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Radikalität der Wohlfühlfragen

Bei der linken Woche der Zukunft gingen die Teilnehmer auf eine Zeitreise - so manche wünschen sich mehr solcher Debatten in ihrer Partei

  • Von Josephine Schulz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Linke Woche der Zukunft: Radikalität der Wohlfühlfragen

Julia Lehnhof steht neben einem grauen Campingzelt, darin ein Hocker, von der Decke hängt eine Lichterkette. Immer wenn die Besucher der Linken Woche der Zukunft aus den Veranstaltungsräumen über den Flur strömen, lädt die junge Frau sie zu einer »Zeitreise« in das Zelt ein. »Wir wollen hier einen Ort bieten, wo sich die Leute nach dem vielen Input mal zurückziehen können.« Manche sitzen einfach 20 Minuten allein in der grauen Höhle, mit anderen führt Lehnhof ein Gespräch, stellt Fragen und hilft, die Gedanken zu ordnen.

Die Arbeit der Zukunft, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, eine nachhaltige Lebensweise - das seien Themen, die viele beschäftigen, erzählt Lehnhof. Zum Teil auf ganz persönlicher Ebene; ob man selbst im Alter noch abgesichert sei, mit welchem Verzicht ein nachhaltiger Lebensstil einhergehe, aber auch, wie man als Partei oder Organisation den gesellschaftlichen Widerständen begegnen könne.

Veranstaltet wird die viertägige Linke Woche der Zukunft von der Linkspartei. Auf dem Programm stehen Workshops und Diskussionen zu Digitalisierung, Wachstumskritik, Feminismus, Migration und zur Verkehrswende. Es sind vor allem Themen, die von manchem Linken gern als »Wohlfühlfragen« urbaner, intellektueller Milieus abgetan werden. In den Sälen am Franz-Mehring-Platz 1 aber zeigt sich: Kapitalismuskritik, der Kampf gegen ökonomische Strukturen hat als Zukunftsthema keineswegs ausgedient. Ob Liberalisierung von Abtreibungsregelungen oder guter Nahverkehr, all dies seien, so der breite Konsens, im Kern auch antikapitalistische Fragen.

So meint die Dramaturgin Margarita Tsomou zum Abschluss des feministischen Labors, sie finde den Vorwurf, dass der Neoliberalismus den Feminismus aufgesaugt habe und an die Stelle von Systemkritik der bloße Kampf für individuelle Rechte getreten sei, grundfalsch: »Beim Recht auf Abtreibung geht es darum, dass der Staat Kontrolle über den weiblichen Körper ausübt und der Frau damit die gesellschaftliche Aufgabe unbezahlter Reproduktions- und Sorgearbeit aufdrängt.« Und diese unbezahlte Arbeit durch Frauen, findet Tsomou, sei ein Grundbestandteil des Kapitalismus.

In einem anderen Saal fragt die Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig ins Publikum, wer sich als Wachstumskritiker verstehe. Fast alle heben den Arm. Auch die Kommentarwände vor den Türen zeigen, viele wollen weg vom Mantra des höher, schneller, weiter. Nina Treu, Mitbegründerin des Konzeptwerk Neue Ökonomie, erzählt von ihren Erfahrungen: »Wachstumskritik ist ein guter Ansatz, um mit Leuten ins Gespräch darüber zu kommen, welche Wirtschaft sie gern hätten, auch mit jenen, die sich noch nicht mit Kapitalismuskritik auseinandersetzen.« Man müsse eine positive Vision schaffen, die die Leute auf die Straße zieht, um dort Druck zu machen. Die Professorin Birgit Mahnkopf zählt auf, welchen Schaden die Produktion immer neuer, unnützer Konsumartikel anrichte. Der LINKEN-Politiker Axel Troost wendet ein: »Im Moment gibt es nicht ansatzweise die Bereitschaft oder politische Mehrheiten dafür, der Reihe nach Industrien einzudampfen. Und ich sehe auch kaum Konzepte, wo die Ersatzarbeitsplätze herkommen sollen.«

Dafür gibt es weniger Applaus. Kämpferische Aufrufe kommen besser an als die Sorge um fehlende Mehrheiten. Viele machen in leidenschaftlichen Diskussionsbeiträgen deutlich: Sie wünschen sich mehr Radikalität. Und, dass die Linkspartei immer dann, wenn über Dürre, den Hambacher Forst oder den Kohleausstieg in der Lausitz geredet wird, mit eigenen Visionen nach vorne drängt.

Vage bleibt an vielen Stellen die Umsetzung - und eben auch die Frage, wie sich Mehrheiten gewinnen lassen: Braucht es klare Verbote, etwa für Inlandsflüge, beim individuellen Autoverkehr oder Fleischkonsum - kurzum für Verhalten, das Umwelt und Gesellschaft schadet? Oder müssen Anreize geschaffen werden? Soll man die Menschen für ihr Verhalten an den Pranger stellen oder vorsichtig appellieren? Die Meinungen gehen auseinander.

Im Innenhof, wo kleine Grüppchen zusammensitzen - auch die Parteivorsitzenden haben sich hier unters Volk gemischt - erzählt ein junger Ingenieur aus Berlin mit ClubMate-Flasche in der Hand: »Die Diskussionen sind interessant, aber mir fehlen ein bisschen die konkreten, positiven Beispiele, an die sich anknüpfen lässt oder eben klare Strategien, wie man die schaffen kann.«

Insgesamt haben die Veranstalter wohl auf mehr Besucher gehofft. In den großen Veranstaltungssälen, die Platz für mehrere Hundert Menschen böten, bleiben viele Stuhlreihen leer. Eine echte Aufbruchstimmung will sich bei allem Werben um mehr Radikalität nicht wirklich einstellen. Ein gutes Gefühl nehmen die meisten trotzdem mit: »Ich finde es total spannend, hier so viele Leute aus unterschiedlichen Städten zu treffen, die sich alle einen Kopf um die gleichen Fragen machen und nach Lösungen auch in ihrem Umfeld suchen«, sagt eine angehende Studentin. Manchmal wünsche sie sich auch in der Partei ein wenig mehr Raum für diese Ideen. »Ein bisschen weniger formale Gremienarbeit wäre vielleicht schön.«

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