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Spurensuche in den Archiven der Moderne

Thüringen: Das Kunstfest Weimar schaut auf das 100-jährige Bauhausjubiläum voraus

  • Von Doris Weilandt, Weimar
  • Lesedauer: 4 Min.

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Dachziegel, Steine, Baumstämme und Putzdraht liegen in den Regalfächern im ehemaligen Bauhaus-Museum auf dem Weimarer Theaterplatz. Die Gegenstände sind mit Objektschildern zum Fundort beschriftet, es handelt sich um Erinnerungsstücke von Orten der Veränderung in der Stadt. Den »Souvenirshop« haben Kunststudenten der Bauhaus-Universität eröffnet, um mit Besuchern über ihre Idee für das 100-jährige Bauhausjubiläum zu diskutieren. Dabei kann der Teilnehmer eine Vision beziehungsweise einen Wunsch gegen ein Fundobjekt eintauschen.

Der »Souvenirshop« gehört zum Programm des diesjährigen Kunstfestes Weimar, das noch bis zum 2. September geht. Die Shop-Wände sind bereits gut gefüllt mit Wunschzetteln, die vom Kinderpfad bis zum Wohnhausbau reichen. Viele setzen sich kritisch mit der Musealisierung des Bauhauses auseinander, mit der festgeschriebenen Form der Betrachtung. Im »Souvenirshop« wird über Alt und Neu diskutiert, über die Zukunft des alten Bauhaus-Museums und über Kunst. Diese Form der Intervention mit Bürgerbeteiligung zu den Veränderungen in Weimar, an der man sich noch bis zum Ende des Festes beteiligen kann, kommt bei den Teilnehmern gut an.

Die Orientierung des Kunstfestprogramms auf das Bauhaus-Jubiläum hat Regisseure, Performer und Ausstellungsmacher veranlasst, in den Archiven nach Material zu graben. Regisseur Matthias Rebstock etwa lud in das seit dem jahr 2000 leer stehende Funkhaus zu einer musikalischen Spurensuche nach dem Neuen Menschen ein - unter dem Titel »Mit Nietzsche auf Sendung«. Das Gebäude war von den Nationalsozialisten direkt neben das Nietzsche-Archiv gesetzt worden, der Philosoph sollte in dieser Gedächtnishalle vollkommen vereinnahmt werden. Doch zur Eröffnung kam es nicht, nach 1945 diente der Bau dann lange Jahre als Funkhaus.

Die Besucher, die nun das Haus betreten, werden als Nietzsche-Wallfahrer begrüßt, als Auserwählte, die Stufe für Stufe der Menschwerdung erklimmen wollen. Im langen Gang des klassizistisch geprägten Baus ist ein leiser Pfeifton zu hören, dann ein Kratzen an den Oberlichtern. Es will etwas hinein. Im Zarathustra-Saal steht ein alter Rollstuhl am hohen schlanken Fenster. Von da aus werden auf dem Parcours verschiedene Stationen passiert. In der Poststelle führt ein Jünger (Tobias Dutschke) asketische Übungen vor, die auf den Ideen der Reformbewegung Mazdaznan beruhen. Diese religiöse Lehre, die lange vor den Nationalsozialisten existierte, postulierte die Überlegenheit bestimmter Rassen. Auch in Weimar hatte die aus den USA stammende Glaubensrichtung einen Ableger, dem sich Bauhausmeister Johannes Itten verschrieben hatte.

Im Direktorenzimmer des Senders sitzen die Besucher dann in einer Redaktionssitzung. Bauhausdirektor Walter Gropius (brillant gespielt von Elke Wieditz) debattiert mit Itten (ebenfalls Wieditz) über die Entwicklung des Bauhauses von reformpädagogischen Konzepten zur Einheit von Kunst und Technik. Der ist nicht bereit, diesen Weg mitzugehen und kündigt.

Der Rundgang endet im großen Sendesaal. Dort können sich die Besucher entscheiden, ob sie den Ausgang nehmen oder die kleine Pforte, die den Aufstieg des Menschen zum höheren Wesen verspricht.

Im ausverkauften Nationaltheater Weimar glänzt Sandra Hüller im Rahmen des Kunstfestes mit einem Solo-Abend: »Bilder einer großen Liebe« (Wolfgang Herrndorf). Die 14-jährige Isa flieht aus der psychiatrischen Anstalt in die Freiheit - mit nichts als zwei Tabletten und ihrem Tagebuch. Auf ihrer Wanderung durch nächtliche Wälder vermischen sich die Ebenen. Außenwelt und innere Wahrnehmung gehen nahtlos ineinander über, gnadenlose Bestandsanalyse wechselt mit der Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe. In einem fulminanten Monolog zieht Hüller ihr Publikum tief in das Gestrüpp ihrer Fantasie. Geschichten gehen unmittelbar in Lieder über, lyrische Passagen in lautstarken Rock (E-Gitarre: Moritz Bossmann, Schlagzeug: Sandro Tajouri). Das Weimarer Publikum war begeistert von der Schauspielerin, die auch als Sängerin überzeugte.

Das Kunstfestprogramm 2018, das letzte unter der Leitung von Christian Holtzhauer, rückt Künstlerkollektive in den Blick. Am Donnerstag hat die Deutsche Erstaufführung »An Incomplete Life« der niederländischen Gruppe Wild Vlees Premiere. Bei dieser Performance werden globale Fragen wie nach der Rolle des Menschen auf der Erde gestellt. Ein Stück für die ganze Familie präsentiert das Figurentheater Collectif Kahraba (Libanon/Frankreich) mit Géologie d´une fable.

Das Kunstfest Weimar endet am 2. September; weitere Informationen unter: www.kunstfest-weimar.de

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