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November ist ein schöner Name

Kathrin Gerlof hat viel in ihren Roman aus der ostdeutschen Provinz verpackt - und hält bis zum Schluss die Spannung

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 7 Min.

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Was ist von einer Frau zu halten, die sich den Namen »November« gibt? »Nenn mich November« - nicht nur um Marthe Lindenblatt, die Hauptgestalt in diesem Roman, schwebt eine Aura von Melancholie. Eine Novemberstimmung breitet sich sozusagen über den ganzen Text. Was indes niemanden vom Lesen abhalten sollte. Es ist ein wahrhaftiges, ehrliches Buch, das die Stimmung vieler Menschen trifft. Gerade im Osten, wo sich ein Umbruch nicht aller, aber vieler Verhältnisse vollzog, wo Risse entstanden, Beziehungen zerbrachen. Und sich mancher selber fremd wurde.

Wer bin ich, dass man mit mir so verfahren durfte? Massenhaft Verlust von Arbeit und Sicherheit. Daran ändert auch das Angenehme nichts, das Freie. Dieser Überfluss an Waren, diese Möglichkeiten, die weite Welt zu sehen, wenn man die Mittel dafür hat. So viele Straßencafés mit entspannten Leuten gab es zu DDR-Zeiten nicht, als allenthalben Mangel regierte. Aber es gab eine gesellschaftliche Utopie, die über das eigene Leben hinauswies und immer auch eine Kritik am Bestehenden enthielt.

Man wusste, was einem fehlte, was man sich wünschte und dass eine Bewegung in den politischen Verhältnissen nötig sein würde. Auch heute wüsste man, was verändert werden müsste, aber nicht, wie das gehen soll in einem kapitalistisch strukturierten Staat. Alle Verhältnisse umzuwerfen ...? Wer aber mehr zu verlieren hat, als seine Ketten ...?

»Wenn das Dorf schläft, schleichen all seine Hunde über die Höfe und durch die Gärten.« Mit dem ersten Satz schon schafft Kathrin Gerlof eine Atmosphäre, die man kennt, der man aber bei einem Latte macchiato in der Sonne auch gern entfliehen möchte. Flanierend durch schön sanierte Innenstädte, bleibt einem womöglich verborgen, dass es blühende Landschaften in Ostdeutschland nur stellenweise gibt. Dabei ist es Realität nicht nur in diesem Dorf nördlich von Berlin: Wenige Reiche (hier sind es zwei) und viele in Niedriglohn. »Eine Sinfonie frustrierter Stimmen« - auch wenn das im Roman die Hunde meint. »Das Dorf stirbt. Seine Menschen haben vergessen, wie man lebt.«

Klare, präzise Sprache. Aber, mein Gott, auf wie viele Orte in der Welt trifft solche Hoffnungslosigkeit wohl zu? Nur, dass es die Menschen hier schon anders kannten, dass es für viele ein Abwärts ist, zumal, wenn sie nicht mehr ganz jung sind. Dass da womöglich ein Ventil gesucht wird, um sie aus dieser Resignation, dieser Niedergangsstimmung zu befreien, könnte man erwarten. Die Autorin weiß wohl um solche Gedanken und versteht es, daraus Spannung zu erzeugen. Aber kann es nicht auch immer ganz anders kommen?

Da Schriftsteller gern in der Welt der Straßencafés leben, sind die Romane aus dörflicher Perspektive rar, wenn man diejenigen beiseitelässt, in denen sich Autoren mit einer geordnet-engen westdeutschen Herkunftswelt auseinandersetzen. Es ist vorauszusehen, dass Kathrin Gerlofs Roman in den Feuilletons mit Juli Zehs »Unterleuten« verglichen werden wird, der ja im Brandenburgischen spielt. Aber hier gibt es eine ostdeutsche Perspektive auf die Probleme; zwischen Juli und November besteht ein Unterschied.

»November, das ist ein schöner Name.« Steckt nicht schon trotzige Resignation in diesem Satz? Ihre sichere Stelle im Jobcenter (welch verlogene Bezeichnung!) hat Marthe gekündigt, weil sie nicht »Teil einer Strafvollzugsbehörde« sein will. Für sie gibt es Werte und folglich Empörung. Es kann doch wohl nicht sein, dass der Überziehungskredit bei ihrer Bank 23 Mal so hoch wie der Leitzins ist! Aber sie bekommt sowieso keine Kredite mehr. Ihre Karte ist im Automaten stecken geblieben.

Ihr Mann David hatte seine Abfindung in Aktienpakete gesteckt und in eine Firma für kompostierbares Geschirr, die pleiteging. Die Wohnung kostet 1100 Euro im Monat und ist nicht mehr zu halten. Glück für sie, dass sie ein kleines Haus in eben jenem Dorf geerbt haben, heruntergekommen wie die anderen »Einsamkeit, Verblödung und Elend atmenden Häuser«, wo die Leute hinter der Gardine stehen und Frauen in Glitzerpullovern verstummen, wenn eine Fremde den Dorfladen betritt.

