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Meister der gut sitzenden Anekdote

»Siegfried«, Jörg Schröders Klassiker über Hochstapeleien und Abstürze im Literaturbetrieb, ist neu erschienen

  • Von Jan-Frederik Bandel
  • Lesedauer: 5 Min.

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Ach, da ist es also. Es hat etwas für sich, die Neuausgabe des Erinnerungsbuches »Siegfried« von Ernst Herhaus und Jörg Schröder in der Herbstvorschau von Schöffling & Co. annonciert zu sehen. Da sind auch der literarische Katzenkalender, Katzen-Wochenplaner und Katzenkalender, ein niederländischer Krimi, der in den Sümpfen Louisianas spielt, ein serbischer Roman »auf den Spuren Marcel Prousts in der Normandie«, eine Neuausgabe von Irina Liebmanns Berlin-Roman und eine leider zur »bibliophilen Kostbarkeit« geratene Ausgabe der unfassbar guten Waldmann-Gedichte von Ror Wolf (»Vorzugsausgabe in Ganzleder« für 798 Euro).

Klar, Jörg Schröder wusste zeitlebens nur zu genau, dass man in der Bücherwelt ohne Mischkalkulation nicht auskommt - er hat schließlich Ende der 50er-Jahre eine Buchhändlerlehre absolviert (und wäre wohl ein hervorragender Buchhändler geworden, hätte er’s sich nicht glücklich verdorben), hat Verlagswerbung gemacht (und hätte’s wohl zum Agenturchef gebracht, wäre er nicht schleunigst entflohen), hat den maroden Judaica-Verlag Melzer binnen kürzester Zeit in einen so klugen wie schrillen Pop-, Literatur- und Politverlag verwandelt und hat sein politisch-literarisches Großprojekt, den 1969 gegründeten März Verlag durch ein beispiellos aufgezogenes Porno-Business gestützt und hat schließlich seine Rechte immer wieder in den literarischen Gemischtwarenhandel getragen - das Taschenbuchgeschäft. Schröder könnte heute von der Terrasse seiner Villa auf den Gardasee herabblicken, wäre er nur ein wenig besser darin, zu konsolidieren, was er so lässig aufzureißen scheint.

»Siegfried« erschien 1972 im erstmals dem Konkurs entgegenschlitternden März Verlag und wurde dann in diversen Verlagen nachgedruckt. Nur eine Lizenz wie andere? Nein, denn Jörg Schröders Lebensmensch, seine Partnerin, Koautorin und Kombattantin Barbara Kalender hat die Wendungen, Aufstiege und Abstürze dieses Lebens verzeichnet (1938 wurde Schröder in Berlin geboren, wo er nun seit vielen Jahren wieder lebt und im Oktober seinen 80. Geburtstag feiert - ob er das am Gardasee auch könnte, bezweifele ich, denn Jörg Schröder braucht die Höhenflüge, Abstürze, Talsohlen und Balanceakte). Und die einige der unzähligen Begegnungen dokumentiert, die Schröders Neugier als Verleger, später als literarischer Erzähler - und immer als streitlustiger, aber überaus aufmerksamer Mensch - mit sich gebracht hat: Heinrich Böll, Rolf Dieter Brinkmann, KD Wolff, Uwe Nettelbeck, Henryk M. Broder, Hubert Burda, Bazon Brock, Jan Philipp Reemtsma, Françoise Cactus, Christiane Ensslin, Horst Tomayer usw.

Disclaimer: Auch ich habe meinen Auftritt in diesem Anhang, helle Hose, dunkle Socken, womit nicht nur meine heilige Unparteilichkeit als Rezensent flöten ist (soll sie mal - ich gebe ohnehin nichts auf Rezensionen oder Unparteilichkeit), sondern auch ein wichtiges Prinzip des Erzählers Jörg Schröder angesprochen ist: Wer seinen Weg kreuzt, wird sich mit einiger Gewissheit auch in seinen Erzählungen wiederfinden, von denen der »Siegfried« ja nur die erste literarische ist, 1982 folgte »Cosmic« (mit Uwe Nettelbeck), von 1990 bis 2018 dann die insgesamt 68 Folgen des Fortsetzungswerks »Schröder erzählt« (mit Barbara Kalender).

