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»Dazu hatte ich die Verantwortung«

Warum Thomas Kuczynski den ersten Band des »Kapital« neu edierte

  • Von Michael Brie
  • Lesedauer: 4 Min.

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Zum Marx-Jubiläum hat Thomas Kuczynski eine Neuedition des ersten Bandes des »Kapital« vorgelegt. Jenen, die keine Marx-Spezialisten sind, mag dies befremdlich vorkommen. Gibt es davon nicht genug? Nach der Erstauflage von 1867 erschien eine zweite deutsche Ausgabe 1872, von Marx noch selbst editiert. 1890 kam die klassische Ausgabe heraus, die nun schon - nach dem Tod des Freundes 1883 - von Friedrich Engels besorgt wurde und wie die zweite Ausgabe in die berühmten blauen Bände der Marx-Engels-Werke (MEW) Eingang fand. Darüber hinaus gab es im Laufe eines Jahrhunderts immer wieder neue Anläufe, Marx’ Intentionen, den diversen Ausgaben sowie den Manuskripten und Bemerkungen von Marx in seinen eigenen Exemplaren gerecht zu werden. Er selbst hatte zwei Jahre vor seinem Tod eine dritte deutsche Ausgabe vorbereitet, hoffte, »das Buch so umzuarbeiten, wie ich es unter anderen Umständen getan hätte«.

Inwiefern war in den Augen von Thomas Kuczynski eine Neuausgabe des »Kapital« geboten? Erstens ging es ihm darum, die deutsche Ausgabe von 1872 mit der französischen Ausgabe, wie sie ab 1872 entstand, zu verbinden. Dies war Marx’ eigenes Anliegen mit Blick auf eine russische und englische Ausgabe. Zweitens ging es darum, Marx’ handschriftliche Instruktionen in den Handexemplaren für eine englische Übersetzung zu berücksichtigen. Kuczynski hat also versucht, auf der Basis der zweiten deutschen, von Marx selbst besorgten Auflage eine »Neue Textausgabe« zu erstellen, die den genannten zwei Bedingungen Rechnung trägt und zugleich den umfassenden Publikationsstand der Marx-Engels-Gesamtausgabe und die neueren Forschungen berücksichtigt. Wie er selbst im Nachwort schreibt: »Ob es mir in jedem einzelnen Fall gelungen ist, aus den verschiedenen Marx’schen Textvarianten jene auszuwählen, die den im Dezember 1881 angedeuteten Intentionen des Verfassers am ehesten entsprochen hätte, muss ich dem Urteil der Fachwelt überlassen. Ich kann an dieser Stelle nur versichern, stets den … Ausruf von Engels vor Augen gehabt zu haben: ›Dazu hatte ich die Verantwortung.‹«

Über diese zwei Aufgaben hinaus war Thomas Kuczynski vor allem bemüht, die Lesbarkeit des »Kapital« zu verbessern. Dazu gehörten die durchgängige Übersetzung aller fremdsprachigen Zitate, die Beseitigung von Anglizismen, die sich bei dem lange in England lebenden Marx eingeschlichen hatten, der sorgsame Umgang mit Fremdwörtern sowie die Verweise auf die heute in Deutschland üblichen Maße und Gewichte. Wichtig ist auch die Korrektur falscher Zitate. Und natürlich wird alles ausführlich in dem auf einer USB-Card beigegebenen Apparat detailliert vermerkt. Überhaupt ermöglicht es dieser Apparat, auf das Werk hinter dem Werk zu blicken, so dass dieser Apparat für eine detaillierte Textarbeit unentbehrlich ist. Die Lesbarkeit wurde auch dadurch erhöht, dass die vielen Fußnoten als kleiner gesetzte gesonderte Absätze in den laufenden Text übernommen wurden. Oft sind ja bei Marx gerade in den Fußnoten wichtigste Gedanken versteckt. Jene, die heute vor allem mit dem Tablet oder am PC lesen, wird es freuen, dass die USB-Card ein PDF des Buches selbst wie des Apparats enthält und damit zugleich eine schnelle Suche zu einzelnen Stichworten ermöglicht.

In den Sozialwissenschaften oder der Technik wird oft von Pfadabhängigkeit gesprochen. Wenn also einmal eine bestimmte Schreibmaschinentastatur (wie QWERTZ) eingeführt ist, dann wird sie nicht mehr verändert, obwohl eine andere Anordnung der Buchstaben auf den Tasten viel sinnvoller wäre. Es könnte sein, dass es so auch der neuen Ausgabe des »Kapital« von Thomas Kuczynski geht. Sie wird wie alles Neue große Schwierigkeit haben, sich gegen das Alte und »Bewährte« durchzusetzen. Die Ausgabe in der MEW ist schon lange als Standard etabliert.

Ich würde mir deshalb wünschen, dass bei Lesekursen zum »Kapital« versucht würde, ob nicht die neue Ausgabe doch wesentliche Vorzüge hat. Dies ist natürlich für die, die diese Kurse durchführen, ein zusätzlicher Aufwand. Aber ohne Experimente gibt es keinen Fortschritt. Jene aber, die selbst noch kein »Kapital« haben oder es verschenken wollen an ihre Nachkommen, an Freunde und Gefährten oder einfach an Interessierte, sei die Ausgabe von Thomas Kuczynski sehr empfohlen. Sie ist auf keinen Fall schlechter als die bereits vorliegenden, im Gegenteil, in vieler Hinsicht gar besser, weil sie die französische Ausgabe sowie Marx‘ weiterführende Hinweise für eine Neuausgabe systematisch berücksichtigt und sehr gut lesbar ist.

Damit wird das »Kapital« natürlich noch immer nicht zu »leichter Kost«, aber das lag auch nicht in der Absicht des Verfassers. Wie schrieb Marx im Vorwort zur französischen Ausgabe selbst, die Schwierigkeiten der Lektüre seines Werkes vor Augen? »Es gibt keinen Königsweg für die Wissenschaft, und nur jene haben das Glück, auf ihre leuchtenden Gipfel zu gelangen, die nicht fürchten, beim Erklimmen ihrer steilen Pfade zu ermüden.« Thomas Kuczynski hat die Pfade etwas begehbarer gemacht, die durch das »Kapital« führen. Dies ist ein großes Verdienst.

Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals. Neue Textausgabe, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski. VSA-Verlag, 800 S., geb., 19,80 €.

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