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  • Iranischer Frauenfussball

Fußball als Freiheitskampf

Gegen Gewalt und Anfeindungen: Iranische Frauen suchen über sportliche Siege gesellschaftliche Fortschritte

  • Von Oliver Eberhardt, Kairo
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wirklich frei können sich iranische Fußballerinnen und ihre Fans nur im Ausland fühlen – wie beim Discover Football Festival in Berlin.
Wirklich frei können sich iranische Fußballerinnen und ihre Fans nur im Ausland fühlen – wie beim Discover Football Festival in Berlin.

Bam liegt mitten in der ostiranischen Steppe. Arm ist man hier, seitdem die Stadt 2003 und 2004 von zwei schweren Erdbeben heimgesucht wurde - und sehr, sehr konservativ. »Es hat mich deshalb wirklich sehr überrascht als plötzlich eine Gruppe von jungen Frauen aus dieser Stadt auftauchte und Fußball spielte«, sagt Katayoun Khosrowyar.

Denn Frauen und Fußball, das ist im Iran auch heute noch so eine Sache: In der Islamischen Republik ist der Sport ausgesprochen populär. Wenn die iranische Nationalmannschaft spielt, ein wichtiges Ligaspiel ansteht oder sogar ein iranischer Klub gegen einen großen Namen aus dem Ausland spielt, dann sind die Straßen in den Städten menschenleer. Die Frauen sitzen dann vor dem Fernseher. Denn ein Fußballstadion betreten, wenn Männer Fußball spielen, das dürfen sie immer noch nicht. Viele Frauen versuchen, die geltenden Regeln geschickt zu umgehen. Und das Stadionverbot gilt auch in umgekehrter Richtung: Männer dürfen offiziell keine Spiele von Frauenteams besuchen. Doch die Klubs lassen sie einfach rein.

Die langsame Öffnung der iranischen Gesellschaft spielte sich bislang fast ausschließlich in den Städten ab. Dort, wo die Bevölkerung jung ist und sich auch Gedanken über Alternativen zu den schiitischen Auslegungen des islamischen Glaubens macht. »Aber das verändert sich ganz offensichtlich«, sagt Khosrowyar. Die 30-jährige ist die Nationaltrainerin des U19-Frauen-Nationalteams. Sie kam 2005 aus Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma nach Teheran: »Eigentlich wollte ich nur meine Familie besuchen«. Doch dann wurde die Profifußballerin, die sich damals um ein Stipendium an einer amerikanischen Universität bemühte, vom Frauen-Futsal-Team der Universität Teheran angeworben. Futsal war neben dem Schießsport die einzige Sportart, die damals für Frauen als akzeptabel galt.

Katayoun Khosrowyar blieb - und organisierte gleich ein Frauenfußballteam. Im gleichen Jahr wurde dann auch das iranische Frauenfußballnationalteam gegründet. Anfangs standen die Spielerinnen ohne Ausrüstung, ohne Finanzierung und ohne Trainingseinrichtungen da. »Alles mussten wir uns mühsam selbst erkämpfen. Wir haben endlos darüber mit dem Nationalverband gestritten.« Eine Bedingung, die man bis heute nicht losgeworden ist, ist die Vorschrift, das weibliche Spielerinnen den Hijab zu tragen haben. 2012 durfte das Nationalteam deshalb nicht an den Olympischen Spielen in London teilnehmen. Offizieller Grund: Die Fußballerinnen könnten sich mit der Kopfbedeckung strangulieren.

Nun, 13 Jahre später, erlebte Khosrowyar also mit, wie Frauen aus der erzkonservativen Steppenstadt Bam kamen und unter dem Namen Schardari Bam gegen elf andere, besser trainierte und ausgerüstete Frauenteams iranischer Fußballmeister wurden.

Seit 2005 am Ball: Nach hartem Anfang sind für Sara Zohrabien (r.) Länderspiele wie gegen Schweden mit Lisa Dahlkvist ein Stück Normalität.
Seit 2005 am Ball: Nach hartem Anfang sind für Sara Zohrabien (r.) Länderspiele wie gegen Schweden mit Lisa Dahlkvist ein Stück Normalität.