Das ist aber nicht das Einzige, was mir auffällt, während ich in der Schöffling-Vorschau blättere: Dieses Buch ist in dieser etwas biederen, aber doch dezidiert literarischen Umgebung vielleicht als etwas zu erkennen, das die Verlagswerbung mit ihrem Presse-Potpourri gerade zu verstellen sucht. »EINE BOMBE IM GELBEN UMSCHLAG«, schreit einen da nach über 40 Jahren ein Dieter E. Zimmer (»Die Zeit«) an … »Büchermachen zwischen Suff und Puff.« (»Westdeutsche Allgemeine«) … »Er zieht dem Feuilleton-Gewerbe die Hosen runter und präsentiert dessen häßliche Blöße: korrupte Redakteure, ignorante Kulturkritiker, eine Schickeria, die sich immerzu selbst bespiegelt, Dummheit und Opportunismus überall.« (Westdeutscher Rundfunk).

Klar, falsch ist das alles nicht: Schröder erzählt dem Schriftsteller Ernst Herhaus vom Büchermachen und -verkaufen, also von Kreditverhandlungen, Hochstapeleien, Intrigen, Korruption, Illoyalitäten und fragwürdigen Egos allenthalben. Dann wurden die Bänder abgetippt und redigiert. Schröders Erzählen ist scheinbar schnell, immer operativ und interventionistisch, und natürlich weiß er als Meister der gut sitzenden Anekdote, dass man die Meinungshändler des Kulturbetriebs nur mit einem Thema wirklich erwischt: Man muss ihnen von ihnen selbst erzählen. All das ist also richtig, das Buch ist schrill und bemerkenswert (weil es das Verhältnis von Erzählung und Indiskretion immer wieder neu bestimmt). Aber wie Schöffling kein schnarchiger Katzenkalender-Verlag und Ror Wolf kein braver Bibliophilen-Dichter ist, so ist Jörg Schröder kein pöbelnder und plaudernder Skandalautor. Er weiß den Skandal zu kalkulieren, er weiß ihn auch literarisch zu nutzen und die Invektiven zu platzieren - aber seine Literatur geht darin nicht auf.

Man vergisst schnell, dass »Siegfried« zwar ein Buch über Verlage, Bordelle und betrunkene Abstürze ist, aber eben auch ein Buch über eine Kindheit im Nationalsozialismus, über frühe Nachkriegsjahre unter den Parias selbst des mühsam sich wieder aufrappelnden Berlin (allen voran der titelgebende »Onkel« Siegfried, mit dem sich Schröders Mutter zusammentat, ein Illusionist, der sich von Scheingelegenheit zu Scheingelegenheit hangelte und dabei immer weiter hinab sank in der wieder aufstrebenden Gesellschaft).

Und man vergisst leicht, worin das eigentliche Talent des Erzählers Jörg Schröder liegt, nämlich in der Aufmerksamkeit, mit der er in jedem Mikrokosmos, den er betritt (sei’s die Schrobsdorff’sche Buchhandlung, der Melzer’sche Familienbetrieb oder das Bundespresseamt), die psychischen und die sozialen Dynamiken beobachtet, die falschen Töne, die verräterischen Blicke, Ersatz- und Alibihandlungen, die offenen und verborgenen Unterwürfigkeiten usw.

Ein Erzähler, der außerdem begreift, dass er ein Gegenüber hat, dass Erzählen nicht dann gut ist, wenn es ganz bei sich ist, sondern wenn es die Reaktion einkalkuliert: Es braucht ein bisschen Schroffheit, ein bisschen Kitsch, ein bisschen Reflexion, ein bisschen Lässigkeit und Erregung, es braucht Finten und Pausen. Dass Schröders Erzählen zuallererst ein sozialer Akt ist - also das Ausprobieren, Wiederholen und gezielte Zuspitzen von Anekdoten, die ihre Wirkung durchaus entfalten sollen -, liegt auf der Hand. Eigentlich neidisch aber macht, dass er es versteht, aus diesem Erzählen keine Routine zu machen, sondern etwas weit Undankbareres: Literatur.

Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus: Siegfried. März. Schöffling & Co., 544 S., geb., 28 €; Buchpremiere am 19. September, 20 Uhr in Hamburg, in der Buchhandlung Lesesaal, Stadthausbrücke 6.

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