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»Freiheit« für Katalonien

Nationalfeiertag »Diada« wird zur Kundgebung für die politischen Gefangenen

  • Von Ralf Streck, Barcelona
  • Lesedauer: 4 Min.

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Freiheit für die politischen Gefangenen ist die Losung Nummer eins in Katalonien – vor Unabhängigkeit.
Freiheit für die politischen Gefangenen ist die Losung Nummer eins in Katalonien – vor Unabhängigkeit.

Es ist 17.14 Uhr. Eine ergreifende Stille herrscht im Gedränge am »Königspalast« auf der »Diagonal« in Barcelona. Gleichzeitig rollt in mehr als sechs Kilometern Entfernung an der »Plaça de les Glòries« eine organisierte Menschenwelle los. Drei Minuten später beginnt ein fernes Rauschen, das über der größten und breitesten Straße der katalanischen Metropole zunimmt, die quer durch Barcelona führt. Plötzlich erreicht die Welle, von über einer Million Menschen gebildet, hier das Ende der Demonstration, um sich in einem Fahnenmeer und einem Schrei zu entladen: »Llibertat, Llibertat« (Freiheit).

Eine klassische »Demonstration« war unmöglich, da die Diagonal am katalanischen Nationalfeiertag (Diada) wegen Überfüllung geschlossen werden musste, dabei hatten spanische Medien zuvor eine »abbrechende Beteiligung« angekündigt. Vorab hatten sich eine halbe Million Menschen mit Ausweisnummer registrieren und einen Abschnitt zuweisen lassen. Alle eint die Forderung nach Unabhängigkeit von Spanien, der Freiheit der politischen Gefangenen und der Rückkehr der Exilierten wie der ehemalige Regierungschef Carles Puigdemont. Bewegung war nur über eine Welle durch die Masse möglich, die am »Palau Reial« die Mauer der Repression symbolisch wegspülte. Zwar wurden auch Sprechchöre für die Unabhängigkeit laut, doch in diesem Jahr wurde vor allem »Freiheit« für alle gefordert.

Am »Palau« sind in diesem Jahr Besucher aus mehr als 50 Nationen versammelt, die wie die Katalanen über keinen Staat verfügen. Aus Schottland oder Quebec, aus dem Baskenland oder Kalifornien sind sie angereist, um das Selbstbestimmungsrecht zu verteidigen. In dem Palast waren am Vorabend keine Adeligen, sondern die »Ausländischen Freunde« versammelt, um sich auf Einladung der »Foreign Friends« auszutauschen und die Katalanen im Kampf für »Demokratie« und »zivile und politische Rechte« zu unterstützen, wie Yves-Francois Blanchèt erklärt. Der ehemalige Umweltminister aus dem kanadischen Quebec ist entsetzt, dass Spanien die katalanische Regierung abgesetzt, ihre Mitglieder inhaftiert hat und die friedlichen Vertreter wegen eines »bewaffneten Aufstands« (Rebellion) anklagt, nur weil sie die Bevölkerung über die Unabhängigkeit abstimmen ließen. Schließlich konnte Quebec im demokratischen Kanada, wie Schottland in Großbritannien, schon zwei Mal zivilisiert über die Unabhängigkeit abstimmen, was in Spanien von der Regierung in Madrid mit Hochverrat gleichgesetzt wird.

Auch Regierungschef Quim Torra nimmt sich an diesem Tag, an dem an den Fall Kataloniens im Jahre 1714 unter die spanische Krone gedacht wird, Zeit, um die knapp 200 offiziell eingeladenen »ausländischen Freunde« im Regierungspalast zu empfangen. »Auch ich könnte heute im Gefängnis sitzen«, beklagt er. Tatsächlich war er der Vorgänger von Jordi Cuixart als Präsident der Kulturorganisation Òmnium Cultural, die mit dem Katalanischen Nationalkongress (ANC) hinter den riesigen Demonstrationen steht. Cuixart sitzt nebst anderen Unabhängigkeitsbefürwortern seit einem Jahr in Untersuchungshaft. Torra bedankte sich bei seinen »Botschaftern« in aller Welt für die Unterstützung und bittet darum, sie mit Blick auf die Prozesse im Herbst weiter anzuprangern. Die weitere Internationalisierung spielt eine Schlüsselrolle im weiteren Verlauf des Konflikts und bei der Suche nach einer zivilisierten Lösung.

Torra meint, Verurteilungen von bis zu 30 Jahren könnten den Bruchpunkt zwischen Katalonien und Spanien markieren. Er bietet Spanien deshalb die britische und kanadische Lösung an: ein »verbindliches und anerkanntes Referendum über die Unabhängigkeit« mit Spanien. Das fordert auch der ehemalige Chef von Podemos in Katalonien, Albano-Dante Fachin, der gegen die Unabhängigkeit ist. Er sieht darin die einzige Lösung. Derzeit, klagt er, sei in Spanien »nun alles erlaubt, nicht nur gegen die Unabhängigkeitsbewegung, sondern gegen alle, die das Selbstbestimmungsrecht verteidigen«. Er appelliert an alle, die wie er gegen die Unabhängigkeit sind, »auch auf die Straße zu gehen, um die Demokratie und die Freiheit zu verteidigen«.

Klar ist praktisch allen, dass Verurteilungen die Lage massiv zuspitzen würden. Die radikale Linke drängt längst, jeden Dialog mit Spanien zu beenden und die Katalanische Republik durchzusetzen. »Ohne Ungehorsam keine Unabhängigkeit« ist ihr Slogan, den hier auf einer Nachdemonstration viele vertreten. Dafür steht die antikapitalistische CUP. Sie wird von vielen »Komitees zur Verteidigung« (CDR) unterstützt, die erneut unter anderem auf massive Blockaden des Straßen- und Schienenverkehrs setzen. Das ist noch eine Minderheitenposition. Doch das kann sich schnell ändern, wie zwei massive Generalstreiks als Reaktion auf die brutale Repression beim Referendum im vergangenen Herbst gezeigt haben.

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