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  • Kultur
  • Rechtsradikalismus in den USA

Buchstabenrätsel mit »Q«

Bedient sich die jüngste rechte Verschwörungstheorie in den USA eines linken Vorbilds aus Italien?

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 6 Min.

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Wer dachte, die Paranoia im jüngeren US-amerikanischen Rechtsradikalismus habe Grenzen, wird derzeit einmal mehr eines Besseren belehrt. Seit fast einem Jahr überbietet sich eine anonyme Quelle unter dem Namen »Qanon« im Internet mit wildesten Verschwörungstheorien. »Qanon« strickt nicht nur weiter an der schon im Wahlkampf 2016 verbreiteten Geschichte um einen angeblichen Kinderpornoring der Eliten, in den Hillary Clinton verstrickt sein soll. Er sagt diesen Kreisen, denen neben Barack Obama mehrere andere Expräsidenten, etliche Hollywoodstars und der Investor George Soros zuzurechnen sein sollen, auch die Vorbereitung eines Putsches nach. Donald Trumps Präsidentschaft sei Ausdruck patriotischer Bestrebungen im Militär gegen diese Verschwörung. Um es auf die Spitze zu treiben: Sogar die Untersuchungen zu Trumps »Russlandverstrickungen« seien bloß Tarnung, heimlich arbeiteten der Sonderermittler Robert Mueller und Trump gegen finstere Mächte zusammen.

»Qanon« und seine Posts wurden zwar bereits aus verschiedenen sozialen Netzwerken gelöscht, verbreiten sich aber dennoch weiter. Um sie rankt sich mittlerweile eine Trump-treue Bewegung. Regelmäßig fallen bei dessen Auftritten Personen auf, die Schilder mit einem »Q« oder »Qanon« hochhalten. Das »Q«, glauben sie, steht für eine hohe Geheimdiensteinstufung, »anon« steht für »anonym«. Der ominöse »Qanon« - das klingt so ähnlich wie das englische Wort für »Kanone« - behauptet, im direkten Umfeld Trumps zu stehen. Und der Präsident schweigt dazu.

US-amerikanische Medien befassen sich durchaus intensiv mit diesem bizarren Phänomen. Sie übersehen aber einen interessanten Aspekt, der westeuropäischen Lesern linker Geschichtsromane ins Auge springt: Ende der 90er Jahre veröffentlichte das italienische Autorenkollektiv Luther Blissett, das im Umfeld der linksradikalen Centri Sociale- und der Antiglobalisierungsbewegung mit Agitpropaktionen im Stil der Kommunikationsguerilla hervortrat, einen historischen Roman des Titels »Q«. Dieser, vermuten nun einige, könnte als Inspiration für »Qanons« rechtsradikalen Thrillerplot zur Gegenwart der USA gedient haben.

Nun bietet sich der spannende 500-Seiten-Roman jener vier Postautonomen aus Bologna, die mittlerweile als »Wu Ming« Geschichtsschreibung von unten betreiben, für rechte Trittbrettfahrer keineswegs an. Der vielfach übersetzte und viel gelesene Roman wurde hierzulande im Lutherjahr neu aufgelegt, umfassend besprochen und von Thomas Ebermann sogar auf die Bühne gebracht. Er erzählt von den Kämpfen der Häretiker des 16. Jahrhunderts gegen Fürsten und Bischöfe, handelt also von Herrschaftskritik. Das im Roman häufig auftauchende Motto »Omnia sunt communia« - alles gehört Allen - fand sich auf dem Höhepunkt der Antiglobalisierungsbewegung der späten 1990er oft an italienischen Häuserwänden. Da mutet es sehr seltsam an, dass sich nun US-Rechtsradikale dieser Chiffre bedienen könnten.

