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Mut zum Risiko

Die Salzburger Festspiele glänzten in diesem Jahr mit ihrem Opernprogramm

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Allein mit der Zahl der Produktionen, die im Großen Festspielhaus, dem Haus für Mozart und der Felsenreitschule während nur eines reichlichen Festspiel-Monats auf die Bühne kamen, können selbst große Häuser kaum mithalten. Dazu kam noch die Schauspiel- und Konzert-Schiene des Nobelfestivals. Rechnet man die eine Rossini-Übernahme von Cecilia Bartolis Pfingstfestival und die konzertante Aufführung von Gottfried von Einems »Der Prozeß« mit, dann waren es sieben Opern, die während des Festivals in Salzburg gezeigt wurden!

Dabei hat Festspielintendant Markus Hinterhäuser weniger mit der Auswahl der Werke und Dirigenten (meist für die Wiener Philharmoniker), dafür aber in diesem Jahr bei den Regisseuren Mut zum Risiko bewiesen. Das hat sich nicht nur bei Hans Neuenfels und seiner »Piqué Dame«, sondern auch bei Krzysztof Warlikowski mit Hans Werner Henzes »Bassariden« und bei Jan Lauwers mit Monteverdis »L’incoronazione di Poppea« gelohnt. Im Falle von Romeo Castelluccis »Salome« sorgte das für die (auch im Fernsehen übertragene) Festspielsensation. Dabei bewährten sich nicht nur Franz Welser-Möst als genau der Richtige am Pult des Wiener Spitzenorchesters und der manchmal kryptische Regisseur Romeo Castellucci mit seiner Symbolsprache. Auch die Sängerin der Titelpartie Asmik Grigorians war eine Entdeckung - wie zuletzt Anna Netrebko vor zwölf Jahren.

Dass ausgerechnet die neue »Zauberflöte« aus der Reihe tanzte, lässt sich verschmerzen! Doch der Mozart-Dauerbrenner hat genügend Fans, denen es ganz egal ist, in welcher äußeren Form sie daherkommt. Die vor allem beim Bühnenbild an nichts sparende Inszenierung von Lydia Steier offenbart gleichwohl im Großen Festspielhaus die Schwächen dieser Melange aus kinderkompatiblem Zirkuszauber für’s Vorstadtpublikum, Freimaurerkult und Texten, denen man besser nicht allzu genau zuhört. Da hilft es auch nicht, aus dem übergriffigen, schwarzen Monostatos, einen weißen Diener zu machen. Oder die gesprochenen Dialoge in eine Märchenbuch-Variante zu verwandeln, die Klaus Maria Brandauer als Großvater den drei Knaben in genau diesem Es-war-einmal-Tonfall vorliest. Wobei sich das Familien- und Dienstpersonal eines großbürgerlichen Wiener Hauses anno 1913, so wie die drei Enkel-Buben alsbald ins Personal der Oper verwandeln. Der Bezug zum Vorkriegsjahr ist interessant, aber nicht wirklich bewältigt. Die Königin der Nacht sieht aus wie eine antiquierte Fricka, rollt zum Finale mit einem Panzer an, wird aber doch erschossen. Ihr Gegenspieler Sarastro ist mit Frack und Zylinder eine Figur zwischen Klischee-Kapitalist und vielleicht sogar »linkem« Westentaschen-Diktator. Im Nebenjob: Zirkusdirektor. Da wirkt sogar ein Matthias Goerne als Sarastro wie ein Bariton auf Bass-Abwegen, was er diesmal tatsächlich ist.

Steier macht aus der »Zauberflöte« kein Welttheater, sondern höchstens ein Weltkasperletheater. Mit proletarischem Hammer-und-Sichel-Personal und Isis- und Osiris-Fahnen im Sowjetstil. Selbst die Wiener Philharmonikern unter Constantinos Carydis können das im Großen Festspielhaus nicht wirklich retten. Kein Fiasko, aber die Opern-Enttäuschung der Festspiele.

Dafür gibt es einen Monteverdi (dessen musikalische Qualität durch William Christie, seine AlteMusik Virtuosen von Les Arts Florisants und ein referenzverdächtiges Protagonisten Ensemble garantiert wurde) von einer selten erlebten Sinnlichkeit. Beim Aufstieg der ehrgeizigen Kurtisane Poppea zur Kaiserin an Neros Seite entfaltet der flämischen Allrounder und Opernneuling Lauwers mit 17 Tänzer, die das Geschehen in Bewegung und lebende Bilder übersetzen, eine Opulenz, bei denen die Zustände wie im Alten Rom unmittelbar nachvollziehbar werden.

Diese Mischung aus musikalischem Glanz und szenischer Sinnlichkeit gelingt auch Kent Nagano und Warlikowsky mit Henzes »Bassariden«. Diesem Frontalangriff des Gottes der Sinnlichkeit Dionysos auf die Bastionen des Gezügelten wird hier zwar eher eine psychologierenden Selbsterforschung, die mit Bildern sexueller Enthemmung spielt, aber die Verführbarkeit der Massen durch Demagogen wird in ihrer blutigen Konsequenz (die Mutter zerfleischt im Rausch den eigenen Sohn, weil sie ihn für einen Löwen hält) zur packend assoziierten Warnung. Wie geeignet Oper dafür ist, ließ sich in Salzburg diesmal im mehreren Varianten überzeugend nachprüfen.

Bis 30. August. salzburgerfestspiele.at

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