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Chaotischer Auftakt der Weltreiterspiele

Die Weltmeisterschaften in den USA finden auf einer Baustelle statt, das Distanzreiten wurde abgebrochen, und nun droht auch noch ein Hurrikan

  • Von Tobias Schwyter, Tryon
  • Lesedauer: 4 Min.

Bernhard Dornsiepen war stinksauer, und niemand wollte es ihm verübeln. »Das ist ein Schlag in die Fresse für den gesamten Sport«, motzte der 50-Jährige über den katastrophal organisierten Distanzwettbewerb bei den Weltreiterspielen in Tryon. Völlige Planlosigkeit zum Auftakt, dann ein kontroverser Neustart und zum Schluss der Abbruch - das Chaos bei den Langstrecklern wurde zum vorläufigen negativen Höhepunkt der Pannen-WM in North Carolina.

Als das unwürdige Schauspiel am Mittwochabend witterungsbedingt abgebrochen wurde, war der erfahrene Dornsiepen »schon mehr als den Tränen nah«, wie er gestand. Dabei war der Abbruch noch die verständlichste Aktion während des gesamten Wettbewerbs. Der Weltverband FEI zog aufgrund der »potenziell hochgefährlichen Kombination aus Hitze und Feuchtigkeit« den Schlussstrich unter die Veranstaltung. Auf die Palme brachte den Sauerländer alles, was zuvor geschehen war.

So hatten sich die 131 Distanzreiter um 6.30 Uhr morgens zum Massenstart eingefunden. Blöd nur, dass niemand so genau wusste, wo dieser Start denn überhaupt ist, offenbar nicht einmal Organisatoren selbst. Und so passierte es, dass das Rennen an zwei unterschiedlichen Orten begann. »Zu dem Zeitpunkt hat keiner richtig mitbekommen, wer in welche Richtung geritten ist, weil es ja auch noch dunkel war«, erklärte Equipechefin Annette Kaiser die Verwirrung. Ihr Schützling Dornsiepen meinte: »Für mich hätten sie es da schon abbrechen müssen.«

Stattdessen wurden alle Teilnehmer nach wenigen Stunden zurückgepfiffen, ein Neustart und die Reduzierung der Strecke von 160 auf 120 Kilometer war die Folge. »Tumultartige Proteste« soll es unter den Equipeleitern da schon gegeben haben, erzählte Kaiser. Auch Dornsiepen hielt mit seiner Verärgerung nicht hinterm Berg. »Wir Athleten bereiten uns das ganze Jahr auf eine Weltmeisterschaft, auf diesen Höhepunkt vor. Das ist so ein Scheiß!«, sagte er: »Das ist respektlos uns Reitern, uns Athleten und vor allen Dingen unseren Pferden gegenüber.«

Die Reiter durften im Vorfeld noch nicht einmal die Strecke besichtigen, denn das Gelände des Kurses gehört 70 Privatleuten. »Von Anfang an war klar, dass die Strecke nur für diesen einen Tag aufgemacht wird«, sagte Kaiser. Ein Unding, wie auch Dornsiepen fand: »Wenn das nicht möglich ist in dieser Gegend, dann kann man so was hier nicht stattfinden lassen.«

Aber nicht nur beim Distanzritt zeigten sich die Veranstalter in Tryon bislang überfordert. Allerorts wird noch wacker gebohrt und gebaggert, schwere Baumaschinen walzen auch nach dem WM-Start über das Gelände. Toiletten sind nur in bestimmten Gebäuden nutzbar. Und auch die Zuschauer bleiben aus. So herrschte am ersten Wettkampftag auf den Rängen im Dressurstadion gähnende Leere, nur leicht besser sah es in der Halle der Westernreiter aus - also dem amerikanischsten Wettbewerb von allen.

Dazu kommen Probleme mit den Unterkünften. Drei große Hotels sollten auf dem Gelände entstehen, gereicht hat es nur für die Fundamente. Viele Pfleger wohnen daher in Zelten, winzigen Holzhütten oder eilig herbeigeschafften Wohnwagen. Organisationschef Mark Bellisimo sah sich schon zu einer Entschuldigung gezwungen.

Zu allem Überfluss kommt nun auch noch »Florence«. Der Hurrikan, der die Südostküste der USA in der Nacht auf Freitag (Ortszeit) erreichen sollte, könnte auch Auswirkungen auf die WM haben. Tags zuvor waren die Veranstalter allerdings noch zuversichtlich, dass die Anlage vom Gröbsten verschont bleibt. »Wir sind vorbereitet«, sagte Geschäftsführerin Sharon Decker. »Stürme wie dieser treffen uns normalerweise nicht signifikant.«

Da Tryon rund 350 km von der Küste entfernt liegt, dürfte der Hurrikan beim Erreichen der Reitanlagen schon einiges an Kraft eingebüßt haben. Dennoch drohen Starkregen und Überschwemmungen. Laut einer Mitteilung der Veranstalter gebe es »ein stabiles Evakuierungsprotokoll«. Die FEI sei zudem in ständigem Kontakt mit dem nationalen Wetterdienst.

Natürlich sorgt »Florence« auch im Reiterlager für Gesprächsstoff. »Keiner weiß etwas Genaues«, sagte Dressurolympiasiegerin Isabell Werth, die am Donnerstag ihren Einsatz im Teamwettbewerb bestritt: »Wir gucken immer mal wieder auf das Radarbild.« Den Pferden dürften die Ausläufer des Hurrikans vermutlich egal sein. »Im Stall kriegt man nichts mit«, versicherte Co-Bundestrainer Jonny Hilberath.

Insgesamt muss man den Veranstaltern zugutehalten, dass Tryon erst 2016 kurzfristig für das kanadische Bromont eingesprungen war. Doch es ist nicht das erste Mal, dass ein Ausrichter mit den Weltreiterspielen, bestehend aus allen acht FEI-Disziplinen, überfordert ist. Einen für die Spiele 2022 gibt es noch nicht. Tryon dürfte jedenfalls ein abschreckendes Beispiel sein. SID/nd

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