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Entspannte Jungmänner-Sinnsuche

Franz Beil inszeniert »Hähnchenhaus Fotzycat« am Ballhaus Ost

  • Von Thomas Mustroph
  • Lesedauer: 3 Min.

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Naturalismus muss man aushalten können. Als Schauspieler im Bühnenlicht, aber auch als Publikum, das aus dem Dunkeln erwartungsvoll in den hellen Raum starrt. Zu Beginn von »Hähnchenhaus Fotzycat« im Ballhaus Ost ist man zunächst mit Performern konfrontiert, die hingebungsvoll bewegungslos in einem unaufgeräumten Zimmer liegen und zu schlafen vorgeben. Nichts passiert, außer, dass zwei zugedeckte und nur mit den Gliedmaßen hervorlugende Körper Schlaf simulieren. Man spürt förmlich die Anstrengung, die es den Geist, der diese Körper bewegen will, kostet, sie noch weiter in der Starre zu belassen. Denn das Licht brennt ja, und die Show hat längst begonnen. Wie mühsam, das eigene Rampensau-Sein noch zu beherrschen.

Franz Beil, bekannt als Schauspieler für René Pollesch an der alten Volksbühne, nicht so bekannt als jugendlicher Mime des Friedrichshainer Laientheaters TIK (Theater im Kino), weshalb er das gern und offenbar von Dankbarkeit getragen in seiner Vita erwähnt, hält in seiner ersten Regiearbeit sich und seine teils auch aus dem Volksbühnenkosmos mitgebrachten zwei Schauspielkollegen jedenfalls recht lange zur Spielverweigerung an.

Die setzt sich auch nach dem in aller Breite ausgemalten Aufstehen der Jungmänner fort. Ein dritter, zuvor unter allerlei Kram verborgener Männerkörper wird sich dann ebenfalls in die Vertikale bemühen. Danach wird etwas geräumt im Zimmer. Party-Unordnung wird beseitigt, Müll entsorgt. Ganz unvermittelt steht Tapezieren an, verbunden mit dem rituell wiederholten Aussprechen des Satzes: »Ich möchte keine langweilige Kunst mehr machen.«

Ob sich Regisseur und Spieler Beil mit dem Stück von seiner Volksbühnenvergangenheit emanzipieren will, bleibt ungeklärt. Immerhin wird man Zeuge eines Ringens um Orientierung, um Gewinnung eines Lebenssinns. Dieses Ringen allerdings ereignet sich nicht angestrengt, nicht mit Falten auf der Stirn. Es ist auch nicht mit dem Schweiß, der körperlicher Verausgabung folgt, verbunden. Nein, es geschieht so nebenher. Und das ist, verglichen mit dem angestrengten Ernst so mancher Bühnenproduktion der freien darstellenden Künste, durchaus erholsam. Hier ironisiert ein vom Stadttheater ausgespuckter Bursche das freie Produzieren. Er macht sich über Antragsmodalitäten lustig, freut sich über Förderung und probt als Narr die Pose eines Meisterregisseurs. Das hat zuweilen Witz.

In den besten Momenten fühlt man sich an jene plötzliche Klarheit erinnert, die bei durchzechten Nächten so zwischen drei und sechs Uhr morgens einzutreten pflegt, wenn ein ebenfalls an mit schalen Flüssigkeiten halb gefüllten Gläsern sich festhaltender Schlaks plötzlich ein Thema entdeckt hat, an dem die benebelten Sinne sich festzuhalten vermögen. Das reißt den Geist kurz aus den Tiefen des Brütens heraus. In die pflegt er wenig später bereits freilich, beim nächsten Glas, beim nächsten Müdigkeitsschub wieder zurückzusinken, natürlich. Aber es gab, immerhin, ein gedankliches Aufbäumen mit selten erlebter Klarheit.

Franz Beil hat, zumindest bei der Premiere, mit seinem eher auf Zuruf reagierenden und nicht durchs Textbuch disziplinierten Team diesen kleinen, so temporären wie illusionären Erleuchtungszustand zu fixieren vermocht. Dies ist keine geringe Leistung.

Eine ganz große allerdings auch nicht. Wer Beil geneigt ist, wird ihm zugestehen, die Pollesch-Themen Identitätsfragmentierung und Krise der Darstellungsmodi von Diskurskaskaden auf schlanke, sehr einfach klingende Sätze reduziert zu haben. Wer ihm weniger geneigt ist, wird nur das parodistische Moment zur Kenntnis nehmen.

Noch, immerhin, steht diese Produktion mit dem banal-verspielten Titel »Hähnchenhaus Fotzycat« an der Schwelle, Kultstück einer lässig angestrengt-unangestrengt suchenden Jungmännerhorde zu werden oder doch, ganz zu Recht, im dunklen Reich kaum gespielter und gleich vergessener freier Schauspielproduktionen zu versinken.

Nächste Aufführung: 23. September. Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Prenzlauer Berg.

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