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Die vergessenen Kinder auf Nauru

Australiens Regierung macht das Flüchtlingslager auf der winzigen Pazifikinsel zur Hölle

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 4 Min.

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Protest in Sydney gegen die Deportation von Kindern nach Nauru und Manus
Protest in Sydney gegen die Deportation von Kindern nach Nauru und Manus

Eine Mädchen versuchte sich selbst anzuzünden, ein Teenager ist im Hungerstreik, ein 12-jähriger Junge musste nach Brisbane geflogen werden, nachdem er nur noch 36 Kilo wog und nicht mehr stehen konnte. All dieser Nachrichten stammen aus den vergangenen Wochen, sie alle betreffen Kinder im australischen Flüchtlingslager auf Nauru.

Während derzeit das Pazifikforum auf Nauru tagt, versuchen Hilfsorganisationen, über das Ausmaß der Krise in dem Lager zu informieren. Ein aktueller Bericht des australischen Flüchtlingsrates und des Asylum Seeker Resource Centre (ASRC) zeigt auf, dass unter den 109 Kindern, die mit ihren Familien auf der Pazifikinsel festgehalten werden, schon bei den ganz Kleinen Tendenzen zur Selbstverletzung oder gar zum Selbstmord existieren.

Dazu kommt, dass etwa 35 Menschen von ihren Familien getrennt worden sein sollen. »Es gibt Väter, die ihre Babys nie gehalten haben, Mütter, die ihre Kinder auf Nauru zurücklassen mussten«, heißt es vonseiten des Flüchtlingsrates.

Das Lager auf Nauru ist seit sechs Jahren in Betrieb. Die Behörden schieben Asylsuchende und Flüchtlinge, die versuchen, mit dem Boot nach Australien zu gelangen, dorthin ab. Seit 2013 nimmt das Land grundsätzlich keine Bootsflüchtlinge mehr auf. Viele sitzen seit Jahren auf Nauru fest. Einige der Kinder wurden in dem Lager geboren oder haben den größten Teil ihres Lebens in Haft verbracht - ohne zu wissen, wie ihre Zukunft aussehen wird. »Das sind sechs Jahre eskalierender Missbrauch, sechs Jahre Trauma, sechs Jahre Geheimniskrämerei und sechs Jahre, in denen unsere Politiker versuchen, die grimmige Realität zu verbergen«, sagt Kelly Nicholls vom australischen Flüchtlingsrat.

Zwischenzeitlich hatte es Hoffnung für die Lagerinsassen auf Nauru und für Asylsuchende gegeben, die auf der zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel Manus leben. Denn ein australisch-amerikanischer Deal sah die Umsiedlung von 1250 Menschen vor - doch wie Hilfsorganisationen berichten, sind letztlich nur weniger als 400 in den vergangenen zwei Jahren in den USA aufgenommen worden. Das Angebot der neuseeländischen Regierung, einen Teil der Flüchtlinge im Nachbarstaat anzusiedeln, hat die australische Regierung bisher nicht akzeptiert. Sie fürchtet, dass die frühere Praxis, mit teils seeuntüchtigen Booten aus Indonesien überzusetzen, so wieder neuen Aufschwung erfahren könne. Ihre restriktive Politik hatte die Boote mehr oder weniger gestoppt.

Etliche Kinder in dem Lager auf Nauru sind inzwischen an dem sogenannten Resignationssyndrom erkrankt. Von diesem Phänomen wurde 2014 erstmals aus Schweden berichtet. Damals fielen Hunderte Kinder aus geflüchteten Familien in einen komaähnlichen Zustand, nachdem ihre Familien darüber informiert wurden, dass sie in ihr Heimatland abgeschoben werden sollten. Auf Nauru spielt sich derzeit eine ähnliche Krise ab. Auch hier greift die mysteriöse Krankheit um sich. Das ASRC schätzt, dass mindestens 30 Kinder in dem Lager an dem Syndrom leiden. Die Betroffenen ziehen sich als Reaktion auf ein schweres Trauma zurück. Der Zustand kann lebensbedrohlich sein, da die Opfer nicht mehr essen und trinken.

Naurus Präsident Baron Waqa behauptete am Wochenende in einem Interview mit »Sky News«, dass die Flüchtlingshelfer und die Eltern an der Krise schuld seien. Sie würden die Kinder dazu drängen, sich selbst zu schaden. »Es ist ihre Art, mit dem System umzugehen und eine Abkürzung zu finden, um nach Australien zu gelangen«, behauptete er. Diese Vorwürfe wurden von Louise Newman von der Organisation Doctors for Justice in einem Interview mit dem Sender ABC zurückgewiesen. Sie bezeichnete Waqas Aussagen »aus moralischer Sicht als skrupellos«. Nauru hat mehreren australischen Medienvertretern, die über das derzeitige Pazifikforum berichten wollten, die Einreise untersagt. Auch der öffentlich-rechtliche Sender ABC wurde nicht zugelassen.

Gleichzeitig haben 84 Nichtregierungsorganisationen aus dem gesamten Pazifikraum auf Initiative von Amnesty International einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie verlangen, das Thema der Asylsuchenden zum wichtigsten Punkt der Tagesordnung während des Forums zu machen. »Dies ist eine verzweifelte Situation, die dringend Maßnahmen erfordert«, sagte Roshika Deo von Amnesty International. Die Regierungschefs der Region dürften nicht länger tatenlos zusehen, wie die »schändliche« Politik der australischen Regierung weiterhin Leben gefährde.

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