Da kommt einem für Momente sogar der Film »Chocolat« in den Sinn. Könnte Marthe nicht frischen Wind in die erstarrten Verhältnisse bringen? Freundlichkeit und Tatkraft hätte sie, doch sie trägt auch Erschöpfung und Schmerz mit sich herum. Nein, eine solche »Wendung zum Guten« wäre verlogen. Ein Dorf von Mais umgeben - NK603 ist gentechnisch verändert, um gegen das Totalherbizid Glyphosat immun zu sein - dazu eine Biogasanlage, wo schon mehrere Männer zu Tode kamen, die zu ihren Frauen nicht gut gewesen sind. Hat das Getuschel im Dorfladen etwas damit zu tun? Wieder lockt ein Klischee: der gute alte englische Dorfkrimi.

Man denkt das ja alles mit. So wächst der Roman in die Tiefe. Welche Möglichkeiten gäbe es für Marthe und für dieses Dorf? Oder wird es noch ganz schlimm kommen? Ich bin im April geboren. Gegen Novemberstimmung hilft mir die Zuversicht auf Wachsen und Werden. Marthe kann ich gut verstehen, wie sie Tag für Tag einen Berg besteigt, weil es im Dorf keinen Internetempfang gibt. Geradezu süchtig ist sie nach den Schrecken der Welt. Über diese Nachrichten - ein gelungener Kunstgriff der Autorin - wird das ostdeutsche Dorf ins Globale gebracht. Denn durch das weltweite Netz sind wir mit allem und jedem verbunden, auch wenn manch einer diese Verbindung nicht spürt.

Doch welche Wirkung kommt aus den damit verbundenen Schrecken? Eine grundlegende Frage für Medienleute, zu denen, als Kolumnistin dieser Zeitung, auch Kathrin Gerlof gehört: Wenn aus an sich schon bedrohlichen Nachrichten ein täglicher Aufregungsstrom produziert wird, folgt das auch einem Selbstzweck. Im Kampf um Aufmerksamkeit, der im Grunde ein ökonomischer ist, erscheint es interessanter, wenn etwas zu skandalisieren ist, als wenn sich etwas zum Besseren bewegt.

Die verbreitete Unsicherheit, ja Angst, die Staatsverdrossenheit - all die Stimmungen, die den Wahlerfolgen der AfD zugutekamen, werden doch unwillkürlich durch Medien noch geschürt. Andererseits: Was alles liegt im Argen, ohne dass es ins öffentliche Bewusstsein kommt! Da müssen sich die Bewohner jenes sterbenden Dorfes, das Kathrin Gerlof so genau beschreibt (womöglich gar kennt?), wie vergessen fühlen.

Es ist erstaunlich, wie viele genau recherchierte Probleme die Autorin in ihren Roman gepackt hat, ohne ihn zu beschweren. Das gelingt, weil sich um Marthe alias November noch zahlreiche genau gezeichnete Figuren gruppieren - Menschen, die irgendwie mit ihrem Dasein am Rande zurechtzukommen suchen, und zwei Gewinner der neuen Verhältnisse, die im Dorf um Macht und Einfluss konkurrieren.

Die Agrarsubventionen kommen ins Spiel und das Geld, das sich mit Flüchtlingen verdienen lässt. Sind Konflikte nicht vorauszusehen, wenn man 200 von ihnen ausgerechnet in so einen abgehängten Ort verfrachtet? Und noch dazu in Baracken, in denen einst Zwangsarbeiter untergebracht waren. Billige Arbeitskräfte auch sie. Schulz, der Besitzer der Biogasanlage, spekuliert auf Förderung und Zuschüsse. »Vielleicht retten uns die Araber ja den Arsch«, meint sein Konkurrent, der Bürgermeister.

Aber bei den meisten Leuten im Dorf herrscht Frust, grassieren Ängste. Empörung: »Unsere Steuern, sagen sie, werden da in die Baracken gesteckt, damit sie es schön haben und uns den Schlaf rauben können.« Wie es den Leuten gegen den Strich geht, dass andere Geld kriegen und den ganzen Tag herumlungern dürfen, wie sich da eine Art Geländespielatmosphäre entwickelt, in der Spielerisches ins Bedrohliches umschlagen könnte, so sinnfällig wird es hier, dass man ein schlimmes Ende erwartet - oder doch eine überraschende Wendung auf dem Dorffest? Bis zum Schluss weiß Kathrin Gerlof ihre Leser zu überraschen.

War nicht zu erwarten, was geschieht? Die Frage ist, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken und was wir ausblenden. Marthe beobachtet genau, aber die täglichen Nachrichten scheinen für sie auch Ablenkung zu sein. »Ihre Lesezeichenliste in der Suchmaschine liest sich wie eine apokalyptische Linksammlung«: Klimaerwärmung, Umweltkatastrophen, Müllberge, Rüstungsexporte, Fluchtströme, Bürgerkriege … Und was geschieht gleich nebenan? »All die geschlagenen Männer« - auch ihr David gehört doch zu ihnen.

Selten heutzutage, dass ein Roman einen so großen Atem hat. Von ostdeutscher Provinz weitet sich der Blick auf brennende Weltprobleme, um dann wieder im ganz Persönlichen anzukommen. »Das Eigentliche sind wir«, sagt Marthe auf Seite 233. »Aber damit will ich mich nicht beschäftigen.« Wenn es ans Leben geht, hilft nichts mehr gegen den Schmerz.

Katrin Gerlof: Nenn mich November. Roman. Aufbau Verlag, 352 S., geb., 20 €. Die Autorin präsentiert ihr Buch beim nd-Literatursalon am 1. Oktober, 18 Uhr, im Haus am Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin.

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