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»Lass jetzt wenigstens den Selbstbetrug«

Otar Tschiladse schlägt in seinem Roman »Der Korb« einen Bogen über 600 Jahre georgische Geschichte

  • Von Steffi Chotiwari-Jünger
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der Roman erschien im Original 2002. Otar Tschiladse (1933-2009) schlägt einen Bogen über 600 Jahre georgische Geschichte. Man erfährt, wie das Land nach seiner Blütezeit (mittelalterliches vereinigtes Königreich Georgien im 12. Jahrhundert) durch die Mongolenhorden, und danach von weiteren fremden Eroberern (Persern, Türken) überfallen, zerstört und schließlich vom Russischen Reich aufgrund eines »Schutzvertrages« von 1801 einverleibt wurde.

Hier setzt der Autor mit der Geschichte einer Familie, der Kaschelis, an. Das Kind im Korb sieht, wie der Vater seine Frau ersticht, die »sich mit ihrem russischen Galan vergnügte«.

Das Jahr 1917 brachte Georgien für wenige Jahre die Unabhängigkeit, die mit der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik 1921 endete. Ein Kascheli-Nachkomme samt Ehefrau meldet sich als Freiwilliger zur Elften Armee. Fast zur gleichen Zeit wird ihr Sohn geboren, der es in den Jahren 1936 bis 1939 zu großen Ruhm bringt.

Nach Meinung des Autors beginnt das Unheil für Georgien samt seiner Bewohner mit dieser 600 Jahre währenden verhängnisvollen »Finsternis«. Wobei er mit seinem Urteil auch die Georgier nicht schont. Im Verlaufe der Handlung, die vor allem im nachsowjetischen Georgien der 1990er Jahre spielt, verknüpft der Autor die Familie des korrupten und gewissenlosen Funktionärs Kascheli mit der des Schriftstellers Elisbar, der stets mit gekrümmten Rücken am Schreibtisch sitzt. Elisbars Tochter Eliso und Kaschelis Sohn Anton heiraten. Das Familiendrama bricht aus, als sich Antons übermächtiger Vater an die Schwiegertochter heranmacht. Seine Sicht der folgenden Ereignisse wechselt mit der Elisos, dann wieder erzählen der Vater Elisbar oder dessen Frau Lisiko.

Anton erfährt als Letzter vom Treuebruch seiner Frau und der Übergriffigkeit des Vaters. Er versucht, den Vater mit dem Beil zu erschlagen. Mit seinen 26 Jahren »befreit« er sich vom übermächtigen Vater. Jetzt ist er unabhängig, doch niemand will ihm die Wahrheit über den Vatermord glauben. Er wird brutal geschlagen, verhöhnt, verletzt, man vergeht sich an ihm …

Elisbar findet Anton so zugerichtet vor und nimmt sich seiner an. Gemeinsam ziehen sie in den Krieg (russisch/abchasisch-georgischer Krieg). Beide müssen für ihre Schuld büßen, der eine für den Mord, der andere für seine Fehler, sein Schweigen. Im Schützengraben überdenkt Elisbar die neue Zeit, die Zeit der Demokratie, den Verrat, das »Abhauen« der Jugend ins Ausland, die Raffgier, Falschheit, Verwahrlosung: »Darum, weil wir allesamt, ob klein, ob groß, ob Prophet oder Priester, der Raffgier frönen und der Falschheit anhängen. Nur oberflächlich heilen wir die Wunden des Landes und schämen uns nicht unserer Heuchelei … Anstatt uns zu befreien, hat er /Gott/ unsere Fesseln nur schwerer gemacht.« Das Ende des Romans: Anton wird an der Front erschossen, Lisiko, seine Frau, schneidet sich die Pulsadern auf … Eine Tragödie. Der georgische Autor erzählt und erläutert wie schon in seinen früheren Romanen über die georgische Vergangenheit in indirekter Beweisführung.

Was sich hier so einfach liest, ist im Roman zu einer ungemeinen Dichte zusammengedrängt, an die Bibel, an griechische Sagen, an große Epen erinnernd, verbunden mit alten und neuen Motiven, sodass man zu jeder Seite unzählige Anmerkungen beifügen könnte. Wie bei allen seinen Werken erfordert das Lesen dieses ersten Gegenwartsromans Tschiladses eine unglaubliche Konzentration und Anstrengung. Aber man wird dafür entschädigt.

Faszinierend sind die Überlegungen zu den Aussichten für die neue Gesellschaft: »Raschdens /Kaschelis/ Macht ist mit dem Blut seiner Vorväter erworben, die gibt er nicht einfach so her, nach Möglichkeit überhaupt nicht. Im Gegenteil, er würde alles daransetzen, sich alles erlauben, um diese Macht weiter zu festigen und ihr Dauer zu verschaffen.« Oder: »Recht hat der Tamada, wenn er sagt, keiner wisse, was heutzutage als Verbrechen gilt und was als Verdienst. Hier liegt der Ursprung allen Übels. Solange diese Frage nicht geklärt ist, wird kein staatliches Organ handlungsfähig sein, es wird nur wichtigtun und leeres Stroh dreschen, denn es weiß ja nicht, wem es Ehre erweisen und wem es eins in die Fresse geben soll.«

Der Schriftsteller Elisbar zieht für sich den Schluss: »Lass jetzt wenigstens den Selbstbetrug … Erkläre erst mal den Kindern …, von wem sie sich vor allen Dingen befreien müssen, um der Freiheit würdig zu werden … Jedoch, wie man es auch dreht und wendet, der Schuldige bist allein du. Du hast jede Gelegenheit verstreichen lassen.« Hat der Autor über solche Passagen eigenen Schmerz, seine Ängste und Hoffnungen zum Ausdruck gebracht? Was hat Tschiladse der Figur Elisbar von sich mitgegeben? So eindeutig lässt sich das nicht beantworten, denn der Text widersetzt sich einer sicheren Deutung.

Tschiladse, der für seine ersten Romane bereits zweimal für den Literaturnobelpreis nominiert war, übertrifft sich mit dem vorliegenden Roman selbst. Gleichzeitig Familiengeschichte, Krimi, Saga und lyrischer Gesellschaftsroman, ist es meines Erachtens das wertvollste Werk, das derzeit aus diesem Land zu haben ist. Darum ist es umso erstaunlicher, warum es angesichts immer wachsender Papierflut und der bevorstehenden Frankfurter Messe mit dem Gastland Georgien für die Herausgabe des vorliegenden Romans drei Sponsoren (Deutscher Literaturfonds, Übersetzerfonds, Georgian Book Center) benötigte.

Die Übersetzerin Kristiane Lichtenfeld und der russischschreibende georgische Schriftsteller Alexander Ebanoidse, der den Roman ins Russische übersetzt hat, geben dem Leser in ausführlichen Anmerkungen bzw. im Nachwort noch viele interessante Details über Tschiladse und seinen Roman mit auf den Weg.

Otar Tschiladse: Der Korb. Roman. Aus dem Russischen von Kristiane Lichtenfeld. Nachwort von Alexander Ebanoidse. Matthes & Seitz, 464 S., geb., 30 €.

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