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Ein Papst zwischen Christenpflicht und Kirchenpolitik

Im Schlosspark Theater verteidigt sich »Der Stellvertreter«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Unterwerfung unter Hitler: Priester, Papst, Kardinal
Unterwerfung unter Hitler: Priester, Papst, Kardinal

Es war ein Wiedersehen nach Jahrzehnten. Aufgewühlt verließ damals, 1966, der Teenager das Theater, nach einem Besuch von Rolf Hochhuths Stück »Der Stellvertreter« in Magdeburg. Drei Jahre waren da nach Erwin Piscators von Protesten begleiteter Uraufführung im Theater am Kurfürstendamm vergangen. War schon die Magdeburger Fassung des fünfaktigen Schauspiels gekürzt, die Zahl der 40 handelnden Personen auf 20 reduziert, so geht Regisseur Philip Tiedemann für seine Neuversion am Schlosspark Theater noch weiter. Er kommt mit acht Hauptgestalten aus, die auch die Nebenrollen spielen, spitzt die Kontroversen zwischen den Figuren noch zu. Brisanz erhält das Stück, weil es - nach Aufführungen in gut 100 Städten, Übersetzungen in 28 Sprachen - an einen der Orte des Geschehens, Hitlers Führungszentrale Berlin, zurückkehrt.

An der wesentlichen Fragestellung des Dramas hat sich nichts geändert: Durfte jemand, der so viel Macht hat wie der Papst als Stellvertreter Christi auf Erden, zum millionenfachen Mord an den Juden schweigen, aus welchem diplomatischen Kalkül auch immer? Stehen Religion, wirtschaftliche und politische Bedenken höher als die Menschlichkeit? Hochhuth verhandelt diese Fragen und mischt in seinem Drama Fiktives mit historisch Verbürgtem. Fiktiv ist die Figur des jungen Jesuitenpaters Fontana, der 1942 in Berlin von der europaweiten systematischen Ausrottung der Juden durch die Nazis erfährt. Der als SS-Mann getarnte Widerständler Kurt Gerstein, Papst Pius XII. und sein nach Berlin entsandter Nuntius sind reale Personen der Geschichte. Sie, Fontanas Vater und der Kardinal liefern sich Wortgefechte um das Verhalten der Kirche. Der idealistische Jungpater, angeregt vom kämpferischen Gerstein, trifft in Rom auf einen zögerlichen Papst als Gefangenen zwischen Hirtenpflicht, Kirchenpolitik, Finanzbedenken. Den Papst bindet ein Konkordat seines Vorgängers mit Hitler, bei Aufkündigung befürchtet er Repressalien gegen Christen im braun besetzten Europa. Zudem verfolgt er wohlgefällig Hitlers Feldzug gegen das verhasste kommunistische Bollwerk, Stalins Sowjetunion. Als Italien bombardiert wird, bangt er um finanzielle Verluste, hat doch der Vatikan in einige Firmen investiert. Das Schicksal der Juden ist da nur ein Spielstein in seiner Hand. Weil Hitler Proteste des Heiligen Stuhls sehr wohl fürchtet, geht es hier um Fragen menschlicher Moral und christlicher Ethik. Wie Pius XII. dabei einzuschätzen ist, entzweit die Forschung, weil wesentliche Dokumente noch immer unter Verschluss sind.

Den Dramatiker kann dies nicht hindern, Fakten und Fiktion nach Gefühl und Überzeugung zu verknüpfen. Das hat Hochhuth getan. Über ein halbes Jahrhundert nach der Premiere darf eine Neueinstudierung sich erlauben, die Akzente anders zu setzen. Das macht Tiedemann. Ausstatter Stephan von Wedel hat ihm eine nüchterne Bühne gebaut: Dunkle Rahmen, die von Bild zu Bild drehen, die Schauspieler vor und hinter der transparenten Ausspannung agieren lassen und bisweilen wie Dias wirken. Tisch und Stuhl sind Bürorequisiten, Christenkreuz und Hakenkreuz konträre Machtsymbole. Ansonsten sollen die Worte wirken. Sie kommen aus den Mündern nicht durchwegs bärbeißiger Figuren. Mit dem historischen Abstand greift die Regie bei einigen zur sarkastischen Überzeichnung. So prallen am Kardinal, den Martin Seifert tüdelig und willfährig, im Ernstfall dann hart zeichnet, alle feurigen Appelle des Paters ab. Georg Preusse als getriebener Pius XII. spielt die Spannweite zwischen Besorgtsein, Politkalkül und Finanzbedenken behutsam aus, rettet sich in Ausflüchte, Spitzfindigkeiten, Schönreden, predigt Beten und Hoffen. Einzig der Fontana des Tilmar Kuhn bleibt sich treu: Mit dem Davidstern auf der Brust geht er freiwillig ins Krematorium. Wie sachlich die Stimme des im Januar verstorbenen Jazzmusikers und Holocaust-Überlebenden Coco Schumann per Band vom Ende der Deportationen berichtet, das setzt authentisch einen Punkt hinter das starke Schlussbild einer wichtigen, in sich geschlossenen, zügig duchlaufenden Zwei-Stunden-Inszenierung. Der Premiere verlieh die Anwesenheit des greisen Rolf Hochhuth zusätzlich einen Hauch von Zeitlosigkeit.

Nächte Aufführungen: 1. bis 7. Oktober., 19. bis 24. November, Schlosspark Theater. www.schlossparktheater.de

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