»Auch wenn ich noch nie dort gewesen bin, war das für mich ein Sieg für alle Frauen im Iran«, sagt Nilufar Ardalan. Die 33-Jährige ist Nationalspielerin - die einzige, die offen über die negativen Seiten des Frauenfußballs spricht, sie hat einige davon selbst erlebt. Und gleichzeitig bewiesen, wie groß die Macht des Fußballs im Iran ist. 2015 verpasste sie die Weltmeisterschaft in Guatemala. Der Grund: Ihr Mann hatte ihr die Erlaubnis zur Ausreise verweigert. Er selbst begründete das damit, dass Ardalan sonst die Einschulung der Tochter verpasst hätte. Öffentlich warf er seiner Frau aber vor, den Fußball über ihre »Pflichten als Mutter und Ehefrau« zu stellen. »Meine Familie wäre darüber fast zerbrochen«, sagt sie. »Wir haben sehr viel diskutiert, und heute denke ich, dass das eine sehr gute Sache war, denn mein Mann, meine Verwandten und ich sind uns näher gekommen, besprechen uns öfter.« Doch Ardalan ließ es dabei nicht bewenden: Unermüdlich forderte sie öffentlich eine Änderung der Regelungen, schrieb an die Regierung und Ajatollah Ali Khamenei. Mit Erfolg: Für iranische Verhältnisse erstaunlich schnell wurden die Ausreisevorschriften geändert.

Doch perfekt ist deshalb noch lange nichts: Während die Zahl der Frauenfußballteams von Monat zu Monat steigt, berichten einige der Fußballerinnen aus Bam anonym von Anfeindungen und Gewalt. Ihre Namen wollen diese Frauen nicht in der Zeitung lesen: »Ich spiele Fußball mit großer Begeisterung, der Sport gibt mir Freiheit, die ich im Alltag nicht habe«, sagt eine der Spielerinnen. »Doch man kann kaum jemandem sagen, dass man Fußball spielt, viele Leute verstehen das nicht. ›Mach Deinen Haushalt, reicht Dir das nicht aus?‹ wird man gefragt.« Oder: »Wann bekommst Du endlich Kinder?« Sie berichtet von zwei Frauen, die von ihren Familien verprügelt worden sind: »Ich verstehe, dass diese Frauen deshalb aufgehört haben. Man kann nicht einfach aus Bam weg gehen. Denn was wird in einer Großstadt aus einer alleinstehenden Frau aus der Provinz?«

Auch U19-Nationaltrainerin Khosrowyar kennt diese Probleme. »Ich versuche deshalb nicht nur das Sportliche, sondern auch das Emotionale zu trainieren«, sagt sie. »Stärke und Widerstandswillen stecken in den Genen iranischer Frauen, und das versuche ich zu fördern.«

Zu all den Problemen kamen vor einigen Jahren die Vorwürfe, einige der Spielerinnen im Nationalteam seien tatsächlich Männer. Homosexualität ist in Iran illegal. Eine recht große Zahl von Betroffenen unterzog sich deshalb in den vergangenen Jahren einer, in Iran legalen, Geschlechtsumwandlung. Andere leben als Frau, in der Hoffnung, der staatlichen Verfolgung zu entgehen. Zwei Betroffene berichten, sie hätten zeitweise Hormone genommen, um weiblicher zu wirken. Die psychischen und körperlichen Folgen sind extrem: Als Teil eines Frauenteams habe man wenigstens die Möglichkeit, Sport zu treiben, normal zu erscheinen. Das verschaffe wenigstens etwas Entlastung.

Die Frauenteams selbst schauen meist weg, teilweise weil die Spielerinnen kein Problem mit Homosexualität haben. Sehr viel öfter aber, weil die Spielerinnen der weit verbreiteten Ansicht folgen, dass Homosexualität ein Symptom dafür ist, dass ein Mann eine im falschen Körper geborene Frau ist. Auch hier beginnt sich das Denken erst sehr langsam zu verändern.

Immerhin: In den Städten bildet sich mittlerweile recht schnell eine westlich orientierte Gesellschaftsschicht. In den Parks sind Väter, die mit ihren Töchtern Fußball spielen, schon ein alltägliches Bild.

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