Werbung

Schuften ohne Pause

Gewerkschaften befragten Beschäftigte zu Arbeitsbedingungen in der Alten- und Krankenpflege

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Waschen, eincremen, Verband erneuern, Kanüle wechseln, Tabletten geben, Essen reichen – nichts vergessen?
Waschen, eincremen, Verband erneuern, Kanüle wechseln, Tabletten geben, Essen reichen – nichts vergessen?

Hetze im Arbeitsalltag ist für 80 Prozent der Pflegekräfte in Krankenhäusern ein Problem, ebenso für fast 70 Prozent der Beschäftigten in der Altenpflege. Über alle Berufsgruppen liegt der Wert bei 55 Prozent. Diese Zahlen erbrachte die jüngste Sonderauswertung von Daten des DGB-Index Gute Arbeit, zusammengefasst für die Jahre 2012 bis 2017. Vorgestellt wurden diese und weitere Fakten zu den Arbeitsbedingungen in der Alten- und Krankenpflege von DGB-Vorstand Annelie Buntenbach am Freitag in Berlin.

Eine derartige Arbeitshetze hat Folgen für die Qualität: Fast die Hälfte der Beschäftigten in der Krankenpflege macht hier Abstriche, um die Arbeitsmenge überhaupt zu bewältigen. In der Altenpflege betrifft das 42 Prozent der Befragten, über alle Berufsgruppen 22 Prozent. Nicht einmal ein Viertel der Pflegekräfte in den Kliniken und ein Fünftel derer in der Altenpflege können sich vorstellen, unter diesen Bedingungen bis zur Rente durchzuhalten.

Das Dilemma verschärft sich noch dadurch, dass fast alle der Pflegekräfte sowohl in Kliniken als auch in ambulanter oder Heimpflege den Eindruck haben, mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Gleichzeitig sehen sie sich nicht leistungsgerecht entlohnt. Wie ist das auf Dauer auszuhalten? Eben nur sehr schlecht. Das bestätigt Krankenschwester Dana Lützkendorf, die auf einer Intensivstation arbeitet. »Wenn die Kolleginnen am Ende ihrer Schicht immer wieder erkennen, dass sie Dinge nicht geschafft haben, dann gehen sie mit einem schlechten Gewissen nach Hause. Viele sind erschöpft, werden krank, haben Angst.« Zudem führten lückenhafte Dienstpläne dazu, dass Leiharbeitskräfte eingesetzt, aber auch eingearbeitet werden müssten, weniger Pausen wahrgenommen würden und zu häufig aus dem Frei eingesprungen werden müsse. »Wegen diesem permanenten Druck reduzieren Kolleginnen ihre Arbeitszeit, einfach um die nötige Erholung zu bekommen«, so Lützkendorf. »Sie reduzieren damit selbst ihre späteren Rentenansprüche.«

Die Gewerkschaften stellen die Forderung nach besserer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen dagegen. Aus Sicht von Annelie Buntenbach müsste die Bundesregierung genau hier mit einer Konzertierten Aktion Pflege ansetzen, wenn diese Erfolg haben soll. Bisherige Regierungsmaßnahmen hätten keinen grundlegenden Durchbruch erreicht, wie sich auch Betriebsrätin Lützkendorf erinnert: »Von 2009 bis 2011 gab es zwar Geld für zusätzliche Pflegekräfte, in einigen Häusern wurden zwar Pools mit Springern gebildet, aber die sind dann schnell wieder verschwunden. Auch die mögliche Unterstützung des letzten Pflegestellenhilfsprogramms wurde kaum ausgeschöpft.« Andererseits würden bei notwendigen Sanierungen in Krankenhäusern auch schnell Pflegestellen gestrichen, um Kosten auszugleichen. Was es bedeutet, dass Pflege nur als Kostenfaktor wahrgenommen wird, kann auch die Hamburger Altenpflegerin Tanja Döring schildern: »Wir hatten jetzt nach nur einem Jahr schon den zweiten Betreiberwechsel, nachdem der letzte Investor angekündigt hatte, er wolle uns frühestens nach vier Jahren wieder verkaufen.« Damit seien mit Mühe erstreikte Tarifverträge in Gefahr, die Arbeit der Betriebsräte gefährdet.

Mit dem Vordringen von Hedgefonds in die Pflegebranche ist auch die Gewerkschaft ver.di konfrontiert. Silvia Bühler aus deren Bundesvorstand berichtet von der Bundestarifkommission Altenpflege, die Ende September über Forderungen für einen Tarifvertrag entscheidet. Darüber soll dann mit weltlichen Wohlfahrtsverbänden verhandelt werden, auch für Caritas und Diakonie solle eine Beteiligungsform gefunden werden. In mehr als 13 000 Einrichtungen der Altenpflege und noch einmal so vielen ambulanten Diensten gebe es aber keine Bereitschaft, Tarifverträgen zuzustimmen, geschweige denn, die Gewerkschaften hereinzulassen. »Hedgefonds finden die Branche auch deshalb interessant, weil es so wenig Vorgaben gibt«, warnt Bühler. In der Pflege würden die Beschäftigten emotional erpresst, sie dürften doch ihre Patienten nicht im Stich lassen. Bühler weiß von einem Streik über 14 Wochen, nur um die Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zu zwingen. Bei den angestrebten Verhandlungen für die Altenpflege in diesem Herbst soll ein Tarifvertrag erreicht werden, der von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) auf die gesamte Altenpflege ausgedehnt werden könne.

Äußerst kritisch sieht die Gewerkschafterin die Verordnung des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) für Personaluntergrenzen in Krankenhäusern. »Sie legitimieren den Pflegenotstand, statt ihn zu beheben«, erklärte Bühler. Eine Pflegekraft für 24 Patienten nachts auf einer geriatrischen Station hält sie für fahrlässig. Eine zusätzliche Pflegekraft am Tage könne fehlende Hilfe in der Nacht nicht ausgleichen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen