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»Heinz, hier werden wir tätig«

Heinz Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen war mal ein Braunkohletagebau. Heute ist die Region in Brandenburg eine einzigartige ökologische Schatzkammer. Von Ekkehart Eichler

  • Von Ekkehart Eichler
  • Lesedauer: 6 Min.

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Im September und Oktober bieten Kraniche ein fulminantes Schauspiel in der Lausitzer Naturlandschaft.
Im September und Oktober bieten Kraniche ein fulminantes Schauspiel in der Lausitzer Naturlandschaft.

Plötzlich fällt Ralf Donat auf die Knie. Legt sich lang auf den Boden und pustet kräftig in den puderfeinen Sand. Entnimmt dann eine kleine Ladung und siebt sie mit den Fingern durch - Krümel für Krümel. Wiegt erst zweifelnd den Kopf, doch dann ertastet er das Objekt seiner Begierde und präsentiert erfreut seinen Jagderfolg.

»Was ihr hier seht, ist ein Ameisenlöwe«, erklärt der Experte der staunenden Gruppe. Ein gefürchteter Kleintierjäger, der Trichter in den Sand wühlt und dann geduldig darauf wartet, dass Ameisen hineinfallen, um sie sich einzuverleiben. Und kein Witz: »Um diesen Rutschprozess zu befördern, wirft er sogar mit Sandkörnchen nach seinen Opfern«, sagt Donat und tippt vorsichtig an die mörderischen Zangen des Insekts. Wie er dem im Sand versteckten Winzling auf die Schliche gekommen ist, bleibt sein Geheimnis: »Berufserfahrung«, kommentiert er lakonisch.

Und davon hat der Leiter der Sielmann-Naturlandschaft Wanninchen in der Lausitz mehr als jeder andere weit und breit. Tief verwurzelt in seiner Heimat Niederlausitz und schon immer mit ganzer Kraft und heißem Herzen engagiert im Natur- und Landschaftsschutz, ist Donat von Anfang an vor Ort dabei. Und schmunzelt noch heute über Sielmanns resolute Frau Inge, die 1999 ihrem zunächst zögerlichen Gatten mit erhobenem Zeigefinger unmissverständlich die Marschrichtung wies: »Heinz, hier werden wir tätig!«

Ein Jahr später schon beginnt die Sielmann Stiftung mit dem Erwerb von Flächen in und um Wanninchen, um sie für den Naturschutz zu sichern - insgesamt 3300 Hektar. Was damals bescheiden anfängt, wächst sich zu einer Erfolgsgeschichte aus, die auch den eingefleischten Naturschutzexperten immer wieder aufs Neue staunen lässt: Die wundersame Transformation einer zu Tode geschundenen Bergbauödnis in eine ökologische Schatzkammer. Mit feinsandigen Dünen und funkelnden Seen. Mit wertvollen Mooren und weitläufigen Feuchtgebieten. Und mit jeder Menge spezieller Pflanzen und Tiere, die sich in diesen Lebensräumen ausgesprochen wohlfühlen.

Donat kennt alles, was hier kreucht und fleucht. Dank seiner Spürnase bekommen wir manches Juwel zu Gesicht: die Zebraspinne, die eine Art Zickzackkrawatte in ihr Netz einwebt. Den Sandohrwurm, der seine Zange angriffslustig gen Himmel schwingt wie ein Skorpion seinen Stachel. Die Ödlandschrecke mit so perfektem Tarnanstrich, dass selbst der Fachmann sie am Boden fast übersieht. Ihre blauflügelige Schwester, die sich auf der warmen Motorhaube sonnt. Oder die bildhübschen Azurjungfern, die Liebesspiel und Zeugungsakt in einem bezaubernden Kopulations-Kopplungsmanöver vollziehen - dem sogenannten Paarungsrad, das im gesamten Tierreich nur Libellen zustande bringen.

Aber auch alle Vogelfreunde bekommen hier leuchtende Augen. Mit See- und Fischadler, Turm- und Wanderfalke, Milan, Bussard und Uhu ist die Raubvogelfraktion schon mal glänzend aufgestellt. Doch das ist beileibe nicht alles. Uferschwalben nisten an Abbruchkanten, Steinschmätzer auf Sandböden, Flussregenpfeifer an Ufern und Tümpeln. Möwen und Flussseeschwalben brüten bevorzugt auf Inseln - in einem der acht gefluteten Tagebauseen etwa ist die größte Lachmöwenkolonie Brandenburgs zu Hause.

Buchstäblich über allem aber schweben die Superstars, die für Wanninchen inzwischen zu einem Markenzeichen geworden sind. Ihre Hoch-Zeit kommt im Herbst. Dann sammeln sich vor ihrer langen Reise gen Süden bis zu 8000 Kraniche in der Region und fliegen Abend für Abend zu ihren Schlafplätzen am Schlabendorfer See. Mal in kleiner Schar, mal in großer Formation, mal in langer Kette, mal als perfekter Keil - immer jedoch kräftig trompetend und spektakelnd. Ein fulminantes Schauspiel, das im September und Oktober viele tausend begeisterte Besucher anlockt.

Aber auch sonst muss man nicht auf die Vögel des Glücks verzichten. »Wir haben hier ganzjährig vagabundierende Junggesellentrupps«, verrät Ralf Donat. Und wie auf Kommando steigt am Waldrand eine Kranichstaffel auf. Fliegt eine Ehrenrunde übers Wasser und verschwindet hinter den Bäumen. Nicht schnell genug freilich für den Profi, der die Truppe im Spezialteleskop mal eben fix durchzählt und zufrieden das Ergebnis verkündet: »184.« Als er dann jedoch den Leuten verklickern will, er habe mal einen Wolf genau zwischen zwei Kranichen stehen sehen, gehen ihm selbst die Gutgläubigsten nicht auf den Leim. Allerdings: Die Flunkerei hat einen rationalen Kern. Frische Fußspuren im Ufersand lassen manchen leise erschauern - im Revier ist tatsächlich eine Wolfsfamilie aktiv.

Sechs Stunden dauert die Exkursion. Sie führt herum um die Wasserflächen der ehemaligen Tagebaulandschaft und liefert in jeder Hinsicht bemerkenswerte Perspektiven. Sie führt hinein in die Geschichte des Braunkohlebergbaus und seiner monströsen Hinterlassenschaften. Sie erzählt am konkreten Objekt von der umfangreichen Sanierung der Tagebaue, die schon Milliarden verschlungen hat und erst 2027 abgeschlossen wird. Wenn alles glatt geht.

Denn die eigentümliche Landschaft kommt nicht zur Ruhe. In der schroffen Naturschönheit lauern Gefahren, vor denen überall nachdrücklich gewarnt wird. Durch den Wiederanstieg des Grundwassers und die Flutungen werden Untergründe aufgeweicht und instabil; das führt immer wieder zu großen Rutschungen. Böschungen brechen ohne Vorwarnung weg, Areale sacken unvermittelt ab, »und plötzlich steht ein Stück Wald eine Etage tiefer«.

Von den Bergbausanierern sind große Teile des Geländes folglich konsequent gesperrt, selbst Ralf Donat kommt auf viele Flächen nicht rauf und muss sich mit Drohnenluftbildern begnügen. Doch er sieht das auch mit einem lachenden Auge: »Natürlich wäre es toll, wenn man überall seine Neugier stillen könnte; andererseits aber kann sich dadurch die Natur an vielen Standorten vollkommen ungestört entfalten.«

Zurück in Wanninchen. Als 1985 die Kohlebagger den Ort »fraßen«, blieb ein einziges Haus stehen - heute das Naturerlebniszentrum der Heinz Sielmann Stiftung. Mit Bienenlehrpfad und Findlingsgarten, mit Naturspielplatz und Aussichtsturm für die Zugvogelspektakel im Herbst. Mit Ausstellungen zur Landschaft, zur Tier- und Pflanzenwelt, zu den »verschwundenen Orten« sowie zum Leben von Heinz Sielmann. Und wer auf Inge Sielmanns Lieblingsbank am Schlabendorfer See den Tag ausklingen lässt, wird auch ganz ohne Kraniche oder Graugänse verwöhnt. Denn was die sinkende Sonne mit dem zerklüfteten Abraumgebirge am anderen Ufer anstellt, hat sehr viel mehr vom Mars als von dieser Welt.

Infos

Wanninchen liegt etwa 100 Kilometer südlich von Berlin und nur wenige Auto-Minuten vom Spreewald entfernt (A13, Abfahrt Calau). Das Heinz Sielmann Naturerlebniszentrum befindet sich im Luckauer Ortsteil Görlsdorf, Tel.: (03544) 55 77 55
www.sielmann-stiftung.de/ wanninchen/

Kranichzeit:
Im September und Oktober können Naturfreunde im und um das Heinz Sielmann Naturerlebniszentrum Wanninchen das Schauspiel auf Kranichsafaris, Radtouren oder direkt am Schlabendorfer See erleben. Im September finden jeweils donnerstags bis sonntags Kranichbeobachtungen ab 18 Uhr, (im Oktober ab 17 Uhr) statt. Kosten: Zwei Euro

Kranichsafaris im Kleinbus im September jeweils freitags, ab 15 Uhr, im Oktober ab 14 Uhr, Kosten 25 Euro (Anmeldung erforderlich)

21./22. September: Kranichcamp für Kinder und Jugendliche, 20 Euro inkl. Verpflegung, Übernachtung im Haus

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