren im Erklärmodus. Am reizvollsten ist noch Klaas Hübners Soundinstallation aus Leiterplatten, Lüftungsgebläsen von Computern und einem Pendel. Das Pendel schwingt wie eine Abrissbirne über der Ansammlung von elektronischen Bauelementen; die gesamte Komposition wirkt wie ein aufgegebener Militärposten, beobachtet aus der Satellitenperspektive, unterlegt mit Elektrosound.

Dass Projekträume eine Strahlkraft weit über Berlin hinaus besitzen, ist im Übrigen an der bis Mitte September im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe laufenden Ausstellung zu Dieter Hackers 7. Produzentengalerie abzulesen. Hackers komplettes Ausstellungsprogramm von 1971 bis 1984 ist dort aufbereitet, mit legendären Protagonisten wie dem »Sendermann«, Happening- und Diskurs-Teilnehmern wie Wolf Vostell, Joseph Beuys und HP Brehmer und auch einem so schönen Projekt wie »Millionen Touristen fotografieren den schiefen Turm von Pisa. Wie viele halten ihren Fotoapparat schief?«. Hacker schaffte es mit seiner Produzentengalerie in den 70er Jahren sogar bis zum renommierten Londoner Institute for Contemporary Arts. Wer weiß, vielleicht ist unter denen, die heute in Berliner Projekträumen werkeln, jemand, der morgen hochberühmt ist.

bis 31.8., Programm unter:

www.projectspacefestival-berlin.com

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