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Ein Kaleidoskop aus Abgründen

Im Kino: «Cobain» von Nanouk Leopold

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Cobain« hat nichts mit dem Kurt gleichen Nachnamens zu tun. Zumindest nicht wesentlich. Der aktuelle Film der niederländischen Regisseurin Nanouk Leopold dreht sich um einen 15-jährigen Jungen, der von seiner drogenabhängigen, in prekären Verhältnissen lebenden Mutter einst diesen Vornamen erhielt. Der noch recht naive Jugendliche ist ziellos. Er lebt in einem sozialen Wohnprojekt, wo ihm Betreuer mit viel gutem Willen versuchen das zu vermitteln, was man abstrakt »Halt im Leben« nennt.

Obwohl Kinderheime heute längst nicht mehr die Höllen sind, die sie in West wie Ost häufig waren - ob prügelnde Pfaffen oder stalinistischer Drill - wiegen Freiheitsdrang und Mutterliebe schwerer. Cobain (Bas Keizer) flieht aus der staatlichen Obhut in ein Umfeld, das ihn sehr schnell erwachsen machen wird: Mia (Naomi Velissariou), seine saufende und fixende Mutter ist erneut schwanger.

Als sie sich wieder einmal in seiner Gegenwart in den Exitus befördert, hält der sensible Spross es nicht mehr aus. Frustriert, Mia nicht vor sich selbst retten zu können, flieht Cobain zu einem befreundeten Zuhälter, der ihm so etwas wie Familie gibt. Von nun an kümmert sich er sich um die Prostituierten, wickelt Geschäfte ab und erledigt Botengänge. Eine Zeit lang findet der Teenager dort den besagten Halt - bis Mia wieder vor der Tür steht. Sie schnorrt um Geld und Liebe. »Das ist keine Mutter, sondern nur ein Loch«, zischt der Zuhälter und weiß nicht, dass es hier um Gefühle geht, die kein Zynismus tilgen kann.

Auf filmischer Ebene entwickelt sich so ein Sozialdrama im Stil von Asia Argentos »The Heart Is Deceitful Above All Things«, das sich bereits 2004 der brutalen Thematik einer wechselhaften Mutter-Sohn-Beziehung in schwierigsten Verhältnissen widmete. Leopolds Ansatz zeichnet sich, ganz zeitgenössisch, etwas meditativer aus als der emotionale Wirbelsturm der Italienerin Argento. Cobains Erwachsenwerden gestaltet sich zwar ähnlich radikal, hält erzählerisch aber immer wieder inne, um Reflexionen nicht erst im Anschluss an völlige Überforderung zuzulassen.

Genug Wahnsinn für ein junges Leben bietet das eineinhalbstündige Kaleidoskop aus Abgründen in Rotterdam nämlich allemal, um an der Welt zu verzweifeln. Schließlich handelt es sich hierbei um knallharten Realismus, der lediglich in seiner entscheidenden Szene ins Surreale entgleitet: Das Baby kommt, die Mutter geht, der Sohn muss handeln.

Cobains anschließende Katharsis erfährt der Zuschauer etwas zu plump. Verschwommene Blätter in der Sommersonne, Dudelmusik und ernste Gesichter zeigen an, dass sich etwas Tiefgreifendes verändert hat. Dass sich der Film trotzdem zu keinem Zeitpunkt ins Peinliche verirrt, verdankt er seinem Hauptdarsteller. Bas Keizer, von der Straße weggecastet, spielt seine allererste Filmrolle mit einer Ernsthaftigkeit und verblüffenden Feinheit, die sogar inszenatorischen Kitsch ausbügeln. In einem Interview auf der diesjährigen Berlinale gab der 20-jährige an, dass er gar nicht wisse, ob er überhaupt Schauspieler sei. Vielleicht ist »Cobain« gerade deswegen ein sehr genießbarer Film über Adoleszenz.

»Cobain«. Niederlande, Belgien, Deutschland 2018. Regie: Nanouk Leopold. Drehbuch: Stienette Bosklopper. Darsteller: Bas Keizer, Naomi Velissariou, Wim Opbrouck, 94 Minuten.

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