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Ubi mortuae linguae vivunt

In Frascati nahe der italienischen Hauptstadt Rom leben tote Sprachen

  • Von Laura Krzikalla, Frascati
  • Lesedauer: 4 Min.

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Prächtiger Lernort: Die Accademia Vivarium Novum hat ihren Sitz in der Villa Falconieri. Fotos: dpa/Laura Krzikalla
Prächtiger Lernort: Die Accademia Vivarium Novum hat ihren Sitz in der Villa Falconieri. Fotos: dpa/Laura Krzikalla

Altgriechisch oder Latein? Freiwillige Überstunden nach dem Unterricht in der Villa.
Altgriechisch oder Latein? Freiwillige Überstunden nach dem Unterricht in der Villa.

Der Lehrer steht vor der Klasse, reißt die Arme nach oben, gestikuliert. Er scheint einen Witz gemacht zu haben, die Klasse lacht. Wer in der Accademia Vivarium Novum nur zu Besuch ist, kann das höchstens vermuten. Er bleibt außen vor, fühlt sich wie in einem kleinen, unentdeckten Teil der Welt. Dazu trägt auch die versteckte, malerische Lage bei: eine herrschaftliche Villa auf einem Hügel in Frascati bei Rom. Aber es ist noch etwas anderes: Hier sprechen alle fließend eine Sprache, von der es oft heißt, sie sei tot - Latein.

Aus der ganzen Welt kommen Menschen jedes Jahr in die Accademia, um Latein und Altgriechisch zu lernen. Von Oktober bis Juni leben bis zu 40 Stipendiaten zwischen 16 und 25 Jahren hier, nur Männer sind erlaubt. In den Sommermonaten hingegen steht die Akademie allen Altersklassen und Geschlechtern offen, der jüngste Schüler ist dieses Jahr 12, der älteste über 60 Jahre alt. Anders als die Stipendiaten zahlen sie dafür bis zu 5200 Euro. Trotzdem war die Bewerberzahl dieses Jahr so groß, dass manche abgelehnt wurden.

»Das hier ist kein Bildungsurlaub«, betont der Schulleiter und Gründer der Akademie, Luigi Miraglia. Er gilt als einer der besten Lateinkenner der Welt. Seine Schüler nennen ihn Aloisius. Alle Lehrer und Schüler geben sich lateinische Namen. Zwölf Stunden täglich paukten sie Latein und Griechisch, sagt Miraglia. Und das heißt in der Akademie nicht, die antike Sprache wie in der Schule in ihre Einzelteile aufzudröseln und zu übersetzen, sondern sie zu lesen, sprechen, singen, vor allem aber: sie wirklich zu verstehen. »Wir müssen Latein so lernen, dass es keine fremde, sonderbare Sprache mehr ist«, findet Miraglia. »In zwei Monaten lernt man hier mehr als in fünf Schuljahren.«

An deutschen Schulen ist Latein nach Englisch und Französisch die am dritthäufigsten erlernte Fremdsprache. Besonders hoch ist der Anteil der Lateinschüler in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Das geht aus dem Bericht »Schulen auf einen Blick« des Bundesamts für Statistik hervor. 632 000 Schüler lernten demnach im Schuljahr 2016/17 Latein - fast 200 000 weniger als vor zehn Jahren.

Der Vorsitzende des deutschen Altphilologenverbandes, Hartmut Loos, erklärt: Die gesunkenen Zahlen hängen auch mit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums zusammen. Auf einen Schlag gab es vor zehn Jahren doppelt so viele Lateinjahrgänge. Inzwischen seien diese Doppeljahrgänge mit der Schule fertig. »Insgesamt ist die Zahl der Lateinlernenden trotzdem rückläufig - aber nicht dramatisch«, sagt Loos.

Das liege zum Beispiel daran, dass Latein als Wahlfach durch Fächer wie Informatik oder soziale Projekte ersetzt werde. Spätestens in der Oberstufe wird das Fach oft abgewählt. »Viele denken, dass Latein schwerer ist als andere Fächer. Das ist aber oft ein subjektives Empfinden«, so Loos. Ein Latinum werde zudem nur noch für wenige Studienfächer als Voraussetzung verlangt. Für ein Medizinstudium ist es längst nicht mehr nötig. Warum dann Latein? Abstand habe man vom Argument genommen, dass es helfe, das Lernen zu lernen. »Das schaffen andere Fächer auch«, sagt Loos. Vielmehr sei es die Reflexion über die Sprache und die Kommunikation mit früheren Zeiten und dem gemeinsamen Erbe Europas.

Drei Schuljahre Vokabeln und Grammatik, dann das Übersetzen von Klassikern, Caesars »De bello gallico«, Ovids Metamorphosen. So funktioniert Lateinunterricht in Deutschland. Würde das aktive Sprechen der Sprache das Lernen nicht einfacher machen? »Das ist wünschenswert und sicher zielführend, aber utopisch«, so Loos. Die Unterrichtsstunden würden dafür nicht ausreichen, Lehrer seien nicht entsprechend ausgebildet.

»Mit anderen Methoden könnte man die Schüler weniger verschrecken«, meint dagegen Miragia. An der Accademia gehen die Lehrer anders mit der antiken Sprache um - sie hauchen ihr Leben ein. Durch Schauspiel, Chorgesang und alltägliche Konversation. Die Schüler kommen aus der ganzen Welt, aus China, Brasilien, Frankreich, Korea, Deutschland. Aber Englisch ist in der Akademie strengstens verboten. Und tatsächlich grüßen sie sich auf den Gängen mit »Salve«, sagen »Gratias«, Danke. Auf Mülleimern steht »Materies euplastica« und »Charta cuiuslibet generis« - Plastik und Papier.

»Viele sagen, das sei eine tote Sprache, deswegen kann man sie nicht sprechen - totaler Blödsinn!«, sagt Benjamin Stolz aus Südtirol, der Latein auf Lehramt studiert und den Sommer an der Akademie verbracht hat. »Wenn du nur noch Latein sprichst, passiert es automatisch, dass du irgendwann auf Latein denkst, auf Latein träumst.« Beim Mittagessen wünscht er seinen Mitschülern »Bene sapiat«, guten Appetit.

Miraglia aber geht es um mehr. Er will seinen Schützlingen eine humanistische Sicht auf die Welt nahebringen. Die Schüler sollen den Geist der Sprache verstehen, den Geist der Wissenschaftler von früher, der Philosophen und Gelehrten. Derer, die die Sprache, so Miralgia, unsterblich machten. »Auf Latein ist es manchmal schwieriger, nach einem Kaffee zu fragen, als die Ideen von Platon zu verstehen«, sagt er. dpa/nd

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