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Meuterei des Verlangens

Gesammelt, neu aufgelegt: »Licht überall« - Gedichte von Cees Nooteboom

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vielleicht genügt im Leben schon dies: mit sich selber auszukommen, aber ganz ohne Schrecken - und ohne Erwartung auch. Oder wenigstens: der Schrecken nicht zu groß, die Erwartung ebenfalls nicht zu groß. Wäre dies das Glück? Es ist wohl jener Moment, da man vergisst, an welche Bedingung es geknüpft sein könnte. Glück ist dort, wo man sich erfolgreich davor hütet, es zu bemerken. Das ist paradox, wie das Denken paradox ist: Wer’s betreibt, um Verlorenheit zu verscheuchen - scheint schon verloren. Sinn adelt, kräftigt, er formt uns; nur möge niemand antreten, den Nachweis zu erbringen, dies habe Sinn. Es gibt Wahrheiten, die leuchten nur, wenn man sie nicht ans Licht zerrt.

»Licht überall«. Jetzt noch einmal ergänzte Gedichte aus über zehn Jahren, von Cees Nooteboom, dem großen europäischen Reisenden. Gedichte übers Zufallsglück, das unverfügbar ist - verfügbar ist lediglich die Haltung, die ein Mensch dazu einnehmen kann: Er kann sich öffnen oder verschließen, für den Zufall einer Begegnung, eines Erlebnisses. Dieses Buch ist ein philosophisches Selbstbefragen, ein meditatives Beobachten von Tag und Epoche. Aus dem Zittern über jeweilige Zustände wächst das Trotz-Timbre: »Es ist immer etwas in Mode, außer/ der Seele.« Und weil das so ist, feiert Nooteboom »ein Leben/ voller Hymnen/ das noch immer/ nicht schmeckt/ nach Bilanz.«

Die Verse des Erzählers und Essayisten und Weltschönheitsbeschreibers haben allesamt einen erzählerischen Atem, besitzen Rhythmus, und sie liefern Fetteinreibungen gegen den Weltfrost, der uns dauernd mit der Behauptung angreift, deutlicher als das Glück sei das Unglück zu fassen. Wieso? Weil wir von erstickten Kindheiten verbraucht werden, von unauflösbaren Ängsten, von massiver Verdrängung, vom Glauben an überlebte Ideen. Kurz: von Schwächen statt Möglichkeiten, von Fremdem statt von uns selber.

Gewiss, gewiss, nickt auch Nooteboom. Weisheit sucht sich stets Gelegenheiten, bei denen sie nicken kann - das nachgerade ist sie ja, die Weisheit. Aber das ist nicht alles, es gibt »zwischen dort und hier/ die Meuterei des Verlangens/ gegen den Zwang der Zeitwand«. Dieser Schriftsteller ist kein Prediger der Selbstbezüglichkeit, aber er setzt den Einzelnen ins Recht einer Freiheit, der das Unwägbare des klugen Toren beigemischt ist.

Nooteboom schreibt über einen April auf dem Lande, die Straßenbahn und einen Handschuh. Er liebt das Konkrete, seine Gedichte sind im Wetter zuhause, »in Sträuchern am Ende des Gartens«, und doch ist jedes körperliche Fühlen ein Startmoment ins Spurendeuten: Stets leben Menschen in einem »Jahrhundert, das nicht vergisst«, und was immer mir und dir und uns geschieht - wir bleiben an ein Grundgesetz gebunden, das nicht selten Tragödien zur Folge hat: Jeder ist für sich selber verantwortlich. Worauf wir uns auch berufen, der Gerichtshof ist in uns selber aufgestellt. Wie viele eingebildete Berge besteigen wir, und dann wachen wir auf, weil wir beim Absturz wirklich bluten.

Diese lyrische Werk bestärkt, Ich zu sagen; gleichermaßen bestärkt es, Wir zu sagen. Aber: Nooteboom zweifelt an kollektiver Sinnressource, er misstraut Kräften, die meinen, über eine Idee zu verfügen - und von daher eine Macht zu beanspruchen, um manipulierten Massen aus dem fremdverschuldeten Elend zu helfen. Das ist (bislang!) die Krux jeder Emanzipation gewesen: jener Konflikt zwischen den Hoffnungen der Unerlösten und dem Zurechtweisungsdrang der vermeintlichen Erlöser. »Ulbricht, Honecker. Alte Helden, ungültig/ geworden, Gesicht durch die Scheiben/ der Geschichte, Verschimmeltes/ Erbe.«

Unser Leben verläuft, und zwar gleichzeitig, entlang zweier Linien. Die eine führt hinab: Schwinden, Erschöpfung, häufig Verhärtung; sinkende Ansprüche, Sich-Abfinden mit allen Unzulänglichkeiten; und irgendwann, womöglich, ein Tod im Leben: der hässliche Zynismus der Enttäuschungen. Die zweite Linie: Bemühen, Drang nach oben, Selbstüberwindung, immer mehr guter Wille, Seele, Weisheit; und irgendwann, womöglich, ein anderer Tod im Leben: ein Sich-Verflüchtigen durchs Abwerfen von Belastungen. Beide Linien gleichen zwei Blutkreisläufen, sind ein Gegenströmen, in den das Glücksempfinden partikelgleich aufgenommen ist. Strudelnd, also nicht zu beruhigen und zu bannen im Fluss der Dinge.

Davon erzählt der Niederländer, wenn er Dichter bespricht (Horaz, Vergil, Ungaretti) oder zum Leser von Landschaften und Orten wird (Córdoba, Berkeley, Charlottenburg). Lyrik als Einübung in eine Selbstvergewisserung: Ich komme vor, aber ich muss nicht vorankommen. Es genügt trotziges, leises Interesse am Leben. Hoffnung nicht als ideologische Selbstverpflichtung, sondern als Hinnahme der Größe, die in jedem Augen-Blick wohnt. Auch im Augenblick ganz aus Verzweiflung, aus Schmerz, aus Hinfälligkeit.

Man misstraue Künstlern, die auf die rechte Stimmung bauen müssen. Ein Dichter schreibt nicht, wie ihm zumute ist - ihm ist immer so zumute, wie er schreibt. Stimmung ist nicht Ursprung der Arbeit, sondern deren Effekt. Das Schreiben wie das Lesen: sich aufgehoben fühlen in der Welt. Aber auch: sich mit allerheftigster Zartheit erheben über das Wüten der gefühllosen Schwerkräfte.

Cees Nooteboom: Licht überall. Gedichte. Aus dem Niederländischen von Ard Posthuma. Suhrkamp Verlag Berlin. 103 S., geb., 18,95Euro

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