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Überraschendes aus Meißen

Der Theologe Frank Richter gewinnt als Kandidat von Rot-Rot-Grün erste Runde der OB-Wahl

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 3 Min.

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Am Wahlabend wurde im Ratssaal ein Kanon angestimmt. »Viel Glück und viel Segen« sangen seine Unterstützer für jenen Mann, der einigermaßen überraschend den ersten Wahlgang der Oberbürgermeisterwahl am 9. September in Meißen gewonnen hatte: Frank Richter, Theologe, einst Mitglied der im Dresdner Wendeherbst 1989 wichtigen »Gruppe der 20« und zuletzt Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen.

Richter kam auf 36,7 Prozent und hielt damit nicht nur den von der CDU unterstützten Amtsinhaber Olaf Raschke (32,5 Prozent) auf Abstand. Er schlug auch den AfD-Kandidat Joachim Keiler (13,7 Prozent) um Längen. Der Landesvize seiner Partei musste sich zudem FDP-Bewerber Martin Bahrmann (14,3 Prozent) geschlagen geben und wurde nur vierter unter fünf Kandidaten. Die Entscheidung fällt in Runde zwei am 23. September. Da es bei Kommunalwahlen in Sachsen keine Stichwahl gibt, können theoretisch alle Bewerber wieder antreten.

Bei der Wahl geht es auf den ersten Blick »nur« darum, wer in den nächsten sieben Jahren die Verwaltung der Stadt im Elbtal mit knapp 28 000 Bürgern führt. Andererseits gilt die Abstimmung acht Monate vor der sächsischen Kommunalwahl und ein Jahr vor der Landtagswahl als ein kleiner Stimmungstest, um das Kräfteverhältnis zwischen den politischen Lagern abzuschätzen.

Richter tritt als Kandidat einer Bürgerinitiative »Bürger für Meißen« an, wird aber von LINKE, SPD und Grünen unterstützt. Wie die Bewerbung politisch zu verorten ist, beschrieb Tilo Hellmann, Stadtchef der LINKEN: Mit Richter solle Meißen »friedlich, freundlich und toleranter statt patriotisch und menschenfeindlich« werden.

Auf der anderen Seite steht nicht nur AfD-Mann Keiler, für den auch der aus Meißen stammende Pegida-Wortführer Siegfried Däbritz bei den montäglichen Dresdner Aufmärschen der Islamhasser warb - mit wenig Erfolg. Der aus München stammende Anwalt und Ex-CSU-Mann Keiler, der in Dresden wohnt und in lokalen Fragen mit Ahnungslosigkeit glänzte, fiel bei den Meißnern durch.

Auch die hinter Amtsinhaber Raschke stehende CDU, aus deren Meißner Kreisverband der sächsische Landtagspräsident Matthias Rößler und Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maiziére stammen, gilt als erzkonservativ. Manche ihrer Kommunalpolitiker suchen offen den Schulterschluss mit Rechtspopulisten. Zu ihnen zählt der Stadtrat Jörg Schlechte, der bekannt wurde, als er beim Meißner Literaturfest 2017 die Lesung aus dem von ihm als »Dreck« bezeichneten Buch »Unter Sachsen« im Rathaussaal unterbinden wollte. OB Raschke ließ die Lesung zu - aber nicht eine ebenfalls geplante Diskussion. Ein Schritt, wie er bei Richter undenkbar wäre: Er gilt als »Sachsen-Versteher« schlechthin, nachdem er als Chef der Landeszentrale landauf, landab Gesprächsrunden auch mit Kritikern der Migrationspolitik moderiert hatte.

Dass der Bürgerrechtler unter diesen Umständen die erste Runde gewann, nannte die Zeitung »Die Welt« ein »kleines politisches Wunder«. Wie groß seine Chancen sind, in Meißen tatsächlich ins Rathaus einzuziehen, wird von zwei Umständen abhängen: der Wahlbeteiligung und dem Verhalten anderer Kandidaten. Am Sonntag gingen zwar 49 Prozent der Berechtigten wählen, ein Drittel mehr als 2011. Aber, merkte Raschke an, 11 000 Bürger habe man bisher nicht erreicht. Auf sie setzen Richter wie Raschke.

Zudem bleibt abzuwarten, ob FDP-Bewerber Bahrmann sich zurückzieht und gegebenenfalls eine Wahlempfehlung abgibt. Am Dienstag deutete er auf Facebook an, heftig umworben zu werden. Er habe indes »noch nicht entschieden, wie es weitergeht«. Klarheit solle jedoch »noch in dieser Woche« herrschen.

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