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Musik gegen soziale Missklänge

»High-Class-Festival« am S-Bahnhof Hermannstraße verteidigt Kunst und Obdachlose

  • Von Lola Zeller
  • Lesedauer: 3 Min.

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Musiker wehren sich mit einem Protestkonzert gegen die Instrumentalisierung atonaler Klänge zur Verdrängung von Obdachlosen.
Musiker wehren sich mit einem Protestkonzert gegen die Instrumentalisierung atonaler Klänge zur Verdrängung von Obdachlosen.

Etwa 250 Menschen stehen dicht gedrängt vor dem Eingangsbereich des S-Bahnhofs Hermannstraße. Sie scharen sich um zwei Musizierende mit Saxophonen, die wilde und unkenventionelle Tonabfolgen spielen, welche sich zu einem musikalischen Dialog zusammenfügen. Harmonisch klingt es nicht, aber das soll es auch nicht. »Mit unseren musikalischen Dissonanzen treten wir gesellschaftlichen Missklängen entgegen«, so heißt es in der Veranstaltungsbeschreibung unter dem Titel »Atonale Musik für alle«.

Untermalt wird die Szene vom lauten Straßenlärm der Hermannstraße und den fortwährenden Versuchen der Organisator*innen, die vielen Menschen auf dem Bürgersteig zu halten, die auf die Straße ausweichen wollen. Auch auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig haben sich Menschen versammelt, um am Konzert teilzuhaben.

»Eine Kunstform so misszuverstehen und Kunst generell zu instrumentalisieren, um Menschen auszuschließen aus dem öffentlichen Leben, ist grundsätzlich falsch«, sagt Lisa Benjes. Als Mitglied der »Initiative Neue Musik Berlin« (inm) hat sie das Konzert initiiert, um auf das geplante Pilotprojekt der S-Bahn Berlin aufmerksam zu machen: Obdachlose sollen durch die Beschallung der Eingangshalle mit atonaler Musik aus dem Bahnhof vertrieben werden, so hieß es in verschiedenen Medienberichten in der vergangenen Woche. »Dabei wird nicht nur die Musik diskreditiert, sondern natürlich auch die Menschen«, erklärt Benjes.

Wichtig ist Benjes auch der politischer Hintergrund der Musik. »Atonale Musik galt im NS-Regime als entartete Kunst«, sagt Benjes. »Und das jetzt zu verwenden, um Leute zu vertreiben, ist wirklich kritisch.« Benjes freut sich über das große Engagement der vielen Musiker*innen, die einen Beitrag zum Konzert leisten. Musizierende aus den besten Ensembles Berlins seien gekommen. »Das ist eigentlich ein High-Class-Festival in einer ganz kleinen Form.«

Eine der Teilnehmerinnen ist die Vokalistin Sirje Aleksandra Viise. »Als ich gefragt wurde, habe ich direkt zugesagt«, sagt Viise. Auch sie positioniert sich entschieden gegen das Projekt der S-Bahn. »Die Stücke, die ich singe, sind auch von Menschen, die von der Gesellschaft nicht erwünscht waren.« Julius Eastman, dessen Stück »Prelude to the Holy Presence of Joan d’Arc« sie singt, sei drogenabhängig, schwarz und schwul gewesen. »Er war sogar selbst zeitweise obdachlos.«

Zum Konzert an der Herrmannstraße sind nicht nur Musikliebhaber*innen gekommen. Viele Menschen sind schlicht empört über die Art, wie die S-Bahn mit Obdachlosen umgehen will. »In einer Stadt und einem Kiez, in dem es nicht genügend bezahlbaren Wohnraum gibt und Menschen nicht von ihrer Arbeit leben können, ist es absolut verwerflich und pervers, Obdachlosen die letzte Zuflucht, nämlich den Bahnhof, zu nehmen«, sagt Josefine Stück. Stück studiert Psychologie und hat sich in dem Rahmen mit kognitiven und physiologischen Dissonanzen beschäftigt zu haben. »Ich finde es grausam, die Ärmsten der Armen mit was für einer Musik auch immer zu beschallen.«

Der Protest ist erfolgreich - zumindest was die Sichtweise auf atonale Musik betrifft. Berlins oberster Bahnhofsmanager Friedemann Keßler war bei dem Konzert anwesend und änderte seine Pläne, wie ein Sprecher der Deutschen Bahn dem »nd« am Sonntag bestätigt. Zunächst hatte die »Berliner Morgenpost« berichtet. »Herr Keßler ist vor Ort mit einigen Menschen ins Gespräch gekommen«, so der Sprecher. Das habe ihn schließlich zur Erkenntnis gebracht: »Atonale Musik ist nicht das, was dort passt.« Stattdessen sollen nun möglicherweise Naturgeräusche abgespielt werden.

Der Sprecher widersprach auch der Darstellung, dass mit Musik oder Geräuschen Obdachlose verdrängt werden sollten. »Um Obdachlose geht es ausdrücklich nicht«, sagte er. Verdrängt werden sollten Drogendealer, die sich am S-Bahnhof gerne aufhalten.

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