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Das Herz eine Hüpfburg?

Zum 60. Geburtstag der Schauspielerin Dagmar Manzel

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wie viele Tiefen hat eine Oberfläche? So viele, wie man spielen kann. Die Manzel hört gar nicht auf mit Nuancen. Sie ist die Ranjewskaja, die Gutsbesitzerin und Schauspielerin, die mit Bruder und Gefolge in den »Kirschgarten« hineinperlt. Hell girrt sie Lieblichkeit, doch ihre wahren Töne sind jene dunklen, kalten, die das Herz wie Eiswürfel ausschüttet. Die Manzel als prägende Mitte jener Beiläufigkeit, mit der Barbara Frey Tschechows Stück vor Jahren am Deutschen Theater inszenierte. Gleich hinein ins Manzel-Merkmal: ungerührt komisch zu sein. Aufreizend unsentimental. Die Manzel spielt, dass man die Spinnweben zu sehen scheint, in denen das Leben dieser Ranjewskaja gefangen ist - mit einer Selbstbetrugsgrazie, als seien es Goldfäden.

Oder Alice, Frau des Festungshauptmanns in »Totentanz« von Strindberg, Regie: Thomas Langhoff am Berliner Ensemble: Blanker als die Nerven liegen jene Bedürfnisse, die eine ewige Ehe zu keinen Moment befriedigen, aber auch nicht abtöten konnte. Die Manzel als virtuose Technikerin der blitzschnellen Stimmungswechsel; es genügt die Winzigkeit eines anderen Tons, die Nuance einer anderen Lautstärke, ein Ruck des Kopfes, eine Drehung des Körpers: der Hass als Halt. Ein Mensch im Kreisel-Status von Täuschung und Enttäuschung, von Versäumen und Verkennen, und Partnerglück ist: Es gibt noch stille Reserven an Fremdheit.

Oder Blanche Du Bois, in »Endstation Sehnsucht« von Tennessee Williams, ebenfalls Berliner Ensemble, Regie: wieder Thomas Langhoff. Eine Frau erfindet sich immer tolldreister ein ungelebtes Leben - bis der Wahnsinn sie dazu treibt, sozusagen noch eine Zwangsjacke für ein Hochzeitskleid zu halten. Manzel ist weniger eine tragisch Gebrochene, sondern eher komödiantendreist. Erst im Laufe der Zeit reißt diese Rollenfolie, und wenn sie am Ende - nach einem erschütternden Irr-Rennen gegen eine Wand aus lauter starren, abweisenden Leuten - abgeschleppt wird ins Irrenhaus, da erst weiß man die traurige Botschaft: Jener Stumpfsinn, der Menschen so aufknackt, dass ihnen die bebenden Träume vom Dasein auslaufen wie Blut, dieser Stumpfsinn ist stark wie nichts und niemand sonst.

Die gebürtige Berlinerin kann in ihrem Spiel binnen Sekunden den ganzen Kreis ausschreiten von der Kindlichkeit des Mädchens über das Kratzbürstige einer Unartigen, von der spröden Weichheit einer Liebenden bis hin zum Krächzen aus der Gossengegend. Sie ist überdrehte Gauklerin, trauriger Clown, paukenwummernde Parodistin; sie ist Schmelz und Schmalz und Schmiss. Glückliche Spielerin. Und was über die Schauspielerin zu sagen ist, die von 1983 bis 2001 am Deutschen Theater arbeitete, Kriemhild war und Trachinierin, Hamlets Mutter und Feydeau-Feger - es ist auch von der Sängerin zu sagen: »Ich bin ein Wesen leichter Art« hieß bezeichnenderweise ein Abend mit Theaterliedern: eine grandios turnende Stimme, ein biegsamer, koketter, zuckender, tobender, tanzender Körper. Wagner auf sächsisch, Majakowski leise und zart, Schubert ganz herzwarm - die Manzel sang Couplets und Arien, und am Ende hatte man eine beglückende Ahnung von den Weihen und Weiten jenes göttlichen Spiels, das die einen Theater, die Weiseren Leben nennen.

Die traurigen Lieder klingen bei Dagmar Manzel gern, als würde der Tod in den Jungbrunnen geworfen, wo er stirbt; die heiteren Lieder dagegen klingen, als sei das Lotterbett immer auch schon das Totenbett. Lust ist stets in gleichem Maße Spiel mit der Erschöpfung. In der Charakter mitunter bedeutet: auszukommen - ohne Ort, ohne Liebe, ohne Hoffnung. So wird man zur starken Frau. Gute Zeiten sind das meist nicht.

In den letzten Jahren spielte, sang sie an der Komischen Oper, Barrie Kosky hat Manzels künstlerisches Feld betörend selbstverständlich und kontinuierlich geweitet. Von den »Perlen der Cleopatra« bis zur »Frau, die weiß, was sie will« und »Anatewka«: Erzählungen von energetischer Weiblichkeit und auch zerronnenem Sinn; Stärke oft als Opfergang - wer sich öffnet, setzt sein Herz einem Wagnis aus: Es wird zur Hüpfburg für andere.

Nichts ist größer als das Leben!, kann Dagmar Manzel mit der zähen Verve einer Marktfrau spielen, andererseits aber gibt es nichts Verletzbareres als das Lebendige. Das spielt sie dann mit aller nur verfügbaren Schmalheit ihres Gesichts, von dem man sonst den Eindruck hat, dass es die Direktheit liebt, die Draufzu-Schwünge. Aus Narbenwuchs über Wunden wächst ihrem Spiel ein gesunder Witz zu. Ihr wird jeder Deckel, der einen Schrei einsperrt, zur Krone. In all den Jahren sehenswerte, blitzende, bebende, elektrisierende Herausforderung für Gegen-Spieler: Jörg Gudzuhn, Dieter Mann, Ulrich Matthes, Robert Gallinowski, Max Hopp. Kraft, die den Schmerz mit Verschweigen adelt. Ihn freilich nicht aufhebt. Das denken nur die anderen. Frauentapferkeit heißt: andere bei diesem Glauben lassen. Aber weiter leiden. Das macht auch ihre »Tatort«-Kommissarin mit dem schönen Namen Paula Ringelhahn - eine Frau mit Schießhemmung - zum Erlebnis.

Im vergangenen Jahr inszenierte Christian Schwochow am Deutschen Theater »Glückliche Tage« von Samuel Beckett. Winnie: eine Frau, gefesselt an einen Stuhl. Für Dagmar Manzel war die Rolle eine kurze Rückkehr ans einst heimatliche Haus, und sie gab diesen Beckett nicht roh, nicht räudig, nicht apokalyptisch verfinstert. Wo andere das Stück ins Böse gestoßen, ins Zynische gelotst, zum Giftsprühen gebracht hätten, da bot die Manzel eine wirkungsvolle Gleichzeitigkeit von Heiterkeit und Erschütterung.

Das Lachen, das diese Schauspielerin so tapfer wie teuflisch, so zart wie zotig zu variieren vermag, hat die Strahlung einer Mitteilungsfreude, die der realen Lage frech und zäh widerspricht. Eine meisterliche Nervigkeit. Eine kopfleichte Besessenheit - darin, dass Leben einzig dazu da sei, verspielt zu werden. Was der Mund sagt, sagen die Hände manchmal schneller. Ein Zittern, ein Flattern, da webt ein Mensch am Netz, das ihn vor der Realität schützt. Die weggeplaudert wird, weil sie nicht wegzureden ist. Dann die Augen wie zurückgezogen, die Gesichtshaut im Überlegen, ob sie Leder werden soll. Der stumme Schrei verwandelt den Mund in ein Maul. Winnie - sekundenlang - wie geschunden, gedroschen. Aber Dagmar Manzel betreibt rasch wieder den tapferen, fast temperamentvollen Rückbau: ins Flotte, ins Neckische, in einen nahezu launigen Survival-Schwung. Besser als Weinen hilft Operette: »Lippen schweigen, flüstern Geigen - hab mich lieb.« Schweigen? Nie. Singen und spielen unbedingt. Am 1. September wird Dagmar Manzel 60 Jahre alt.

Dagmar Manzels Autobiographie (in Gesprächen mit Knut Elstermann) gibt es jetzt als Taschenbuch: »Menschenskind«. Aufbau Verlag, 239 S., 12 €

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