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Von der Dorfkirche bis zur Eisengießerei

Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern

  • Von Gerhard Müller
  • Lesedauer: 3 Min.

Wäre es nach mir gegangen, dann hätten das Landesjugendjazzorchester Schwerin und der phänomenale schwedische Posaunist Nils Landgren - genannt Mr. Red Horne wegen seiner roten Posaune - in Neubrandenburg die Musikfestspiele Mecklenburg eröffnet. Denn er und die jungen Mecklenburger waren beseelt von einem festivalbeswingten Musikantengeist, der die Besucher der Schweriner Schelfkirche elektrisierte.

Im Eröffnungskonzert der Festspiele am 15. Juni in Neubrandenburg herrschte dagegen eher Stromsperre. Die Einleitung war kühl: Eine neue »Festspiel-Ouvertüre für Orgel« von Kit Armstrong, gespielt von dem Organisten Sebastian Küchler-Blessing, dann Brahms und Dvořák - der Atem stockte hier nicht. Sonst aber schon. Mit seinen über 100 Konzerten in landesweit verstreuten Spielorten ist dieses Festival nicht nur das wahrscheinlich größte, sondern auch das originellste in Deutschland. Zeitlich erstreckt es ich über drei Monate vom 15. Juni bis zum 16. September, wo es in der St. Georgen-Kirche in Wismar mit einem Konzert der NDR Elbphilharmonie endet, räumlich über 250 Kilometer von Torgelow im Osten und nordsüdlich 180 Kilometer von Vaschitz auf Rügen bis Mirow.

In die Fußtapfen von Yehudi Menuhin, der das Festival Anfang der 1990er Jahre aus der Taufe hob, traten dieses Jahr unter anderem der Schlagzeuger Alexej Gerassimez, die Pianisten Hélène Grimaud, Daniil Trifonov und Kit Armstrong, der Klarinettist Matthias Schorn, die Geigerinnen Patricia Kopatschinskaja und Julia Fischer, der Menuhin-Schüler Daniel Hope, seit Jahren ein Wahrzeichen des Festivals, daneben die Jungen, die unter dem Label »Junge Elite« auftreten. Am 8. August zur Eröffnung der Rostocker Hanse Sail spielte die »junge norddeutsche philharmonie« die 12. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch »Das Jahr 1917«, »verordnete Staatskunst« für ein modernes Volksfest? So einfach ist es nicht. »1917« war die Camouflage des Komponisten für eine andere Jahreszahl - 1956, das Jahr des ungarischen Aufstands.

Im Zenit des diesjährigen Festivals stand Kit Armstrong, das junge Klavierwunder, das nun auch die Gipfel des Dirigenten- und Komponistentums erstürmen will. Ob Clavichord, Cembalo, Klavier oder Orgel - er beherrscht alles. Er ist nebenbei auch studierter Biologe, Physiker, Chemiker und Mathematiker, davon gab er in dem idyllischen Landsdorf südlich von Stralsund erstaunliche Proben, indem er Bach mit der japanischen Papierfaltkunst kombinierte und mit Thomas Klinger vom Max-Planck-Institut über die Schönheit wissenschaftlicher Verfahren und die Musik diskutierte.

Am vergangenen Wochenende kehrte der Alfred-Brendel-Schüler in sein Metier zurück und spielte mit seinen Musiker-Freunden aus aller Welt fünf Mozart-Programme in Wittenburg, Wismar, Schwerin, Ulrichshusen und Neubrandenburg. Aber nicht die großen Städte dominieren, sondern die Schlösser, Kirchen und »Kunstscheunen« in entlegenen Dörfern mutieren zu den eigentümlichsten Konzertsälen. Während das Ohr sich den Zauberklängen von Mozart, Schubert oder Mendelssohn neigt, wird das Auge durch Blicke in die mecklenburgische Romantik erfreut.

Auch die Gegenwelt ist da - die zu Konzerthallen umfunktionierten Industriegebäude: die Bootswerft Freest, der Lokschuppen von Pasewalk, die Produktionshalle der Mecklenburger Metallguß GmbH Waren/Müritz, die Straßenbahnwerkstatt Rostock, die Eisengießerei Torgelow. Wo einst Kanonen für nutzlose Kriege gegossen wurden, brillierte nun der phänomenale Schlagzeuger Alexej Gerassimez mit seinem Percussionsensemble, das keine teuren Kanonen benötigte. Die industrielle Revolution, einst Geburtshelfer der klassischen Musik, spielt uns so ihre Melodien im eigenen Hause vor, und vielleicht sind es schon Abschiedsmelodien, denn eine neue Revolution, die digitale, ist auf dem Weg.

Der Pianist Francesco Tristano, einer der jungen Pioniere der musikalischen Elektronik, kündigt sich im Rostocker Medienhaus mit »Klavier meets Electronics« an - noch eine verschämte Fußnote der Gegenwart. Denn das Kapitel »Mecklenburg meets Electronics« muss noch geschrieben werden.

bis 16. September. Das vollständige Programm findet sich im Internet unter www.festspiele-mv.de

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