Im Roman ist der Titelheld »Q« eine widersprüchliche Figur aus dem revolutionären Spektrum des 16. Jahrhunderts - von der Bauernkriegsschlacht bei Frankenhausen bis zu den Häretikern in Münster und Antwerpen. »Q« versorgt aber zugleich in geheimen Dossiers den berüchtigten Inquisitor Gian Petro Carafa - der ab 1555 als Papst Paul IV. amtierte -, mit Informationen, also einen brutalen Hardliner der Gegenreformation. Obgleich der Roman also von der Ermächtigung der Machtlosen handelt, geht es um Geheimnisse und Verschwörungen. Und die Neue Rechte gerade in den USA hat schon zu Zeiten der »Tea Party« Protestformate linker Grassrootsbewegungen für sich entdeckt - etwa bei ihrem »Marsch auf Washington« im Jahr 2009, der sich gegen »Obamacare« und »Big Government« richtete, aber formal an den legendären linken Antikriegsmarsch von 1969 anknüpfte. Von den »Identitären« Europas bis zur amerikanischen »Alt-Right« arbeiten sich die neuen Rechtsradikalen zudem an der Popkultur ab und versuchen, sich diese anzueignen. Nicht nur Sandalen- und Muskelfilmepen wie etwa »300«, denen eine faschistoide Ästhetik eigen ist, sondern jüngst zum Beispiel auch der eigentlich in einem antirassistischen Heldenuniversum von Black Power angesiedelte Marvel-Film »Black Panther« ist in solchen Kreisen derzeit beliebt. Warum also nicht »Q«, zumal der Roman im Gegensatz zu Westeuropa in den USA wenig beachtet wurde und das Kürzel daher nicht »besetzt« ist?

Es steht aber auch der gegenläufige Verdacht im Raum: Könnte »Qanon« ein riesenhafter Prank sein, eine linke Guerillaaktion mit dem Ziel, rechte Idiotie vorzuführen? Das liegt näher, als man zunächst denken mag, denn das Luther-Blissett-Projekt, aus der das Kollektiv hinter »Q« hervorging, fiel in den 1990ern gerade mit Aktionen auf, die die Manipulierbarkeit der Medien zeigen sollten. Neben einem angeblich aus einem Laboratorium befreiten malenden Affen, dessen Bilder bei der Kunstbiennale in Venedig gezeigt wurden, fütterten sie lokale Medien mit erfundenen Berichten über satanistische Messen, die zu enormen Reaktionen führten. Das zeitweise mehrere Hundert Aktive umfassende Blissett-Projekt befasste sich also, lange bevor es darüber nennenswerte Diskussionen gab, spielerisch-provokativ mit Fake-News und ihren Hysterieeffekten. Der Schlusspunkt jener Blissett-Kampagne, die von 1994 bis 1999 reichte, war dann die Herstellung eines internationalen Beststellers, eben des Romans »Q« durch die vier schreibenden Aktivisten aus Bologna.

Mittlerweile haben sich diese ehemaligen Luther-Blissett-Aktivisten, die heute zu fünft unter dem Namen Wu Ming firmieren - und deren neues Buch »Manituana«, eine Geschichte der indigenen Kämpfe im Amerika des ausgehenden 18. Jahrhunderts, bald auf Deutsch erscheint -, per Interview selbst zu »Qanon« geäußert: »Wir können nicht sicher sagen, ob das eine Hommage sein soll, aber eines ist offensichtlich: Unser Buch hat damit zu tun. Es mag als eine Art Rollenspiel begonnen haben, eine ›Fan Fiction‹, die von unserem Roman inspiriert war, aber dann wurde es schnell etwas anderes«, erklärt also Wu Ming.

Sollte nun »Qanon« tatsächlich ein Prank sein, hätte sich dieser wohl längst verselbstständigt. Denn wie wollte man die strammen Neonazis und wirren Wüteriche, die heute mit Bannern und T-Shirts von »Q« herumlaufen, mit der Aufdeckung eines solchen Täuschungsmanövers noch beirren? Jede noch so gut belegte Aufklärung darüber, dass sie in ihrer rechten Ideologie auf eine Aktion einer linken Kommunikationsguerilla hereingefallen seien, könnten sie umstandslos als verlogene Herrschaftspropaganda in ihr verschrobenes Weltbild einbauen. Die Blase würde einfach nicht mehr mit dem erwünschten Aha-Effekt platzen. So sieht das auch das Wu-Ming-Kollektiv: »Wir auf jeden Fall hätten niemals so etwas selbst angefangen. Das wäre viel zu gefährlich.«

Die Vier wollen aber auch nicht ausschließen, dass jemand anderes einen solchen Versuch gewagt haben könnte. Wäre es so, drängten sich Bilder von militanten Bildungsprotesten im Rom des Jahres 2010 auf. Damals waren Studierende der Polizei in einem »Book Bloc« gegenübergetreten. Sie hatten sich Schutzschilde gebastelt, auf denen die Titel wichtiger linker Bücher standen - unter anderem eben auch »Q«.

Wie immer es sich nun um die Genese des neuen, rechtsradikalen, US-amerikanischen »Q« genau verhalten mag: Es ist vor diesen Hintergründen allemal sehr schmerzhaft, dass acht Jahre später neofaschistische Spinner denselben Buchstaben über »Stars and Stripes« pinseln und ihre - nicht selten antisemitischen - Hetzparolen brüllen.

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