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Übersetzung

»Right and left trouble-makers« in Chemnitz? Leo Fischer über richtige Begriffe und das Herumtänzeln deutscher Medien

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

Für Journalisten gibt es derzeit einen einfachen Test, sich zu versichern, ob man noch bei Sinnen ist: Ergibt das, was ich zu einem politischen Thema schreibe, noch Sinn, wenn man es ins Englische übersetzt? Könnte ich einer Kollegin aus den Staaten vermitteln, was in Chemnitz passiert ist, ohne in langatmige Spezialbegründungen, Erklärungen deutscher Sonderwege und kultureller Eigenheiten der politischen Landschaft zu verfallen? Es ist ein von ausländischen Journalisten dann gern mit Augenrollen quittiertes Phänomen: Je länger die Begründungen und Erklärungen werden, um so sicherer ist der deutsche Journalist gerade dabei, das Unhaltbare zu verteidigen, sich um Kopf und Kragen zu reden - ob er es bewusst will oder nicht.

Vokabeln, die der deutsche Journalist in der zurückliegenden Woche konsequent vermieden hat, die aber in der internationalen Berichterstattung völlig selbstverständlich benutzt werden: »Nazis«, »Rassismus«, »rechtsextrem«. Das Herumtänzeln um diese Begriffe, der Interpretationsspielraum, den man sich selbst und den Verhältnissen zugesteht, ist schon eine Verteidigungshaltung, schon gelebter Patriotismus, letztlich Einverständnis.

Hitlergrüße und die Jagd auf alle, die nicht weiß genug sind, werden dann zwingend als »Exzess« dekodiert. Logischerweise war das meistgelesene Wort in der Berichterstattung Anfang der Woche »Selbstjustiz«, die natürlich abzulehnen sei. Damit hat man letztlich schon die Lüge unterschrieben, die Eroberung einer Stadt durch 6000 Nazis, deren Besoffenheit von der eigenen Macht, habe etwas mit Gerechtigkeit, habe irgendetwas mit dem Mord am Sonntag zu tun, sei im letzten eine verständliche Reaktion.

Von selbst wären die Leute ja keine Nazis. Sie sind fehlgeleitet, sie sind desinformiert. Schuld hat die politische Kultur in Sachsen, Schuld haben mangelnde Perspektiven, Schuld hat nur der Bossa nova. Nein, wer am Sonntag mitmarschiert ist, wollte da sein. Er sollte entsprechend behandelt werden.

Stattdessen war am Montag und am Dienstag ein eisiges Schweigen in den Redaktionen. Selbstverständlich wussten da alle schon, was vorgefallen war. Alle sind sie ja auf Twitter. Sie haben dieselben Kanäle abonniert wie ich. Am Montag verkündete hingegen das Dudelradio Hessischer Rundfunk zuallererst, in Chemnitz habe eine Auseinandersetzung zwischen Linken und Rechten stattgefunden. Dazu gab es ein Statement von Rainer Wendt.

Warum nicht gleich von Thilo Sarrazin? Auch die »Bild«-Zeitung spekulierte zunächst von rechten und »linken Chaoten«. Auf dieser Abstraktionsebene, wo man nur mehr »Vorfälle« zählt, aber keine Motive mehr sieht, wird zwingend jede Berichterstattung zum Abnicken des Unrechts. Man würde lachen, wollte uns die »New York Times« die Ausschreitungen als »right and left trouble-makers« verkaufen - vom Hessischen Rundfunk lässt man es sich aber verkaufen.

Es war in dem Zusammenhang dann auch interessant, das englischsprachige Angebot beispielsweise der Deutschen Welle zu studieren: Hier war die Einordnung eindeutig, hier trauten sie sich plötzlich, »far-right« zu schreiben. Das Ausland hat ein langes Gedächtnis für deutsche Sonderwege; dementsprechend hatte man den Argwohn schon antizipiert. Intern läuft die Kommunikation anders: Während in Sachsen rassistische Menschenjagden stattfanden, fragte »Hart aber fair«: »Steckt in jedem von uns ein kleiner Rassist?«, und ließ einen Psychiater verkünden, dass das alles letztlich in den Genen verankert sei, also unabänderlich und gut verständlich.

Es ist diese Art des fürsorglichen Umgangs mit dem Nationalsozialismus, den man einfach nicht abschaffen will, die sich historisch wiederholt: Er wird verständnisvoll scheintherapiert. Unvergessen die Bilder einer jungen Familienministerin Angela Merkel, die in den Neunzigern Projekte begleitete, in denen man rechtsradikalen Teenagern Jugendclubs und Sozialprogramme sponserte - weil diese Jugendlichen ja nicht rechts seien, sondern nur einsam und verängstigt. In solchen Jugendclubs ist Beate Zschäpe groß geworden. Von Jugend an wurde sie für ihre Einstellungen belohnt - die Gefälligkeiten von Verfassungsschutz, Sicherheitsbehörden und von »Dönermorden« fabulierenden Medien waren der logische Abschluss.

Versuchen sie mal, das alles auf Englisch zu beschreiben. Sie werden scheitern. Es sind letztlich unübersetzbare Zustände.

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