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Eine Achterbahn der Gefühle

Brillantes Psychodrama - »Sieben Stunden« von Grimme-Preisträger Christian Görlitz

  • Von Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sieben Stunden. In der gefühlten Ewigkeit werden alle Gewissheiten im Leben der Psychologin Hanna Rautenberg - grandios gespielt von Bibiana Beglau auf den Kopf gestellt. Im Hochsicherheitstrakt einer Justizvollzugsanstalt baute sie eine moderne Therapieeinrichtung für Hauftinsassen auf, die auf dem Glauben beruht, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient und geheilt werden kann. Und nun ist sie, zehn Tage vor ihrer Hochzeit, dem psychisch gestörten Sexualstraftäter Peter Petrowski (Til Firit) hilflos ausgeliefert, dem sie zuvor eine günstige Resozialisierungsprognose stellte, die zu seiner Freilassung hätte führen können. Er fesselt, demütigt und vergewaltigt Rautenberg. Einmal, mehrmals. Sie fürchtet um ihr Leben und wagt nicht, sich zu wehren. Ihre Kollegen und das sofort gerufene, bis an die Zähne bewaffnete Polizeieinsatzkommando stehen derweil vor der Tür und greifen nicht ein. Sie vertrauen, dass die erfahrene Psychologin die Situation im Sprechzimmer unter Kontrolle hat. So beginnt das Drama »Sieben Stunden« von Grimme-Preisträger Christian Görlitz, das nach Motiven des Buches »Sieben Stunden im April - Meine Geschichte vom Überleben« von Susanne Preusker entstand.

Am Morgen des 7. April 2009 war die Leiterin der Sozialpsychiatrischen Abteilung der JVA Straubing, wo sie therapeutisch mit Schwerverbrechern, Mördern und Vergewaltigern arbeitet, von einem Gefangenen überwältigt worden. Er verbarrikadierte den Raum, drohte ihr mit dem Tod, knebelte und vergewaltigte Susanne Preusker. »Dann gab es einfach diese Frau nicht mehr«, sagt sie in der Reportage »Sieben Stunden Todesangst« aus dem Jahre 2013. Christian Görlitz’ Film vermeidet bei der Nachzeichnung des Verbrechens jede Form von Voyeurismus, in dem er zwischen dem Geschehen vor und hinter der Tür hin und her schneidet. Die schweren Verletzungen Rautenbergs nach ihrer Freilassung und die Schilderungen des Richters in der Verhandlung, der das Nichtzeigbare ausspricht, geben dem Zuschauer ein ausreichendes Bild des gewaltsamen Übergriffes. Den Regisseur interessieren die seelischen und physischen Belastungen und die Selbstzweifel des Opfers sowie die Auswirkungen des Märtyriums auf ihr berufliches und familiäres Leben. Ein falsches Wort reicht und Rautenberg braust gegenüber ihrem Sohn oder Mann auf. »Er hat meinem Sohn die taffe, gut organisierte, lustige Mama genommen. Er hat mich in einem Zustand gesehen, wie ich es keinem Siebzehnjährigen wünsche. Niemand sollte seine Mutter so sehen müssen,« schätzte Susanne Preusker später ein, die offen über das Erlebte und den Verarbeitungsprozess sprach und auch am Drehbuch mitarbeitete. Wie Preusker hat Hanna Rautenberg nachhaltig an dem erlittenen Trauma zu knabbern. Nur mit Widerwillen lässt sie sich auf eine Therapie ein. Während der Gerichtsprozesses bricht der Zorn auf die Kollegen dann endlich aus ihr heraus.

Die wahren Begebenheiten verdichtet Görlitz zu einem brillanten Psychodrama, das die Leiden Rautenbergs, den Zorn auf ihre Hilflosigkeit und die Verunsicherung durch die eigene Falschdiagnose ebenso thematisiert wie ihre Alpträume. Für Rautenbergs ist es ein schwieriger, langwieriger Weg zurück zu sich selbst, auf dem sie das eigene Handeln und dessen Folgen als Teil ihrer Erfahrungen akzeptieren lernt. Die Narben werden bleiben. Diesem Weg folgt der Zuschauer dank der brillanten Bibiana Beglau, die sich auf die seelische Tour de Force und Achterbahnfahrt einlässt. Sie gehört wie der unter die Haut gehende Film zu den Favoriten bei der Verleihung der Grimme- und Deutschen Fernsehpreise.

Verfügbar in der Mediathek von Arte noch bis zum 13. September

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