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130 Dollar für Superman

Ein Comic erzählt die Lebensgeschichte der beiden Erfinder von Superman, des Prototyps aller Comic-Superhelden

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Kennen Sie »Bitter Sweet Symphony« von den Rolling Stones? Einen der größten Hits der 90er-Jahre? Millionenfach verkauft, dazu prominent in Werbespots eines Sportartikelherstellers und eines Automobilkonzerns platziert? Nein? Das könnte daran liegen, dass das Lied von der Brit-Pop-Band The Verve geschrieben und interpretiert wurde. Was haben also die Rolling Stones damit zu tun? Recht wenig. Aber deren Haifisch-Manager Allen Klein erklagte sich kurz nach dem einsetzenden Welterfolg des Songs jegliche Rechte daran, weil Verve-Sänger Richard Ashcroft den dummen Fehler machte, ein paar mehr Noten aus dem Sample zu verwenden, das »Bitter Sweet Symphony« zugrunde lag. Noch abstruser ist allerdings die Tatsache, dass dieser musikalische Schnipsel wiederum gar nicht von den Rolling Stones stammte, sondern auch nur einer vom ehemaligen Rolling-Stones-Manager Andrew Loog Oldham veröffentlichten instrumentalen, orchestralen Coverversion des Rolling-Stones-Klassikers »The Last Time« entsprang, wobei Oldham wiederum nicht einmal für das orchestrale Arrangement verantwortlich zeichnete. Das Ende vom Lied: Kein Cent für The Verve und eine Grammy-Nominierung für Keith Richards und Mick Jagger.

Es gab noch andere Fälle in der Geschichte, bei denen es ähnlich zuging. Immer wieder zerstört ein absurdes Urheberrecht die Leben der Künstler, die im kapitalistischen Dschungel einen Fauxpas begehen. Spezialisierte Anwälte betätigen sich dann als Vollstrecker, die das Werk der Manager verrichten.

Über so einen prominenten Fall berichtet auch das Comic »Joe Shuster - Der Vater der Superhelden«. Die Story geht so: Zwei Söhne armer, osteuropäischer Einwanderer erfinden in den USA der 1930er-Jahre den Prototypen aller Superhelden: Superman. Nach jahrelanger Odyssee finden die beiden Träumer endlich einen Verleger, der im Frühjahr 1938 die Pilotfolge von »Superman« in »Action Comics« veröffentlicht. Dann kauft das Unternehmen National Publications die Rechte an der Figur von Autor Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster zum Preis von 130 Dollar. Zu dieser Zeit sind die Freunde froh, als chronisch arbeitslose Kreative nun zumindest eine Festanstellung beim Verlag zu haben. Aber der Erfolg von »Superman« übertrifft auch langfristig alle Erwartungen und lässt ein Milliardenimperium entstehen. Doch ein Vertrag ist nun mal ein Vertrag, verkauft ist verkauft.

Als Siegel und Shuster alt werden, braucht man sie nicht mehr. Andere schreiben plötzlich die Storys für ihren Helden, andere gestalten nun die bunten Bilder. Krankheit und Schicksal werfen Siegel und Shuster aus der Bahn, während diejenigen, die fortwährend von ihrer genialen Vorlage profitieren, die beiden Schöpfer der Comicfigur einfach auf die Straße setzen.

Ein Deutscher und ein Italiener haben sich dieser für die Comicwelt so bedeutenden Geschichte nun im entsprechenden Format angenommen und eine Graphic Novel aus der Lebensgeschichte des Illustrators Joe Shuster gefertigt. Julian Voloj textet zu Thomas Campis vollfarbigen Paneelen im Aquarellstil. Da capo al fine wirft die Narration einen kleinen Bogen, hält sich sonst aber linear an das Werden und die Leiden des um seine von ihm erfundene Figur betrogenen Joe Shuster.

Man erfährt viel über die frühe Comicszene, über die Tricks und Kniffe skrupelloser Businesstypen sowie über den Zustand der US-amerikanischen Gesellschaft vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht zuletzt ist diese Erzählung nämlich auch die über zwei Juden, die besonders in den Roosevelt- und Truman-Jahren nicht nur den aus Deutschland importierten Antisemitismus ständig am eigenen Leib erfahren müssen. In einer rührenden Szene gegen Ende des Buchs stirbt Shusters Vater and Lungenkrebs, daneben weht die Flagge von Israel am 14. Mai 1948 - »Wir haben gewonnen!«, flüstert ihm sein Sohn am Sterbebett zu.

Wie genau dieses hervorragend gemalte, umfangreich recherchierte und liebevoll gemachte Buch sein Finale findet, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Genau wie jeder Popmusik-Fan die wahren Interpreten von »Bitter Sweet Symphony«, kennt, weiß mittlerweile auch der Comic-Fan, wer einst Superman erfand.

Das ist die Gerechtigkeit der Geschichte: Sie ehrt irgendwann die Richtigen, aber bezahlt immer die Falschen.

Julian Voloj/Thomas Campi: Joe Shuster - Der Vater der Superhelden. Carlsen-Verlag, 176 S., geb., 19,99 €.

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