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Jörg Unstedt (1959)

Unbekannte Bekannte

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 2 Min.

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Jörg Unstedt (1959)

Alle, die an Bord unseres Frachters entbehrlich waren, forschten in der Hafengegend, um ihn zu finden - viel Sinn machte das nicht, denn Jörg Unstedt galt als Einzelgänger, der die Seemannskneipen mied und nur hinging, wo er sich Motive für seine Skizzen erhoffte. Wir alle mochten ihn, schätzten ihn nicht bloß als tüchtigen Schiffsarzt, sondern auch als Künstler. Er zeichnete so gekonnt, dass es uns beeindruckte. Nun war er schon den vierten Tag verschwunden, war spurlos weg, und wo im brodelnden Rio de Janeiro sollten wir ihn suchen? Da halfen auch die paar portugiesischen Sätze nicht, die jeder von uns sich notiert hatte: Deutscher Schiffarzt vermisst, mittelgroß, dunkles Haar, hellblaue Augen, fünfunddreißig Jahre alt.

Wo er zu finden sein könnte, ahnte ich besser als die anderen. Jörg und ich waren Freunde geworden - und beim Durchsehen seiner Zeichenmappen war ich auf Ansichten von Favelas in den Anhöhen von Rio gestoßen. Welche genau, konnte ich nicht bestimmen - ich hatte Jörg auf keinen dieser Ausflüge begleitet, die Favelas wollte er allein erforschen. Selbst den Polizeibeamten, die an Bord gekommen waren, um das Verschwinden unseres Schiffarztes aufzuklären, verrieten die Zeichnungen nicht viel: Favelas zweifellos, aber welche?

Doch das scherte sie bald nicht länger, auch uns von der Besatzung nicht - denn am sechsten Tag tauchte Jörg Unstedt wieder auf, kam an Bord und verschwand augenblicklich in der Kapitänskammer. Als ich später an die Tür von Jörgs Kammer klopfte und er mich einließ, fand ich ihn in sich gekehrt und schweigsam. Er sah abgezehrt aus, so als hätte er all die Tage hungern müssen. »Habe ich«, bestätigte er, »und Tag von Nacht nicht unterscheiden können. Eine schwarze Ewigkeit. Dazu die Ungewissheit!«

Mehr sagte er nicht. Kein Wort wie er verschleppt, noch wie er behandelt worden war, nichts über Gewalt, nichts über Erpressung, nichts über die Verhandlungen, die es gegeben haben musste, noch über Kapitän Eggers’ Anteil daran oder irgendwelches Einlenken der DDR-Botschaft. »Was das alles gekostet hat«, sagte Jörg bloß.

Mir ging der bei uns oft belächelte Spruch »Im Mittelpunkt steht der Mensch« durch den Kopf. Als ich Jörg das sagte, erwiderte er ernst: »Ein ganzes Ärzteleben lang könnte ich nicht abarbeiten, was ich der Reederei, und so auch dem Staat gekostet habe. Im Mittelpunkt - tatsächlich …« - er unterbrach sich und winkte ab. »Du verstehst schon ...«

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