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Wie Hitler die blonde Borussia rauben ließ

Eine Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums enthüllt die verborgene Geschichte eines Gemäldes von Adolf Menzel

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Eine kleine, aber feine Sonderausstellung präsentiert das Deutsche Historische Museum (DHM) ab heute. Eingebettet in die Dauerausstellung zur deutschen Geschichte, im Kapitel über die Gründung des Wilhelminischen Reichs, gewährt sie Einblicke in die Provenienzforschung und Restitutionsproblematik anhand eines Gemäldes von Adolf Menzel.

Didaktisch-logisch empfängt den Besucher eine nackte Leinwand, die Rückansicht eines 1868 vom Professor an der »Königlichen. Academie der Künste« in Berlin geschaffene Bild, worauf nicht nur der Name des Künstlers, sondern auch der spätere Besitzer, allerdings nur mit einem »s«, sowie zwei Zahlen notiert sind. Sie sind der Schlüssel, mit dem Darja Jesse, Susan Geißler und Tobias Schlage, Volontäre am DHM und Kuratoren der Dokumentation, die Odyssee des Werkes nachzeichneten.

»Borussia« meint hier weder die Kicker von Dortmund noch Mönchengladbach, sondern Ostpreußen, das damals von einer großen Hungersnot heimgesucht worden ist, zu dessen Minderung in der preußischen Metropole, im Berliner Schloss, ein Wohltätigkeitsbasar veranstaltet wurde, den eine historische Fotografie nacherleben lässt. Für die Caritas-Veranstaltung malte Menzel sein Bild: Borussia, mit Krone auf wallend-blondgelocktem Haar, breitet ihren Hermelinmantel schützend über Notleidende aus. Zugegeben, nicht gerade das imposanteste Werk von Menzel, aber ein gut gemeintes. Auf der Rückseite seiner Donation ist auch eine Anschrift vermerkt: Luisenstraße 27, die Adresse von Menzels Berliner Atelier. Das Bild wurde mit weiteren vier Gemälden des Künstlers für die einst stattliche Summe von 2000 Talern von Geheimrat Alexander Mendelssohn erworben, Sohn des Gründers des Bankhauses Mendelssohn & Co, dessen Domizil sich in der Jägerstraße 51 befand und deren Kassenraum »Borussia« eine Zeit lang zierte. Wie die jungen Forscher ermittelten, wurde das Gemälde 1885 und 1905 auf Ausstellungen zu Ehren des hoch dekorierten, unter anderem mit dem Ordens Pour le Mérite geehrten Malers gezeigt. Die Witwe von Franz Mendelssohn, Sprössling des ersten Besitzers der »Borussia«, verkaufte das Gemälde im April 1937, also in strammer Nazizeit, an den Kunsthändler Karl Haberstock - zwangsweise, wie zu vermuten ist. Zahlreiche Angehörige der berühmten Mendelssohn-Familie wurden später Opfer der Shoah, des Völkermords an den Juden.

Die Chiffre 904 auf der Rückseite des Bildes verweist auf dessen Registrierung für den »Sonderauftrag Linz«, das heißt für das geplante »Führermuseum«. Haberstock gelang ein Coup: Das für 19 000 Reichmark erworbene Bild verkaufte er an die Nazis für 48 000 RM, wahrlich ein opulenter Gewinn. In einer Vitrine ist ein Fotoband ausgestellt, gekennzeichnet mit der römischen Ziffer XXIII. Es handelt sich um einen der 19 erhaltenen (von insgesamt 31 angelegten) Fotoalben, die einen Vorgeschmack auf die Sammlung von Hitlers Leibmuseum geben sollten.

Die nächste Ziffer auf rückwärtigem vergilbten Linnen verdankt sich vermutlich einem US-amerikanischen Kunstexperten in Uniform, also einem der »Monument Men«, die in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Europa und insbesondere in Deutschland geraubten Kunstschätzen und Kulturgütern auf der Spur waren. In einer ihrer zentralen Sammelstellen, Central Collecting Points, wurde die in ein Salzbergwerk von den Nazis ausgelagerte und dort von den Alliierten aufgefundene »Borussia« unter der Nummer 8877 gelistet; in der Exposition gegenständlich veranschaulicht durch einen unscheinbaren Karteikasten aus Holz.

Obwohl bereits 1945 die Provenienz des Bildes bekannt war und die Bundesrepublik 1951 sich bereit erklärt hatte, deutsch-faschistisches Unrecht an Juden zu entschädigen, erfolgte die Restitution im Fall der »Borussia« erst zwei Jahre nach der Washingtoner Erklärung von 1998 über die Rückgabe von Raubkunst. Warum die Rückerstattung dieses Menzel-Gemäldes nicht früher an die Erben erfolgte, konnten die Kuratoren nicht klären. Auch nicht, warum auf einem Zettel aus dem Jahre 1946 bereits »restituiert« gekritzelt ward, was dann ausradiert wurde.

Raphael Gross, Präsident des DHM, betonte zur Pressevorführung, sein Haus unterstütze die Provenienzforschung und Restitution. Projektleiter Fritz Barckhaus sprach von einem »grundlegenden Wandel«: Man reagiere nicht mehr nur auf Rückgabeansprüche, sondern agiere »pro-aktiv«. Drei bisher befristete Projekte, die der Erfassung geraubter Gemälde wie auch von wertvollen Dokumenten sowie beschlagnahmter Kunst in der DDR, etwa von »Republikflüchtlingen«, dienen, sollen in befristete umgewandelt werden. Auf Nachfrage des »nd« hinsichtlich der in der Öffentlichkeit und der Zunft der Historiker wie auch der Anwaltschaft nicht selten zu hörenden Vorwurf, die Berliner Museen seien in Fragen der Rückerstattung nicht »initiativ«, eher träge, versicherte der Museologe etwas vage: »Wir streben stets nach einer fairen und gerechten Lösung.« Worauf Gross präzisierte: »Wir verstehen uns auch als Forschungs- und Bildungseinrichtung, die Unrecht aufklärt, dokumentiert und wiedergutzumachen versucht. Besitz allein ist für uns nicht entscheidend.«

»Rückansicht. Die verborgene Geschichte eines Gemäldes von Adolph Menzel«, bis 3. Februar 2018, DHM, Unter den Linden, tägl. 10 - 18 Uhr, Tageskarte 8 €, erm. 4 €.

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